„Lass zur medizinischen Fakultät fahren und Mädchen gucken“ – Erfahrungen einer Medizinstudentin im Studium

Sexistische Kommentare in Vorlesungen, eine Medizin, die systematisch auf männliche Patienten ausgerichtet ist und sexualisierte Übergriffe im Klinikalltag: Die Medizinstudentin Fenja Greve* berichtet von ihren Erfahrungen im Studium an der Universität Leipzig.

Du studierst Medizin an der Universität Leipzig und stehst kurz vor dem Zweiten Staatsexamen und dem Praktischen Jahr (PJ). Der größten deutschlandweiten Studie zu dem Thema zufolge erleben drei von vier Medizinstudentinnen während des PJs sexuelle Belästigungen. Kurz nach der Veröffentlichung der Studie wurden die studentischen Delegierten beim Deutschen Ärztetag sexuell belästigt, wodurch noch einmal mehr öffentliche Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt wurde. Wie hast du das ganze wahrgenommen?

Die öffentliche Reaktion auf das Statement der Studierenden am Deutschen Ärztetag, die dort belästigt wurden, hat mich überrascht – allerdings nicht wegen der Vorfälle selbst, sondern wegen der Verwunderung vieler Verantwortlicher. Der Präsident der Ärztevertretung zeigte sich schockiert, als wäre ein solches Verhalten in der Medizin völlig unerwartet.

Mich hat so ein Verhalten ganz und gar nicht überrascht – weder die Berichte von Übergriffen durch Ärzte auf Studentinnen noch die Studie der Universität Würzburg, die zum Ergebnis hat, dass drei von vier Medizinstudentinnen Übergriffe im PJ erleben.

Ich frage mich, warum ausgerechnet die Medizin eine gesellschaftliche Ausnahme vom Patriarchat bilden sollte? Für mich – und ich denke auch für viele meiner Kommiliton:innen und Kolleg:innen – ist klar, dass das Patriarchat weder vor der Klinik noch vor der Universität halt macht. Hinzu kommt: heute sind etwa 65 Prozent aller Medizinstudierenden Frauen.

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Nach den Übergriffen auf dem Ärztetag gab es einen Aufruf an die Studierenden verschiedener Universitäten, patriarchale Kommentare, Belästigungen etc. an der eigenen Universität zu sammeln. Wie zeigt sich das Patriarchat in deinem Studienalltag an der Universität Leipzig?

Oft sind es vermeintlich kleine Bemerkungen oder Witze, die ein bestimmtes patriarchales Rollenbild transportieren. Ein Professor fragte beispielsweise einmal in einer Vorlesung: „Von den ganzen Hausfrauen im Saal – wer wäscht denn hier noch seine Wäsche ordentlich per Hand?“

Auch in Lehrmaterialien tauchen immer wieder unnötige Darstellungen auf. Auf Vorlesungsfolien werden etwa beim Thema Alkohol in der Schwangerschaft Bilder nackter Frauen verwendet, obwohl diese für das Verständnis des Inhalts keinerlei Rolle spielen.

Darüber hinaus begegnen einem ständig stereotype Rollenbilder: Noch immer wird häufig ganz selbstverständlich vom „Arzt“ und der „Krankenschwester“ gesprochen. Solche Kleinigkeiten wirken banal, zeigen aber, wie tief patriarchale Rollenbilder im medizinischen Alltag verankert sind.

Gibt es auch konkrete Beispiele aus der Praxis?

Viele. Während eines Praktikums durfte ich etwa einen Notarzt begleiten und war bei Einsätzen im Notarztwagen dabei. Nachdem ein Einsatz beendet war, unterhielten sich der Notarzt und ein Notfallsanitäter darüber, jetzt zur medizinischen Fakultät zu fahren, um „Mädchen zu gucken“.

Dabei spielte es offenbar keine Rolle, dass ich als Studentin direkt hinter ihnen saß. Das hat mir gezeigt, wie normalisiert ein solches Verhalten ist und wie wenig Scham viele Männer dabei empfinden.

Im selben Gespräch fiel außerdem der Satz, man freue sich bei Einsätzen doch, wenn die Patientin „eine junge schöne Frau und nicht eine alte Omi“ sei.

Wenn ich mir vorstelle, dass solche Personen Menschen in hoch vulnerablen Situationen behandeln, finde ich das erschreckend. Gerade bei Notarzteinsätzen besteht ein enormes Machtgefälle. Patientinnen und Patienten befinden sich häufig in einem kritischen Gesundheitszustand und sind vollständig auf die medizinische Versorgung angewiesen. Und dann wird der Körper dieser Patientin auch noch sexualisiert oder abgewertet?

Du kritisierst auch, wie Frauen als Patientinnen in der Medizin wahrgenommen werden. Warum?

Ein grundlegendes Problem ist, dass medizinische Forschung über Jahrzehnte überwiegend an Männern durchgeführt wurde. Das betrifft nicht nur klinische Studien mit Menschen. Selbst in der Tierforschung wurden weibliche Tiere oft ausgeschlossen, weil ihr Hormonzyklus als zu kompliziert galt.

Die Folgen davon spüren Frauen bis heute in der medizinischen Versorgung.

Hast du das selbst erlebt oder mitbekommen?

Ja. Ich war einmal bei einem Einsatz dabei, als eine Frau eine schwere Migräneattacke mit Aura hatte, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht diagnostiziert war. Sie ist auf der Straße zusammengebrochen, und eine Passantin rief daraufhin den Krankenwagen. Als wir eintrafen, war sie kaum ansprechbar, konnte kaum reden, nicht laufen oder stehen. Sie hatte eine Aura, das heißt sie konnte nichts oder später nur sehr verschwommen sehen.

Im Krankenwagen konnte sie kaum sprechen und hatte starke Schmerzen. Als sie versuchte zu erklären, dass sie vermutlich eine Migräne habe, sagte ein Sanitäter zu ihr: „Ich habe auch manchmal Kopfschmerzen und rufe nicht gleich einen Krankenwagen.“

Zu seinen Kollegen sagte er anschließend, man könne die Patientin ja in eine ambulante Praxis bringen. Dazu muss man sagen, es war ein Samstagabend, Apotheken und Hausärzt:innen hatten zu und Migränemedikamente sind verschreibungspflichtig. Die Patientin hatte auch bereits 1.400 mg Ibuprofen genommen, allerdings ohne Wirkung. Sie protestierte, indem sie immer wieder „Krankenhaus“ sagte und letztlich wurde sie auch in die Notaufnahme gefahren. Dort stellte sich schnell heraus, dass die Situation ernst war. Sie erhielt mehrere Infusionen, wurde untersucht und lag stundenlang in einem abgedunkelten Raum. Erst nach etwa vier Stunden und mehreren Packungen Schmerzmitteln als Infusion konnte sie wieder normal sehen.

Diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie häufig Beschwerden von Frauen nicht ernst genommen werden.

Welche Folgen hat das für die medizinische Versorgung?

Die Auswirkungen können gravierend sein. Ein bekanntes Beispiel sind Herzinfarkte. Symptome, die bei Frauen besonders häufig auftreten, werden oft noch immer als „atypisch“ bezeichnet. Gelehrt werden vor allem Brustschmerzen und eine Ausstrahlung in den linken Arm.

Bei Frauen treten jedoch häufiger andere Symptome auf, etwa Schmerzen im Kiefer, Übelkeit oder Bauchschmerzen. Die klassischen Schmerzen im linken Arm können sogar ganz fehlen.

Wenn aber fast die Hälfte der Bevölkerung betroffen ist, stellt sich die Frage, ob diese Symptome tatsächlich „atypisch“ sind.

In manchen Fällen kann dieses mangelnde Wissen lebensgefährlich werden: So wurden etwa Symptome von Lungenembolien bei Frauen teilweise als Panik oder Hysterie fehlinterpretiert. Dabei haben Frauen beispielsweise durch die Einnahme hormoneller Verhütungsmittel ein erhöhtes Risiko für solche Erkrankungen.

Gibt es Situationen im Studium, die diese Haltung besonders deutlich machen?

Eine besonders bezeichnende Situation habe ich im Gynäkologie-Unterricht erlebt. Thema war Endometriose. Dabei wächst gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter. Die Erkrankung verursacht häufig starke Schmerzen, kann die Lebensqualität massiv einschränken und zu Unfruchtbarkeit führen.

Im Durchschnitt vergehen etwa zehn Jahre zwischen den ersten Symptomen und der Diagnose.

Der Dozent fragte in der Lehrveranstaltung, was denn das Problem an dieser späten Diagnose sei. Seine Antwort lautete sinngemäß: „Dass dadurch die reproduktive Kapazität Deutschlands eingeschränkt wird.“

Mich hat diese Aussage schockiert. Statt über die starken Schmerzen, die eingeschränkte Lebensqualität oder mögliche gesundheitliche Komplikationen zu sprechen, wurde die Erkrankung vor allem unter dem Gesichtspunkt betrachtet, dass betroffene Frauen möglicherweise weniger Kinder bekommen können.

Für mich zeigt das, wie stark die Rolle von Frauen noch immer über ihre Reproduktionsfähigkeit definiert wird.

Hast du selbst sexualisierte Übergriffe im Studium erlebt?

Ja.

Während eines Praktikums in der Anästhesie lernte ich unter Anleitung die Narkoseeinleitung. Dabei arbeitet man direkt am Patientenbett und befindet sich als Studentin ohnehin in einer angespannten Situation, weil man alles richtig machen möchte.

Ein Oberarzt, der bereits für entsprechendes Verhalten bekannt war, suchte dabei immer wieder unnötigen Körperkontakt. Er stellte sich beispielsweise sehr nah an mich, legte mir die Hand an die Taille oder schob mich ohne erkennbaren Grund zur Seite.

In solchen Momenten realisiert man oft erst im Nachhinein, was eigentlich passiert ist. Währenddessen konzentriert man sich auf die Aufgabe und versucht, keine Fehler zu machen.

Konsequenzen hatte dieses Verhalten meines Wissens nach nicht. Als ich danach anderen Studentinnen davon erzählte meinten diese: „Ah, Oberarzt soundso? Sehr touchy…“ Es ist also sogar bekannt, dass es einen übergriffigen Oberarzt gibt und trotzdem arbeitet der einfach so weiter.

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Das Schlimme ist dabei ja nicht nur die Belästigung, sondern, dass man sich als Studentin in einem deutlichen Machtgefälle befindet. Man ist abhängig von Bewertungen und Empfehlungen und bewegt sich in einem Umfeld, das ohnehin einschüchternd sein kann. Gerade deshalb fällt es vielen Betroffenen schwer, sich zu wehren oder Vorfälle zu melden. Das muss sich ändern.

*Name von der Redaktion geändert. Der echte Name ist der Redaktion bekannt.

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