Rund 150 Schüler:innen diskutierten am Wochenende über die Ausrichtung, Organisierung und internationale Zusammenarbeit der Schulstreikbewegung. Trotz offener Fragen zeigte die Konferenz den gemeinsamen Willen, die Bewegung weiterzuentwickeln. – Ein Bericht von Noah Böhme.
Am vergangenen Wochenende fanden sich in Essen etwa 150 Schüler:innen zur inzwischen bereits dritten Schulstreikkonferenz zusammen. Zur Konferenz eingeladen hatte die Initiative Schulstreik gegen Wehrpflicht, die im vergangenen Jahr die Bewegung und die Gründung von lokalen Schulstreikkomitees angestoßen hatte.
Das Programm bestand nach der Begrüßung der Delegierten und diversen Eröffnungsreden zunächst aus Workshops in zwei Phasen. Hier wurden vor allem taktische Fragen besprochen und gemeinsam erarbeitet, wie die Arbeit mit migrantischen Jugendlichen, der Umgang mit Repressionen oder eine gute Online-Präsenz aussehen sollen.
Die letzte Schulstreikkonferenz war auch dieses Mal von intensiven Diskussionen geprägt. Als um 18 Uhr die Abstimmung über die Anträge zur Resolution begann, entwickelte sich eine ausführliche Debatte über insgesamt 90 Änderungsanträge. Kurz vor dem offiziellen Ende der Konferenz wurden – trotz der merkbaren Erschöpfung im Raum – die Resolutionen fertiggestellt.
Resolution entscheidet die Arbeit der nächsten Monate
Die mehrheitlich verabschiedete Resolution nennt Gründe, warum sich Jugendliche der Arbeiter:innenklasse gegen Musterungen, Militarisierung und Wehrpflicht stellen sollten. Gleichzeitig skizziert sie Strategien für die Arbeit zwischen den aktiven Streiks – darunter die Verankerung an Schulen, Aktionen gegen Bundeswehrwerbung und Besuche von Jugendoffizieren, sowie die Zusammenarbeit mit Gewerkschaften und linken Organisationen.
Die Resolution legt außerdem drei zentrale Mobilisierungstermine für die kommenden Monate fest:
- Der nächste Schulstreik wird am 25. September stattfinden. Dann werden Schüler:innen zum vierten Mal statt in den Unterricht auf die Straße gehen, um gegen Wehrpflicht, Aufrüstung und Krieg zu demonstrieren.
- Die vierte Schulstreikkonferenz ist für den 14. und 15. November geplant. Dort sollen die Schulstreikkomitees erneut über die nächsten Schritte der Bewegung beraten. Auf der Tagesordnung steht unter anderem die Entscheidung über eine mögliche Unterzeichnung des SDS-Aufrufs in Solidarität mit Kuba.
- Ein europaweiter Aktionstag am 20. November wurde von einem italienischen Delegierten eingebracht. Anstelle eines weiteren Streiks entschied sich die Konferenz für einen gemeinsamen Aktionstag, um die Zusammenarbeit mit Schüler:innenorganisationen in anderen europäischen Ländern auszubauen. In seiner Rede hob der italienische Delegierte die Bedeutung der Schulstreik-Bewegung als Inspiration für klassenkämpferische Jugendliche in ganz Europa hervor: „Wir schauen uns das deutsche Modell sehr genau an. Viele andere Länder werden sich mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit für die Mobilisierung engagieren, weil sie Deutschland als Vorbild betrachten.“
Auch seine Bitte um Beteiligung stieß im Saal auf große Zustimmung: „Wenn es euch gelingt, euch uns anzuschließen, wäre das ein großer Schub für die gesamte Studierendenbewegung in Europa.“
Die Entscheidung statt zu einem Streik zu einem Aktionstag aufzurufen, wurde im Saal unterschiedlich aufgenommen. Begrenzte Kapazitäten für eine Organisierung von zwei Streiktagen innerhalb von zwei Monaten sowie offene Fragen bei einer europaweiten Zusammenarbeit wurden als Gründe aufgeführt. Gleichzeitig verbindet die Bewegung mit diesem Beschluss das Ziel, die Zusammenarbeit mit anderen Gruppen auszubauen und eine stärker von internationaler Solidarität geprägte Praxis zu verfolgen.
Wie geht es weiter?
Ob aus dem Austausch in der Diskussion auch eine gemeinsame Handlungsfähigkeit auf der Straße entsteht, wird sich spätestens im September zeigen.
In Gesprächen am Rande der Konferenz bekräftigte der italienische Delegierte erneut die Bereitschaft, sich für ein gemeinsames Auftreten an der deutschen Bewegung zu orientieren – auch wenn dies möglicherweise eine Abkehr vom bisherigen Streikkonzept bedeuten würde. Gleichzeitig machte er deutlich, dass es innerhalb der italienischen Schüler:innenbewegung weiterhin unterschiedliche Positionen gibt.
Viele Delegierte verließen die Diskussion erleichtert, doch einige zentrale Fragen bleiben offen. Sie wurden auch in mehreren Anträgen aufgegriffen: Wie kann sich die Bewegung zwischen dem Anspruch, möglichst viele Menschen zu erreichen, und einem kämpferischen Selbstverständnis weiterentwickeln? Welche Strukturen braucht sie, um demokratisch und handlungsfähig zu bleiben? Und welche Rolle spielen Frauen und LGBTI+ in der Auseinandersetzung mit der Kriegsvorbereitung, in der Bewegung selbst und in ihrer politischen Ausrichtung?
Trotz dieser offenen Fragen ist es den Delegierten der Schulstreikkonferenzen – und damit den Vertreter:innen der Schüler:innen und Jugendlichen, die immer wieder zu Tausenden gegen die Wehrpflicht auf die Straße gehen – gelungen, erneut eine gemeinsame Grundlage für die inhaltliche Ausrichtung und die weitere Arbeit der Bewegung zu schaffen.

