Fünf Jahre nach der Flut im Ahrtal: Im Stich gelassen vom Staat, aufgefangen von der Solidarität

Die Flut im Ahrtal riss über 100 Menschen in den Tod. Fünf Jahre später sind weder der Wiederaufbau noch der Katastrophenschutz auf der Höhe der Zeit – während der Klimawandel längst neue Extremwetter bringt. Was blieb, war vor allem die Solidarität der Menschen selbst. – Ein Kommentar von Gillian Norman.

Vom 14. auf den 15. Juli 2021 breitete sich ein starkes Unwetter über Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen aus. Riesige Regenmassen fielen innerhalb kürzester Zeit und verwandelten kleine Flüsse in tödliche Sturzfluten. Bis zu 150 Liter pro Quadratmeter regnete es in Teilen der Region innerhalb von 24 Stunden.

Besonders betroffen war das Ahrtal im Norden des Landes Rheinland-Pfalz. Im Einzugsgebiet der Ahr fielen fast 95 Liter Regen. Normalerweise überschreitet die Regenmenge im gesamten Juli nicht die Marke von 70 Litern pro Quadratmeter. Über 130 Menschen verloren dort ihr Leben. Deutschlandweit waren es sogar über 180 Tote und über 800 Verletzte.

Nicht nur eine Naturkatastrophe

Doch die Auswirkungen dieses Extremwetterereignisses waren nicht nur das einfache Ergebnis der großen Wassermassen. Verschiedene andere – auch menschengemachte und systembedingte – Faktoren führten zu dieser Tragödie.

So führten unter anderem geographische Bedingungen dazu, dass beispielsweise der Ort Schuld besonders hart getroffen wurde. Zwei Schleifen der Ahr umrahmen den Ort, wodurch das Hochwasser gleich von mehreren Seiten eindringen konnte. Doch auch an anderen Stellen führte das bergige Gelände zur Kanalisierung der Wassermassen. Zudem konnte der Boden die enormen Niederschläge nicht aufnehmen. Ein regenreiches Frühjahr hatte die oberen Schichten des Bodens bereits an die Grenze seiner Aufnahmekapazitäten gebracht.

Das Ausmaß und die Häufigkeit solcher massiven Regenfälle nehmen immer weiter zu. Das wird vor allem durch den Klimawandel bedingt, der Extremwetterereignisse verschärft. Einerseits trocknen lange Hitzeperioden sowohl die oberen als auch die tiefen Bodenschichten aus, wodurch sie Wasser weniger schnell aufnehmen können. Andererseits nimmt die Luft durch die Erderwärmung mehr Wasser auf, was wiederum durch die Erhitzung der Meere verstärkt wird. Dementsprechend nimmt auch die Niederschlagsmenge zu.

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Aljoscha Kress vom Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie erklärt: „Wenn es wärmer wird, verdunstet auch mehr Wasser. Sieben Prozent pro Grad mehr. Das bedeutet, wenn es wärmer wird, wird auch mehr Wasser in der Luft sein und dieses Wasser kommt auch irgendwann wieder runter. Dann aber geballt in diesen Starkregenereignissen.“

Doch neben den Folgen des Klimawandels führt auch der Umgang mit den Flächen zu größeren Problemen. So zeigt sich im Ahrtal beispielsweise eine dichte Bebauung auch in unmittelbarer Flussnähe. Die großflächige Versiegelung des Bodens sowie die Auslassung von Rückhalteflächen verstärken den Effekt, dass das Wasser keine Möglichkeit hat, abzufließen.

Hinzu kam ein unzureichender Schutz vor dem Hochwasser. Neben fehlenden baulichen Maßnahmen gab es vor allem keine frühzeitige Warnung, die eine Evakuierung ermöglicht hätte. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) erklärte, er habe „rechzeitig gewarnt“. Bereits zwei Tage zuvor waren die ersten Warnungen rausgegangen, am 13. und 14. Juli seien sie dann nochmals verschärft worden. Der Kreis Ahrweiler löste den Katastrophenalarm allerdings erst spät am Abend aus.

Erschwerend kam hinzu, dass große Teile des Funknetzes aufgrund der Schäden, die es bereits am 14. Juli gegeben hatte, ausgefallen waren. Auch Sirenen gab es keine oder sie wurden nicht eingesetzt. Cell-Broadcast sollte laut EU-Regelungen bis 2022 eingeführt werden, wurde in Deutschland aber erst Anfang 2023 und eineinhalb Jahre nach der Flut umgesetzt. Warn-Apps wie Katwarn und NINA zeigten auch Probleme. Einerseits wurden Warnstufen nicht automatisch an die Betreiberfirmen weitergegeben. Zudem wurde die Funktion, durch die Warnungen auch bei aktiviertem Nicht-stören-Modus laut durchdringen, erst später hinzugefügt.

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Keine ausreichende Hilfe vom Staat

Auch wenn viele verschiedene Faktoren dazu führten, dass die Flut so viele Menschen in den Tod riss, zeigte sich doch deutlich, dass der deutsche Staat seine Schutzfunktion nicht einnahm. Sowohl auf kommunaler Ebene als auch in der Landes- und Bundespolitik lassen sich Gründe dafür finden. Bessere Warnsysteme und bauliche Schutzmaßnahmen hätten vieles verhindern können. Außerdem gab es viel Kritik an der Ausstattung und Koordinierung der Rettung.

Auf der politischen Ebene traten zwei Verantwortliche zurück: Anne Spiegel (Grüne) war während der Flut rheinland-pfälzische Umweltministerin. Sie gab 2022 ihr Amt als Bundesfamilienministerin auf, nachdem bekannt wurde, dass sie nach der Flut in Urlaub gefahren war. Auch der Landesinnenminister Roger Lewentz (SPD) trat wegen nachgewiesener schwerer Versäumnisse bei der Lagebeurteilung zurück. Dem damaligen Landrat Jürgen Pföhler (CDU) wurden schwere Versäumnisse angelastet – ein Strafprozess gegen ihn kam jedoch nicht zustande.

Doch auch nach der Flut zeigte der Staat, dass es oft nur bei lauwarmen Worten bleibt. Der Wiederaufbau ist bis heute nicht abgeschlossen. Von den bis zu 30 Milliarden Euro des Sondervermögens Aufbauhilfe wurden erst rund 6,2 Milliarden Euro ausgezahlt – gut ein Fünftel. Davon gingen 5,2 Milliarden an die Länder, etwa 1 Milliarde in die Bundesinfrastruktur.

Sehenden Auges in die nächste Flut

Auch der Bau von neuen Schulen läuft schleppend. Bis heute sind die Schüler:innen der Ahrtalschule in Containern untergebracht. Ebenso bringt die Genehmigung von Anträgen viele Bewohner:innen zum Verzweifeln. Engagierte Nachbar:innen haben daher die Bürgerinitiative „Bahnsteig 1“ gegründet, um Menschen, die bei ihren Bemühungen für Geld vom Land nicht weiterkommen, eine Anlaufstelle zu bieten. „Die Leute sind fertig, die können nicht mehr“, berichtet Anneliese Baltes, eine der Initiator:innen.

Große Solidarität untereinander

Doch auch wenn der Staat seinen eigentlichen Aufgaben nicht nachkam, zeigte sich unter den Anwohner:innen eine große Solidarität und gegenseitige Unterstützung. Zehntausende Menschen fuhren außerdem in das betroffene Gebiet, um mit anzupacken. Und auch heute gibt es Menschen, die ehrenamtlich vor Ort beim Wiederaufbau helfen. So zum Beispiel das selbstorganisierte „Team Dori“, das an zwei Samstagen im Monat vor Ort mit anpackt. „Vom Staat kam da nicht wirklich viel, muss man sagen, wie es ist“, berichtet ein Anwohner. Ohne die weiterhin aktiven Helfer:innen „wäre man noch in der Steinzeit“.

Diese gelebte Solidarität zeigt, dass es in einer von Individualismus und Konkurrenz geprägten Gesellschaft auch andere Wege des Miteinanders gibt. Gerade wenn Menschen merken, dass sie mit ihren Problemen im selben Boot sitzen und nicht auf Hilfe von oben hoffen können, ist das ein wichtiger Anknüpfungspunkt, um weiter zusammenzuwachsen und Spaltungsversuche, von denen es so viele in dieser Gesellschaft gibt, zu überwinden.

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Klar, Krisen wie diese schaffen besondere Bedingungen: gemeinsame Betroffenheit und einen sichtbaren, akuten Notstand. Aber das heißt nicht, dass ein solidarisches Miteinander nur dort möglich ist, wo alles andere zusammenbricht. Eine Gesellschaft, die sich nicht erst in der Katastrophe, sondern grundsätzlich am Prinzip gegenseitiger Hilfe statt an Konkurrenz und Profit orientiert, wäre nicht nur gerechter – sie wäre auch besser auf die Krisen vorbereitet, die der Klimawandel noch bringen wird. Denn am Ende zeigt die Flut im Ahrtal vor allem, dass gerade diejenigen, die nicht Millionen auf dem Konto haben, am stärksten unter den Auswirkungen leiden.

Gillian Norman
Gillian Norman
Redakteur bei Perspektive. Angehender Grundschullehrer und Gut-Wetter-Sportler.

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