Indiens Jugend kämpft gegen marodes Bildungssystem – der Staat antwortet mit Gewalt

Fehlende Perspektiven und eine hohe Arbeitslosigkeit treiben indische Jugendliche zurzeit auf die Straße. Die faschistische Regierung geht mit großer Repression gegen die Proteste vor. Doch davon lassen sich die Anhänger:innen der Kakerlakenpartei nicht kleinkriegen.

Zehntausende folgten am Montag dem Aufruf der noch jungen Kakerlakenpartei zum Protestmarsch. Ihren Ursprung fand die Bewegung im Mai, als Abhijeet Dipke, ein Student in den USA, die an den Namen der regierenden hindu-faschistischen Bharatyia Janata Party (BJP) angelehente Cockroach Junta Party (CJP) gründete.

Anlass dafür waren Äußerungen des obersten Verfassungsrichters, Surya Kant, der Jugendliche, die arbeitslos oder politisch aktiv sind, als „Kakerlaken und Parasiten“ bezeichnete. Mit der daraufhin entstandenen Satirepartei konnte sich ein großer Teil der Jugend identifizieren. Vor allem über soziale Medien gewann die CJP innerhalb kürzester Zeit eine enorme Anhängerschaft.

Indische Jugendliche bilden „Kakerlakenpartei“ gegen Angriffe der Regierung

Der Protestmarsch, der den Rücktritt des Bildungsministers forderte, sollte ursprünglich zum Parlament marschieren. Durch Barrikaden der Polizei wurden die Demonstrierenden jedoch daran gehindert, bis zum Parlament zu gelangen. Der friedliche Protest wurde stattdessen brutal niedergeschlagen.

Nachdem die Regierung das Internet abgeschaltet hatte, begann die Polizei mit roher Gewalt die Menschenmenge auseinanderzujagen. Am Abend, als die Internetsperre aufgehoben wurde, begann eine Flut von Videos, welche die Gewaltexzesse der Polizei zeigten: bewusstlos geprügelte Menschen, die einfach auf dem Boden liegen gelassen wurden, Tränengas und blutende, fliehende Personen. Es gab mindestens 100 verletzte Demonstrant:innen. Eine Person muss derzeit auf der Intensivstation beatmet werden.

Eine offizielle Reaktion der faschistischen Modi-Regierung gab es bis dahin nicht. Stattdessen lud der Gesundheitsminister am Montag Vertreter der CJP auf ein Gespräch ein, das sich den Beteiligten zufolge als „völlige Zeitverschwendung“ erwies.

Polizeigewalt gegen Jugendliche

Am Dienstag kehrten die Jugendlichen erneut zurück auf die Straßen Dehlis. Die Empörung über die Polizeigewalt und das durchgängige Schweigen der Politik führten allgemein zu einer Radikalisierung und Öffnung der Bewegung. Zum einen forderten die Studierenden nun auch den Rücktritt des seit 14 Jahren regierenden Premierministers Narendra Modi. Zum anderen wurde ihre Entschlossenheit durch eine breite gesellschaftliche Unterstützung bestärkt.

Von Gewerkschaften bis zur größten Oppositionspartei stellen sich viele hinter die Studierenden. So organisierte etwa der Oppositionsführer Rahul Gandhi eine Sitzblockade vor der Residenz Modis und forderte dessen Rücktritt. Auch wenn diese Entscheidung einem politischen Kalkül entspringen mag, drückt sie doch das Potential der unzufriedenen Jugend aus. Immerhin gab es 2023 in Indien noch rund 730 Millionen Unter-29-Jährige – das sind über 60 Prozent der Bevölkerung.

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Ein kaputtes Bildungssystem und eine kaputte Zukunft

Dem Protestmarsch am Montag gingen bereits wochenlange kleinere Proteste voraus. Auslöser waren das marode Bildungssystem und unter anderem ein Skandal, der sich um die Aufnahmeprüfung für das Medizinstudium dreht. An dem Test nehmen jährlich über 2 Millionen Jugendliche teil, um sich auf die 130.000 Studienplätze zu bewerben. Die Ergebnisse des Tests wurden aufgrund eines Leaks für ungültig erklärt und damit all die Arbeit der Teilnehmenden zunichte gemacht.

Dieser und weitere Skandale lösten eine Welle von 20 Suiziden aus. Daher ist eine weitere Forderung der Kakerlaken eine Entschädigung für die  Opferfamilien dieses politischen Versagens.

Weiter befeuert wird die Unzufriedenheit der Gen Z von einer – seit Jahren andauernden – extrem hohen Jugendarbeitslosigkeit. Knapp 40 Prozent der Hochschulabsolvent:innen im Alter von 15 bis 25 Jahren sind arbeitslos. Auch in der Altersgruppe der 25 bis 29-Jährigen ist die Lage mit einer Arbeitslosenquote von 20 Prozent weiter äußerst angespannt.

Die Jugendbewegung nimmt an Fahrt auf

Die Proteste besitzen daher einen gewissen politischen Druck, weshalb sich schließlich auch Premierminister Modi, der sich für gewöhnlich als „starker Mann“ gibt, äußerte. Bekannt ist Modi ansonsten vor allem für antidemokratische Reformen und harte Strafen für fortschrittlichen Protest. Besonders stark richtet sich die Repression gegen die kommunistische Bewegung. Im Zuge der Operation Kagar hat der faschistische indische Staat innerhalb der letzten zwei Jahre über 600 Revolutionär:innen getötet.

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Modi kündigte an, die Schuldigen für den Leak der Prüfungsfragen hart zu bestrafen und forderte die Demonstrierenden auf, wieder nachhause zu gehen. Gleichzeitig hört die Polizeigewalt gegen die Anhänger:innen der Kakerlakenpartei nicht auf. Egal wie klein dieser öffentliche Auftritt Modis zu den Protesten ist, beweist er, dass die aktuellen Proteste eine Bedrohung für ihn darstellen.

Unliebsame Beispiele für den Umgang der Gen Z mit ihren Herrschern lieferte erst letztes Jahr das Nachbarland Nepal. Dort stürzte die Jugend die Regierung – angestachelt von einer tiefen Perspektivlosigkeit, erzürnt über Korruption und Doppelstandards in der Politik. Es wurde gängige Praxis, die Villen unliebsamer Parteiführer:innen und Poltiker:innen niederzubrennen. Nur ein Jahr vorher zwangen in Bangladesch heftige Massenproteste die Regierungschefin Sheikh Hasina, nach 15 Jahren Herrschaft notgedrungen mit einem Helikopter aus dem Land zu fliehen.

Auch wenn die Herrschaft Modis nach 14 Jahren an der Macht noch nicht den Anschein macht, in nächster Zeit so zu enden wie in den Nachbarländern, beginnt die Bewegung der CJP, an Fahrt aufzunehmen und ihre Forderungen zu schärfen.

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