Abschaffung der 35-Stunden-Woche? Konjunktur im Klassenkampf von oben

Im Vorfeld der Tarifrunde in der Metallbranche werden von Kapitalseite immer mehr Rufe laut, Arbeiter:innen von ihren Ansprüchen abzuhalten. Forderungen rangieren von einer Abschaffung der 35-Stunden-Woche bis zur Senkung von Abfindungen. – Ein Kommentar von Enrico Telle.

Im Herbst steht die nächste Tarifrunde in der Metall- und Elektro-Industrie an. Die größte Lohnrunde Deutschlands ist für rund 3,8 Millionen Arbeiter:innen von Belang und betrifft zentrale Sektoren wie die Automobilbranche, die Rüstung oder Bereiche wie erneuerbare Energien.

Während sich die Beschäftigten und Gewerkschaften auf einen Kampf gegen Reallohnsenkungen und weitere Entlassungswellen vorbereiten, schießen die Kapitalseite, Unternehmensverbände und Presse gegen ihrer Meinung nach „aus der Zeit gefallene Privilegien“.

So forderte der Aufsichtsratschef von Mercedes, Martin Brudermüller, im Interview mit dem Handelsblatt eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche – bei gleichem Gehalt. Gerade bei Mercedes kämpfen Arbeiter:innen schon den Sommer über gegen das Abwälzen der Krise auf ihrem Rücken, zum Beispiel in Bremen: Dort hatten rund 4.000 Arbeiter:innen kurzfristig gestreikt, als der Vorstand das Aussetzen einer Sonderzahlung bekannt gegeben hatte. Grund für den Widerstand der Arbeiter:innen war v.a. die klare Ansage des Managements: „Die Arbeitsstunde muss günstiger werden.“

Mercedes-Benz: Schlechter Stern für alle Beschäftigten

Unterstützung bekam der Mercedes-Boss bei seiner jüngsten Forderung von Nikolas Stihl: Seines Zeichens bekanntermaßen im Kettensägen-Geschäft beheimatet, möchte auch er radikal an den Löhnen seiner Angestellten sägen. Das will der Milliardär ebenfalls durch eine Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich bewerkstelligen.

Mercedes ist derweil schon dabei, die Kosten der Arbeitsstunden auch auf anderem Wege zu senken: Anfang Juli hat der Konzern ein Werk in Ungarn vergrößert. In Kecskemét steht nun die größte Autofabrik des Konzerns in Europa, in der bald 400.000 Einheiten jährlich gefertigt werden sollen. Grund: Mercedes muss den ungarischen Arbeiter:innen nur rund ein Drittel dessen bezahlen, was sich die Arbeiter:innen hierzulande erkämpft haben.

Gleichzeitig zeigen neue Zahlen vom Statistischen Bundesamt: In weniger als einem Jahr hat die Autoindustrie 42.300 Arbeitsplätze abgebaut, seit 2019 jeden sechsten Arbeitsplatz vernichtet. Noch nicht enthalten in dieser Statistik sind die neu angekündigten Kürzungspläne. Schätzungen zufolge werden bis zum Jahr 2030 noch fast 200.000 Stellen in der Branche abgebaut sein. Die Gewinnausschüttungen der Unternehmen bleiben derweil ähnlich hoch: im Jahr 2025 haben die 40 DAX-Konzerne so viel Dividenden ausgezahlt wie nie: insgesamt 55,3 Milliarden Euro, 5,8 Prozent mehr als im Vorjahr.

Inflation und Reallohnverluste

Die Reallöhne der Beschäftigten hingegen stagnieren seit Jahren oder sinken sogar. Spätestens seit dem Jahr 2020 wurden in der Metall- und Elektronikbranche die Reallöhne durch wegfallende Inflationsausgleichsprämien sowie Nullrunden und anschließende schwache Tarifabschlüsse gesenkt. Der Reallohn bezeichnet hierbei, was vom Lohn tatsächlich übrig bleibt, wenn man die Inflation, also unter anderem steigende Lebenshaltungskosten, mit einberechnet.

Lebensmittelpreise seit 2020 über 36 Prozent gestiegen: Grundbedürfnisse werden zum Verkaufsschlager

So stieg 2025 das tarifliche Entgelt nur um 0,6 Prozentpunkte – im Gegensatz zur Inflation, die im selben Zeitraum rund 2,2 Prozent zulegte. Das ist ein Verlust von 1,6 Prozent allein im letzten Jahr. War die Branche früher führend und ein Orientierungspunkt für andere tarifliche Arbeitskämpfe, ist heute nur noch ein Schatten davon übrig: im WSI-Tarifarchiv, das von der Hans-Böckler-Stiftung finanziert wird, gehörte die Branche letztes Jahr zu den Schlusslichtern aller insgesamt 25 ausgewerteten Branchen.

Mehr Arbeiten für gleichen Lohn?

Eine Abschaffung der 35-Stunden-Woche würde diesen Effekt spürbar verstärken. Effektiv wäre das ein Achtel der Arbeitszeit, das unbezahlt obendrauf käme. 12,5 Prozent Lohnsenkung, die bis jetzt niemals in einer Tarifrunde der Nachkriegszeit denkbar gewesen wären. Gleichzeitig ginge dieser prozentuale Verlust noch mit dem absoluten, spürbaren Anstieg der Arbeitszeit einher: 218 Stunden würden die Arbeiter:innen mehr arbeiten, das entspräche fast 27 vollen Acht-Stunden-Tagen an Mehrarbeit.

Soweit zu den Auswirkungen auf die einzelnen Arbeiter:innen. Was die Mehrarbeit den Kapitalist:innen an Lohnkosten ersparen würde, lässt sich leider nicht endgültig beziffern, da unbekannt ist, wie viele Arbeiter:innen tatsächlich in der 35-Stunden-Woche arbeiten.

Arbeitslosigkeit steigt wieder auf über drei Millionen – Stellenabbau angekündigt

In der Metall- und Elektrobranche jedenfalls liegt die durchschnittliche tarifliche Wochenarbeitszeit bei rund 35 Stunden – dort arbeiten 3,8 Millionen Menschen. Je nachdem, wie viel diese verdienen und wie viele tatsächlich von der kürzeren Arbeitszeit Gebrauch machen, variiert die Ersparnis auf Kapitalseite stark. Klar ist jedoch, dass diese im Milliardenbereich liegen dürfte.

Eine beispielhafte Rechnung anhand tariflicher Eckdaten für Baden-Württemberg zeigt: pro Arbeiter:in würde das bis zu 5.000 Euro Ersparnis an Lohnkosten bedeuten, pro einer Million Arbeiter:innen wären das dann 5 bis 6 Milliarden Euro. Dabei ist das Hauptproblem der Branche nicht nur zu teure Arbeiter:innen, sondern vor allem auch leere Auftragsbücher. Die Produktion liegt immer noch 15 Prozent unter dem Niveau von 2019. Unter diesen Umständen könnte eine solche Erhöhung der Arbeitszeit in erster Linie die nächste Entlassungswelle befördern.

Perspektiven für die anstehende Tarifrunde

Während die Kapitalseite aggressive Forderungen aufstellt, ist sich die Gewerkschaftsseite noch nicht ganz einig über die Zielsetzung der Tarifrunde. Die erste Frage der vortariflichen Umfrage unter den Arbeiter:innen bezieht sich auf die aktuelle Krise, und ob sie das Gefühl hätten, ihrem Unternehmen gehe es schlecht.

Zahl befristeter Anstellungen steigt – Reformpaket könnte Trend weiter verschärfen

Gleichzeitig hat auch die Gewerkschaftsführung schon klargemacht, dass eine Differenzierung nötig wäre, was zwar Gewinne für Arbeiter:innen in starken Betrieben bedeuten könnte, aber die Verhandlungsposition der Branche als Gesamtes schwächen würde. Wie die Forderungen der Stellvertretung der Arbeiter:innen aussehen werden, wird sich erst Ende September zeigen.

Enrico Telle
Enrico Telle
Schreibt seit 2025. Enrico Telle ist kultur- und musikbegeisterte rheinländische Person, die nach einer handwerklichen Ausbildung nun im sozialen Bereich arbeitet. Enrico schreibt besonders gern über Sachthemen, sowie Arbeitskämpfe und Außenpolitik.

MEHR LESEN

PERSPEKTIVE ONLINE
DIREKT AUF DEIN HANDY!