Ob Sanktionen gegen Kriegstreiber, fragwürdige persönliche Beziehungen für politischen Einfluss, sexualisierte Gewalt durch Spitzenspieler oder tödliche Abschiebe-Razzien. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 war ein Spiegelbild der politischen Weltlage. – Ein Kommentar von Mikhailo Böhnisch.
Vom 11. Juni bis zum gestrigen 19. Juli fand die diesjährige Fußball-Weltmeisterschaft der Männer in Kanada, Mexiko und den USA statt. Das wohl größte Sportereignis der Welt soll dem Weltfußballverband FIFA wohl 15 Milliarden Dollar Einnahmen bescheren. Ein neuer Einnahmerekord, der sicherlich auch durch die Erhöhung der teilnehmenden Teams und der damit deutlich gestiegenen Anzahl von Spielen zurückzuführen ist.
Doch schon vor dem Start des Wettbewerbs war die WM 2026 vor allem abseits des Sportlichem in den Schlagzeilen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die FIFA und allen voran ihr Präsident Gianni Infantino mit US-Präsident Trump eine enge Beziehung pflegen und augenscheinlich Entscheidungen entlang US-amerikanischer Politik treffen. Denn obwohl die FIFA und Präsident Infantino sich damit rühmen, dass „Fußball die Welt vereint“ und das Spiel des Volkes ist, zeichnen die Entscheidungen die vom Verband und dessen Präsident getroffen werden ganz klar ein anderes Bild.
2025 vergab Infantino den neu eingeführten FIFA Friedenspreis an Donald Trump, für dessen „unermüdlichen Bemühungen, die Menschen im Geiste des Friedens zusammenzubringen“. Das steht in starkem Widerspruch zum Handeln der US-Regierung in den Kriegsgebieten Ostkongo, Iran oder Palästina. Die Interessen der USA dort haben keineswegs etwas mit selbstloser Friedensstiftung zu tun. Doch das scheint weder für Präsident Infantino selbst, noch die FIFA als Organisation von bedeutender Wichtigkeit zu sein.
Denn bei der Übergabe des Preises betonte Infantino zusätzlich: „Das ist es, was wir uns von einer Führungspersönlichkeit wünschen: eine Führungspersönlichkeit, der die Menschen am Herzen liegen. Wir wollen in einer sicheren Welt, in einem sicheren Umfeld leben. Wir wollen uns vereinen – genau das tun wir heute hier, und genau das werden wir auch bei der (FIFA-)Weltmeisterschaft tun, Herr Präsident.“
Seit der Aushändigung dieses Friedenspreises hat die US-Regierung unter Präsident Trump eine illegale militärische Offensive gegen Venezuela und den Iran gestartet. Der Staat hat militärische Drohungen gegen Mexiko, Kolumbien und Grönland geäußert und die Razzien durch ICE Agenten gegen die eigene Bevölkerung zunehmend eskaliert. Nichts davon schien Anlass genug, um die Rolle der USA als Gastgeberland zu überdenken, oder Stellung gegen die gewalttätigen politischen Handlungen zu beziehen. Stattdessen loben sich US-Präsident und FIFA-Präsident gegenseitig für „die großartigste WM der Geschichte“ und scheinen sich nicht nur rund um den Rasen zu unterstützten.
Auch bei der Siegerehrung Spaniens nach dem gewonnenen WM-Finale am Sonntag standen Trump und Infantino im Rampenlicht. Während sie den Rasen betraten, wurden beide von den Zuschauer:innen im Stadion ausgebuht. Anschließend übergaben sie den Spielern goldene und silberne Medaillen. Als das spanische Team den WM-Pokal entgegen nahm, blieb Trump neben den Spielern stehen und musste von Infantino von der Bühne gebracht werden.
Verleihung des FIFA Friedenspreis: Weniger Fußball, mehr Trump
Rote Karte ohne Konsequenzen
Die FIFA versucht sich gerne als unpolitische und unabhängige Organisation darzustellen. Doch während des Turniers wurde immer wieder klar: Dieses Bild könnte nicht weiter von der Realität entfernt sein. Während des Sechzehntelfinales gegen Bosnien-Herzegowina erhielt der US-Stürmer Folarin Balogun wegen eines als schweres Foul eingeschätzten Spielmoments die rote Karte und war somit automatisch für die Teilnahme am Achtelfinale gegen Belgien gesperrt.
So gibt es das FIFA Disziplinarreglement vor. Allerdings kam es nach einem Anruf von Präsident Trump an FIFA Präsident Infantino zur Aufhebung dieser Sperre, wofür sich Trump dann auch öffentlich bei Infantino bedankte. Und auch wenn Infantino in einer Stellungnahme beteuert, selbst keinen Einfluss auf die Überprüfungsgremien der Disziplinarkommission zu haben, so hat auch dieser Vorfall erneut große Empörung ausgelöst.
Denn trotz des Anspruches der FIFA, dieses Jahr die „inklusivste“ Weltmeisterschaft aller Zeiten auszurichten, sorgten anfänglich vor allem Fälle von Einreisehürden aufgrund der US-Außenpolitik für Schlagzeilen. So zum Beispiel der Ausschluss des somalischen Schiedsrichters Omar Artan trotz gültigem Visa und Diplomatenpass, oder die Einreiseschwierigkeiten der Mutter von Kap-Verde Spieler Vozinha und des Superfans „Lumumba Vea“ aus der Demokratischen Republik Kongo.
Kein Aufenthalt für iranisches Team
Auch die Visa-Odyssee des iranischen Nationalteams, vor dem Hintergrund des anhaltenden Angriffskrieges der USA und Israels gegen den Iran, lassen die FIFA in einem schlechten Licht dastehen. So durfte die iranische Nationalmannschaft nur für den jeweiligen Spieltag von der mexikanischen Stadt Tijuana in die USA einreisen und musste das Land noch am selben Tag wieder verlassen.
Diese Entscheidung geht mit der Änderung des Aufenthalts- und Trainingsorts der Mannschaft einher, die durch den Präsidenten des iranischen Fußballverbandes offiziell mit der kürzeren Anreise von Tijuana nach Los Angeles begründet wurde.
Vor dem Hintergrund der politischen Involvierung der US-Regierung und dem persönlichen Kontakt wurde gegen die Anbändelung von FIFA-Präsident Infantino mit US-Präsident Donald Trump auch Kritik innerhalb der Fußballorganisationen geäußert. Der europäische Fußballverband UEFA schätze das Verhalten Infantinos als Verfolgung „privater politischer Interessen ein, die dem Spiel keinen Dienst erweisen“.
Der ehemalige Vorsitzende des FIFA-Governance-Ausschusses Miguel Maduro bezeichnete Infantinos Verhalten seit dessen Ernennung zum Präsidenten als „klaren Verstoß“ gegen den Ethikkodex der FIFA. Die Präsidentin des norwegischen Fußballverbands Lise Klaveness forderte zudem die Abschaffung des „Friedenspreises“ und sprach sich gleichzeitig für eine ethische Untersuchung gegen Infantino aus.
Mit oder ohne Trump: Die Scheinheiligkeit der FIFA
Dass die FIFA gerne mal mit zweierlei Maß misst oder bereits getroffene Entscheidungen wieder kippt, zeigt sich auch am Beispiel Russland. Nach dem Angriff auf die Ukraine beschlossen FIFA und UEFA 2022 sämtliche russische Teams von der Teilnahme an internationalen Wettbewerben auszuschließen. Grund war damals offiziell die „Integrität des Wettbewerbs“ gefährdet zu sehen. Diese Integrität zu wahren schien dann angesichts der kriegerischen Handlungen der USA und Israels nicht mehr viel Gewicht zu haben, da beide Nationen nicht von ähnlichen Ausschlüssen betroffen waren.
Seit Februar dieses Jahres ziehen FIFA und UEFA außerdem in Erwägung, die Sperre für russische Teams aufzuheben, vor allem mit Hinblick auf die anstehenden U15 Weltmeisterschaft in Aserbaidschan im Oktober. Auch hierfür hatte Infantino sich positiv ausgesprochen und merkt an, dass das Teilnahmeverbot „nichts gebracht“ hätte. Die Jugendmannschaft Russlands darf nun also wieder am internationalen Wettbewerb auf dem Rasen teilnehmen. Doch auch diese Entscheidung ist natürlich keine sportliche. Die Annäherung von Russland und den internationalen Fußballverbänden geschieht parallel zu politischen Annäherungen Russlands und den USA.
Die 2025 verhängten Sanktionen gegen Importe von russischem Öl und Erdölprodukten wurden bereits im März und Mitte April aufgelockert und waren als vorübergehende Lösung des fallenden Energiehaushaltes gedacht. Nachdem die Ausnahmelizenz von April ebenfalls ausgelaufen ist, beschloss die US-Regierung erneut eine solche Lizenz für die nächsten 30 Tage zu vergeben und erlaubt somit den Kauf russischen Öls, welches sich bereits auf Frachtschiffen befindet.
Ob diese unter falscher Flagge fahren, also zur sogenannten Schattenflotte gehören, oder nicht ist dabei nicht von Belang. Wichtig scheint nur, dass diese Lockerungen „den am stärksten gefährdeten Ländern vorübergehend die Möglichkeit bieten, auf russisches Öl zuzugreifen“, wie US-Finanzminister Scott Bessent meint. Die Sanktionen, die eigentlich die Finanzierung des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine erschweren sollten, sorgen jetzt durch die wiederholten Lockerungen dafür, dass Russland, laut Internationaler Energieagentur (IEA), seine Einnahmen durch Ölgeschäfte nahezu verdoppeln konnte.
Auf und neben dem Platz: Patriarchale Gewalt bei der Fußball-WM
Kriegstreiber und Vergewaltiger, alle dürfen mitspielen
Die Legitimation von Gewalt ist bei der FIFA bereits etablierte Vorgehensweise. Denn obwohl gegen mehrere Spitzenspieler, wie Cristiano Ronaldo oder Ryan Mendes, in einigen Fällen bereits seit Jahren Vorwürfe der sexualisierten Gewalt öffentlich im Raum stehen, werden diese Männer von ihren Verbänden und der FIFA als Organisation geschützt. Die Debatten und Vorwürfe sollen vom Turnier ferngehalten werden, um es nicht zu überschatten. Die Auswirkungen für die Betroffenen, die mit ansehen müssen wie ihren Tätern keinerlei berufliche Konsequenzen drohen, scheint für die Organisationen unwichtig zu sein.
Selbst wenn die Vorwürfe von patriarchaler Gewalt für ein Strafverfahren sorgen, bedeutet dies nicht den Ausschluss am FIFA Turnier. So wurde der ghanaische Spieler Thomas Partey zwar an der Einreise in das Gastgeberland Kanada gehindert, da er seit April in London wegen Missbrauchsvorwürfen vor Gericht steht und das kanadische Gesetz ein Einreiseverbot bei solchen Verfahren erlaubt, in die USA konnte er dennoch ohne Problem für weitere Spiele einreisen.
Dass er dort von den Fans im Stadion ausgepfiffen wurde, ähnlich wie der Marokkaner Achraf Hakimi, ändert allerdings nichts an der Haltung der Verbände zu ihren Spielern. Ghanas Nationaltrainer sieht sich in der Pflicht die politischen Thematisierungen „zu ignorieren“ und auch der marokkanische Nationaltrainer Mohamed Ouahbi sagt: „Wir haben nicht darüber geredet, müssen wir auch nicht.“
Die Vorbildfunktion in der sich die FIFA als Organisation und die Fußballverbände selbst sehen, wird durch solche verbale und nonverbale Stellungnahmen untergraben. Während dort Täter geschützt und Vorfälle totgeschwiegen werden, erleben Frauen und Mädchen während großer Fußball Turniere ansteigende häusliche und sexualisierte Gewalt.
So zeigen Studien von 2002, 2006 und 2010, die während der jeweiligen WM durchgeführt wurden, dass in England die Gewalt beim Sieg der eigenen Mannschaft um 26 Prozent stieg. Bei Niederlagen lag der Anstieg bei 38 Prozent und zeigt somit deutlich: Gewalt gegen Frauen und Mädchen hat nicht nur System, sondern wird auch von dem größten Fußball-Event der Welt beeinflusst.
WM als Bühne für Legitimation und Spotswashing
Die Weltmeisterschaft als Bühne für persönliche Anbändelung und politische Legitimation zu nutzen, ist unter Politikern und sportlichen Führungskräften kein neues Phänomen. Präsident Trump reiht sich hier hinter Mussolini bei der WM 1934 und der argentinischen Junta im Jahr 1978 ein. In beiden Fällen hatten die politischen Kräfte ihre Position als Gastgeberland nutzen wollen, um ihre faschistischen Regime und die darunter stattfindenden Grausamkeiten und die ausgeübte Gewalt zu normalisieren und zu legitimieren. Auch die beiden vergangenen Turniere in Russland 2018 und Katar 2022 wurden von repressiven Regimen zum Sportswashing genutzt.
Während US-Präsident Trump versucht sich selbst und die USA als gastfreundlich und inklusiv im Rahmen der WM zu inszenieren, werden im Schatten des Turniers weitere 10.000 Menschen auf den Straßen wahllos von ICE-Agent:innen verschleppt. Seit seiner erneuten Amtseinführung sind zudem 52 Menschen in Gewahrsam der US-Einwanderungsbehörde ums Leben gekommen und erst letzte Woche gab es zwei weitere Todesfälle während einer ICE-Razzia abseits vom Rampenlicht der WM.
Damit steigt die Zahl dieser tödlich endenden Razzien auf 10. Die anhaltenden Proteste gegen die wahllos ausgeübte Gewalt und die illegal anmutenden Straßenkontrollen spiegeln die Frustration und Angst der US-amerikanischen Bevölkerung wieder und lassen erkennen, mit welcher Geschwindigkeit und Unnachgiebigkeit die Faschisierung voranschreitet.
Die Auswahlverfahren für ICE-Agenten sind ungenau und unsicher, gewaltbereites Potenzial wird augenscheinlich bewusst rekrutiert und migrantische Familien schicken ihre Kinder nicht mehr zu Schule, aus Angst, dass diese ohne Anlass noch vor dem Schulgebäude von der Einwanderungsbehörde in eines der Abschiebelager verschleppt werden. Diese Handlungen vom Turnier getrennt zu betrachten scheint unmöglich und doch versuchen die politischen und kulturellen Führungskräfte genau das. Verschleppte Kinder, erschossene Aktivist:innen und Tote in von Stacheldraht umzäunten Lagern sollen nicht als das gesehen werden, was sie sind: Opfer einer faschistischen Innen- und Außenpolitik eines korrupt regierten Landes.
Die WM 2026 hat deutlicher als je zuvor gezeigt: Die FIFA und der Weltfußball sind alles andere als unpolitisch. Auf und neben dem Platz wird Gewalt legitimiert, wenn es denn zur eigenen Agenda der Profitmaximierung passt. Für einen Rekordgewinn unterwirft sich die FIFA und insbesondere Gianni Infantino dann der US-Politik und Donald Trump. Denn die FIFA ist kein harmloser Sportausrichter, der den Menschen schöne Unterhaltung liefern will. Die FIFA ist ein korruptes, kapitalistisches Milliardenunternehmen das im Zeitalter der zugespitzten imperialistischen Konflikte zu dessen Spielball wird.

