Die Zahl der Inobhutnahmen von Minderjährigen ist 2025 deutlich gesunken. Hinter dem Rückgang stehen aber vor allem weniger unbegleitete minderjährige Geflüchtete. Die regulären Inobhutnahmen und Meldungen von Gewalt und Misshandlung steigen jedoch kontinuierlich.
Im Jahr 2025 wurden laut einer aktuellen Veröffentlichung des Bundesamts für Statistik weniger Kinder und Jugendliche durch die Jugendämter aufgenommen und untergebracht als im Vorjahr. Die Zahl der sogenannten Inobhutnahmen sank um 12.600 Fälle beziehungsweise 18 Prozent.
Ausschlaggebend für diesen Rückgang war jedoch fast ausschließlich der Einbruch der Inobhutnahmen unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter von rund 30.800 auf knapp 16.500 Fälle – ein Rückgang um fast 50 Prozent. Diese Entwicklung geht vor allem auf deutlich weniger unbegleitete minderjährige Einreisen nach Deutschland infolge verschärfter Grenzkontrollen und Einreisebeschränkungen im Jahr 2025 zurück. Entsprechend mussten die Jugendämter deutlich seltener Schutzmaßnahmen unmittelbar nach der Einreise einleiten.
Gleichzeitig stiegen die Inobhutnahmen wegen dringender Kindeswohlgefährdung um drei Prozent auf gut 30.300 Fälle. Auch die Zahl der Selbstmeldungen von Kindern und Jugendlichen nahm um neun Prozent auf etwa 10.100 Fälle zu. Eine dringende Kindeswohlgefährdung liegt vor, wenn das Jugendamt zu der Einschätzung kommt, dass das körperliche, seelische oder geistige Wohl eines Kindes oder Jugendlichen akut gefährdet ist und sofortiges Eingreifen erforderlich wird. Ursachen sind etwa körperliche oder psychische Misshandlung, sexualisierte Gewalt, schwere Vernachlässigung oder andere Situationen, in denen das Kind ohne Schutz erheblichen Schaden nehmen könnte.
Auch die Hinweise auf Gewalt entwickelten sich weiter nach oben: Die Zahl der Nennungen körperlicher Misshandlungen stieg gegenüber dem Vorjahr um 1.114 Fälle, die psychischer Misshandlungen um 941. Körperliche Misshandlungen nahmen damit bereits das zweite, psychische Misshandlungen das sechste Jahr in Folge zu. Besonders deutlich fiel der Anstieg bei Mädchen aus.
Steigende Gewalt und Sozialabbau
Verfügbare Kriminalstatistiken zur häuslichen Gewalt und zu Fällen sexuellen Missbrauchs zeigen, dass schwere körperliche, sexuelle und partnerschaftliche Gewalt, von der Kinder häufig unmittelbar oder mittelbar betroffen sind, überwiegend von Männern ausgeübt wird. Die Entwicklung bei den Inobhutnahmen wegen Kindeswohlgefährdung ist daher in eine breitere Tendenz steigender patriarchaler und häuslicher Gewalt einzuordnen. So erreichte das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ 2025 mit mehr als 69.500 Beratungen erneut einen Höchststand. Zugleich steigen die polizeilich registrierten Fälle geschlechtsspezifischer und häuslicher Gewalt seit Jahren.
Anzahl der Anrufe des Hilfetelefons gegen Gewalt an Frauen erreicht neuen Höchststand
Ein Teil dieser Entwicklung ist darauf zurückzuführen, dass Gewalt häufiger erkannt, benannt und gemeldet wird. Die hohe Dunkelziffer nimmt durch eine größere gesellschaftliche Sensibilität, mehr Beratungsangebote und die gestiegene Bekanntheit von Hilfsstrukturen zumindest teilweise ab. Darauf verweisen auch Entwicklungen auf kommunaler Ebene: In Hamburg hat sich die Zahl der Inobhutnahmen wegen möglicher Misshandlung seit 2016 nahezu verdreifacht. Die dortige Sozialbehörde führt dies einerseits auf eine tatsächliche Zunahme von Gewalt zurück, andererseits darauf, dass Fachkräfte, Schulen, Kitas und Nachbar:innen heute häufiger Hinweise melden und Jugendämter früher eingreifen.
Gleichzeitig lässt sich die Zunahme von Gewalt nicht allein durch ein kleiner werdendes Dunkelfeld erklären. Sozialwissenschaftliche Untersuchungen weisen seit Jahren darauf hin, dass Armut, soziale Ausgrenzung und materielle Unsicherheit das Risiko von Gewalt erhöhen. Vor diesem Hintergrund verschärfen Kürzungen bei sozialen Leistungen und Hilfsangeboten die Lage zusätzlich: Während der wirtschaftliche Druck in vielen Familien zunimmt, werden Beratungsstellen, Frauenhäuser und andere Schutzangebote vielerorts finanziell eingeschränkt. Armut erschwert zugleich die Trennung von gewalttätigen Partnern. Fehlendes Einkommen, hohe Wohnkosten und die finanzielle Abhängigkeit vom Partner führen dazu, dass insbesondere Frauen und ihre Kinder häufiger in gewaltgeprägten Beziehungen verbleiben müssen, obwohl sie diese verlassen möchten.
Es ist daher davon auszugehen, dass der zunehmende Sozialabbau die Tendenz steigender patriarchaler Gewalt im Allgemeinen und zunehmender Misshandlungen von Kindern und Jugendlichen weiter verstärken wird. Die Lebensbedingungen großer Teile der arbeitenden Bevölkerung werden sich weiter verschlechtern, während staatliche und nichtstaatliche Unterstützungsstrukturen zunehmend unter Druck geraten und immer häufiger von Kürzungen betroffen sind.

