Fall Pedro Corona: Neues Video widerspricht Darstellung der Polizei

Bei einem Polizeieinsatz während einer psychischen Ausnahmesituation erleidet ein 30-jähriger Erzieher aus Köln schwere, irreversible Hirnschäden. Trotz Vorwürfen von Anwalt und Augenzeugen ermittelt die Staatsanwaltschaft bislang nicht gegen die beteiligten Polizist:innen. Ein Handyvideo von Pedro selbst liefert nun neue Beweise.

Als sich der 30-jährige Pedro Corona am 8. April in einem psychischen Ausnahmezustand befindet, entscheiden sich seine zwei anwesenden Freunde, den Rettungsdienst zu rufen. Nachdem sich die Rettungssanitäter:innen mit ihm eine Weile unterhalten haben, sehen sie keinen weiteren Handlungsbedarf. Pedro will danach alleine sein und schubst wohl einen seiner beiden Freunde, der entgegen Pedros Willen bleiben will, aus der Wohnung.

Daraufhin ruft der Rettungsdienst die Polizei hinzu. 90 Minuten später hat Pedro einen Herzstillstand – für 23 Minuten. Er wird reanimiert und in die Uniklinik eingeliefert. Die Ärzte sprechen von einer „schweren hypoxischen Hirnschädigung“, wohl ausgelöst durch einen akuten Sauerstoffmangel während der Fixierung.

„Schwere Polizeigewalt“

Pedros Anwalt Simón Barrera Gonzàlez bezeichnet den Einsatz als „schwere Polizeigewalt“. Grund dafür ist, dass die Polizei ihn in Bauchlage am Boden fixierte und ihm eine Spuckmaske über das Gesicht stülpte. Zudem verabreichte die Notärztin das starke Beruhigungsmittel Midazolam über die Nase. „Diese Kombination ist für sich genommen schon unzulässig und höchst fahrlässig, wenn nicht sogar vorsätzlich mit Blick auf schwerste Schädigungen bis zum Erstickungstod“, erklärt Gonzàlez.

„Zuerst muss klar werden, was wirklich passiert ist, und Verantwortung übernommen werden“ – Interview mit der Initiative Justice for Pedro

Auch ein Nachbar beschreibt gegenüber dem SWR die Situation als unverständlich. Pedro sei vor dem Haus gegen seinen Willen mit dem Kopf nach unten und mit gefesselten Händen auf eine Rettungsliege gedrückt worden. Kurz darauf habe niemand mehr in seiner Nähe gestanden. „Er lag da nur noch sehr ruhig auf der Liege. Und da habe ich mir ehrlich gesagt auch schon beim Beobachten Sorgen gemacht. Ich dachte mir, warum guckt denn jetzt niemand von der Polizei, wie es dem überhaupt geht?“

Neues Video spricht gegen Darstellung der Polizei

Pedro hat durch den Einsatz irreversible Hirnschäden erlitten, lag monatelang im Koma und muss aktuell rund um die Uhr gepflegt werden. Dass er sich davon erholen werde, sei unwahrscheinlich. Die Polizei rechtfertigt den Einsatz damit, dass Pedro gewalttätig gewesen sein soll. Die Kölner Staatsanwaltschaft schreibt dazu: „Er schlug und trat in Richtung der zunächst eingetroffenen zwei Polizeibeamten.“

Nun liegt jedoch ein neues Video vor. Dieses wurde von Pedro selbst aufgenommen, war jedoch lange Zeit nicht bekannt, da sich das Handy im Gewahrsam der Polizei befand. Pedros Anwalt veröffentlichte dieses Video nun. „Ich werde mit diesem Video beweisen können, dass die Polizei Köln bewusst lügt“, erklärt er zu Beginn.

In dem Video sieht man neben einer Rettungssanitäterin einen Polizisten vor Pedros Wohnungstür. Obwohl Pedros Frage, warum dieser hier sei und warum er ihm aufmachen solle, ignoriert wird, öffnet er schlussendlich doch die Tür. Der Polizist geht dann auf Pedro zu und wirft ihn augenscheinlich zu Boden, nachdem Pedro versucht hatte zurückzuweichen. Es ist zu hören, wie Pedro nach Hilfe ruft und schreit, dass ihm Gewalt angetan wird. Dann bricht das Video ab.

Bisher keine Ermittlungen

Eigentlich hätte das Video gar nicht veröffentlicht werden dürfen, da es als Beweismaterial gilt. Sein Anwalt tat dies nun trotzdem. Er nehme die potenzielle Strafe dafür in Kauf, um Aufmerksamkeit auf den Fall zu lenken und öffentlichen Druck zu erzeugen.

Polizeigewalt: Unverzichtbarer Teil dieses Systems

Diesen Druck bräuchte es laut dem Anwalt, da bisher keinerlei Verfahren gegen die verantwortlichen Polizeibeamt:innen eingeleitet wurde. Die Staatsanwaltschaft beziehe sich nämlich nur auf die Aussagen der Polizist:innen und sehe aktuell keinen Anfangsverdacht, der aber benötigt werde, um ein solches Verfahren einzuleiten. Die Hürden für einen Anfangsverdacht sind jedoch recht niedrig.

Neben dem Anwalt setzt sich auch die Initiative für Pedro für Aufklärung und Gerechtigkeit ein. Um die hohen medizinischen, organisatorischen und rechtlichen Kosten, sowie die Reisekosten seiner Familie aus Venezuela nach Deutschland zu finanzieren, hat sie eine Spendenkampagne gestartet.

Perspektive Online
Perspektive Onlinehttp://www.perspektive-online.net
Hier berichtet die Perspektive-Redaktion aktuell und unabhängig

MEHR LESEN

PERSPEKTIVE ONLINE
DIREKT AUF DEIN HANDY!