In München hat die Polizei am frühen Dienstagabend einen kurdischen Jugendlichen angeschossen. Polizei und Medien sprachen zunächst von einem 20-jährigen Mann, der die Beamt:innen bedroht hätte. Die Familie und das Kurdische Zentrum widersprechen dieser Darstellung.
Am Dienstagabend schossen Polizist:innen im Münchner Stadtteil Schwabing auf den 14-jährigen kurdischen Jugendlichen Abdulkadir Ö., der seitdem im Krankenhaus behandelt wird. Grund für den Polizeieinsatz war, dass der Jugendliche eine Softair-Waffe mit sich führte. Zuvor hatte ein Passant den Notruf gewählt.
Zivilpolizist:innen hatten sich daraufhin dem Jungen, der mit einem etwa gleichaltrigen Mädchen unterwegs war, genähert und ihn laut eigener Aussagen aufgefordert, die Waffe fallen zu lassen. Kurz darauf gab eine:r der Beamt:innen einen Schuss in den Bauch des 14-Jährigen ab.
Das offene Führen von sogenannten „Anscheinswaffen“, die keine scharfen Waffen sind, ist in Deutschland zwar verboten. Jedoch gibt es auch Ausnahmen für Waffen, die klar als Spielzeug erkennbar sind, wenn sie in ihrer Größe eine entsprechende Feuerwaffe um 50 Prozent über- oder unterschreiten, neonfarbene Materialien enthalten oder keine Kennzeichnung von Feuerwaffen aufweisen. Laut Polizei habe die Spielzeugwaffe einen roten Ring an der Mündung gehabt. Zudem können Softair-Waffen, die unter 0,5 Jule Druck schießen, legal erworben werden. Ob die Waffe die für den Jugendlichen legal käufliche Stärke hatte, wurde von der Polizei noch nicht veröffentlicht.
Familie widerspricht Darstellung der Polizei
Zum Ablauf erklärte die Polizei, der Jugendliche habe sich mit erhobener Waffe zu ihnen gedreht. Die Familie des Betroffenen und das Kurdische Zentrum München widersprechen dieser Darstellung deutlich: In einer Stellungnahme erklären sie, er habe die Spielzeugwaffe sofort auf den Boden geworfen und mehrfach laut gerufen: „Es ist eine Spielzeugwaffe! Nicht schießen!“ Trotzdem hätten die Beamten gefeuert. Auch sein Alter wurde von der Polizei zunächst als deutlich älter an die Medien weitergegeben. Selbst am Mittwochmorgen gab die Behörde noch bekannt, dass es sich um einen circa 20-jährigen Mann handele.
Straffreies Töten: Frankreich dreht die Beweislast nach Polizeischüssen um
Auch das Vorgehen der Polizei nach der Schussabgabe kritisieren die Angehörigen. So berichten sie von Misshandlungen und Beleidigungen durch die Beamt:innen. Ein Beamter habe den angeschossenen 14-Jährigen mit einem Fuß auf den Boden gedrückt. Außerdem sei er mit Handschellen gefesselt worden, die erst auf Anweisung der Rettungssanitäter:innen abgenommen worden seien.
Außerdem hatten die Eltern mehrfach versucht, den Jugendlichen über sein Handy zu erreichen, das zu diesem Zeitpunkt bereits in den Händen der Polizei gewesen sein muss. Erst durch Freunde erfuhren sie dann, dass ihr Sohn durch den Schuss der Polizei lebensgefährlich verletzt wurde.
Die Münchner Staatsanwaltschaft hat zwar ein Vorermittlungsverfahren eingeleitet, die Polizei ermittle jedoch nicht gegen denjenigen Polizisten, der den Schuss abgegeben hat. Dieser werde lediglich als Zeuge geführt. Gegen den Jugendlichen wird dagegen wegen Bedrohung ermittelt.
Kritik an Umgang mit Polizeimeldungen
Zahlreiche Medien veröffentlichten die Darstellung der Polizei zunächst ohne Gegendarstellung oder Einordnung. Erst nach der Stellungnahme des Kurdischen Zentrums und Kritik der Linkspartei wurde diese von den Medien aufgegriffen. Der deutsche Journalistenverband djv ruft seit langem dazu auf, Pressemeldungen der Polizei kritisch zu hinterfragen. Die Polizei sei bei Auseinandersetzungen immer Partei und nicht neutrale Beobachterin.
Zuletzt stand das Vorgehen der Polizei und die fehlende mediale Resonanz auch im Fall von Pedro Corona im Raum. Seit einem Polizeieinsatz in Köln im März liegt er im Koma. Die Polizei rechtfertigte den Einsatz damit, dass Corona die Beamten angegriffen habe. Ein vom Anwalt veröffentlichtes Handyvideo, das lange als Beweismittel bei der Polizei lag, zeigt stattdessen, wie ein Polizist ihn zu Boden wirft, während Corona um Hilfe ruft. Erst durch den großen öffentlichen Druck wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.
Fall Pedro Corona: Neues Video widerspricht Darstellung der Polizei
Angehörige des kurdischen Jugendlichen aus München haben nun eine Spendenkampagne gestartet, um die Familie zu unterstützen. „Abdulkadir und seine Familie leben seit 2023 als geflüchtete kurdische Familie in Deutschland. Nun stehen sie neben der Sorge um die Gesundheit ihres Kindes vor erheblichen rechtlichen und finanziellen Herausforderungen“, heißt es im Spendenaufruf.

