Sommerurlaube und das Verreisen werden immer teurer. Während uns die Merz-Regierung immer länger und immer mehr arbeiten lassen will, können wir uns immer öfter nicht einmal mehr die wohlverdiente Urlaubsreise leisten. – Ein Kommentar von Mohannad Lamees.
Ein paar Tage ans Meer und die Sonnenuntergänge genießen, wandern in den Bergen und Höhenluft atmen, den gewohnten Alltag hinter sich lassen und mal ganz woanders sein: Im Urlaub können wir uns erholen und eine Pause machen, unser Wohlbefinden steigt, wir kommen wieder zu Kräften. Reisen in andere Länder erhöht sogar die emotionale Intelligenz, belegen Studien. Kurzum: Wer Urlaub macht, hat wirklich was vom Leben.
Bleibt nur ein Haken: Einen Urlaub muss man sich auch leisten können. Schon seit Jahren steigen die Preise für Urlaubsreisen kontinuierlich an – vor allem, weil die gestiegenen Energie- und Materialkosten der Urlaubsanbieter oft direkt auf die Urlauber umgelegt werden. Weil der Urlaub den Deutschen jedoch einiges wert ist, geben sie deswegen auch immer mehr Geld für ihre Reisen aus. Viele weichen deshalb mittlerweile auf „preissensible Angebote“ – so lautet in der Tourismusindustrie das offizielle Wort für Billigreisen – aus.
Doch diese Option haben bei Weitem nicht alle: Für über ein Fünftel der deutschen Bevölkerung bleibt die Urlaubsreise nur ein Traum. Laut europäischen Studien zu Einkommens- und Lebensbedingungen geben 21 Prozent der Deutschen an, sich keine Woche Urlaub leisten zu können. Besonders betroffen sind diejenigen, die auch sonst im kapitalistischen Deutschland nicht viel zu lachen haben: Für Alleinerziehende beispielsweise kommt oft neben dem fehlenden nötigen Kleingeld noch hinzu, dass sie nur in den Schulferien, also der teureren Hauptsaison, verreisen können. Und Menschen mit niedrigem Bildungsabschluss arbeiten überdurchschnittlich oft in Jobs, mit denen sie sich gerade so das Allernötigste, aber sicherlich keine Urlaube leisten können.
Dabei geht es keineswegs nur um Luxusurlaube im Ausland, sondern tatsächlich auch um die immer wieder als Alternative empfohlenen Urlaube in Deutschland – für die 21 Prozent ist auch eine Reise im Inland nicht erschwinglich. Sogar klassische Ferienangebote vor der eigenen Haustür wie Schwimmbad, Zoo oder Kino können sich laut einer Studie des Sozialverbands Deutschland 20 Prozent der Eltern nur schwer oder sehr schwer leisten.
Ein Fünftel der Deutschen kann sich einwöchigen Urlaub nicht leisten
Keine schönen Aussichten
Was würden dazu wohl die Brauereiarbeiter sagen, die im Jahr 1903 als erste Arbeiter in Deutschland einen bezahlten Urlaub erkämpften und ihr Recht auf Erholung gegen die Kapitalist:innen verteidigten? Drei Tage waren es damals, die in Thüringen und Stuttgart erstritten und tarifvertraglich festgeschrieben wurden.
Immerhin: Heute haben wir gesetzlich verbrieft sogar das Recht auf mindestens 24 bezahlte Urlaubstage im Jahr. Doch nach wie vor kann sich ein nicht unerheblicher Teil unserer Klasse gar keinen schönen Urlaub leisten. Und besonders dieses Jahr könnte die Sommerurlaubszeit von Hiobsbotschaften durchzogen sein: Was nützt einem der schönste Sandstrand, wenn es aus der fernen Heimat auf einmal heißt, dass die eigene Rente zusammengestrichen wird? Wie soll man den Blick von den Gebirgsgipfeln genießen, wenn zu Hause auf einmal die Abschaffung des Acht-Stunden-Tags und Arbeitszeiten von bis zu zwölf Stunden täglich in Aussicht stehen? Brauchen wir überhaupt den Kick beim Tiefseetauchen, wenn uns schon beim Blick auf den Lohnzettel die Luft wegbleibt?
Einige Kapitalvertreter:innen sind sogar so weit gegangen, nicht nur uns, sondern auch den deutschen Politiker:innen ihren Sommer vermiesen zu wollen. Die parlamentarische Sommerpause solle ausfallen, so forderte es zum Beispiel der Verband der Familienunternehmen, damit möglichst viele Sozialabbau-Reformen so schnell wie möglich verabschiedet werden können. Die Kapitalseite macht Druck, um sich zügig weitere Vorteile zu verschaffen. Die Politiker:innen verteidigten ihre Sommerpause eisern. Zu unserem Vorteil wird das aber nicht sein – sobald die Parlamentarier:innen aus dem Urlaub wieder zurück sind, werden sie weitere Gesetze und Reformen für das Kapital planen.
Das Beste, was wir diesen Sommer tun können, ist trotzdem, uns zu erholen – aber nicht, damit wir für unsere Chefinnen und Chefs gleich wieder Vollgas geben können, sondern um gestärkt in die kommenden Klassenkämpfe zu gehen. Spätestens im Herbst wird es darauf ankommen, dass wir die nächsten Schritte gehen und uns nicht nur gute Urlaube, sondern gutes Leben für alle erkämpfen.
Dieser Text ist in der Print-Ausgabe Nr. 112 vom Juli 2026 unserer Zeitung erschienen. In Gänze ist die Ausgabe hier zu finden.

