An einem Samstagnachmittag verwandelt sich die Straße vor dem Sozialen Zentrum in einen lebendigen Nachbarschaftstreff. Bei Kaffee und Kuchen kommen Diskussionen über Krieg und Aufrüstung nicht zu kurz. Mittendrin ist auch Bärbel Saefkow, die Tochter der kommunistischen Widerstandskämpferin Aenne Saefkow.
Es ist ein sonniger Nachmittag in der Lichtenberger Alfredstraße, gelegen zwischen der alten Stasi-Zentrale und dem Friedhof der Sozialisten. Der Berliner Kiez ist geschichtsträchtig. Doch in den letzten Jahrzehnten war das Viertel im Osten der Stadt nicht besonders belebt.

Ein junger Mann sitzt am 29. August vor dem Sozialen Zentrum Aenne Saefkow und freut sich, dass man in der Nachbarschaft seit langem mal Leute auf dem Gehweg sitzen und Kaffee trinken sieht. Er ist schon öfters an dem Zentrum vorbei gelaufen. Heute ist er das erste mal gekommen – das Soziale Zentrum hat die Nachbarschaft zum „Antimilitaristischen Sommerfest“ eingeladen.
Ein paar Meter daneben steht ein kleiner Junge auf einem Stuhl, beugt sich in Richtung eines der offenen Fenster und beobachtet gespannt. Auf der anderen Seite steht Johanna, die gerade den frischen Teig auf die heiße Crêpes-Platte gießt. Sie hat das Fest mitorganisiert und freut sich über das schöne Wetter. Aus dem Fenster verkauft sie neben Crêpes auch Wiener im Brötchen – auf Spendenbasis natürlich. Im Hauptraum des Zentrums gibt es dann auch noch ein leckeres Salatbuffet sowie ein Dutzend Kuchen zur Auswahl.

Ein Mitte 50-jähriger Grafikdesigner sitzt auch mit am Tisch vor dem Zentrum und erzählt, dass er in den 90er Jahren in der Alfredstraße gewohnt hat. Damals sei das noch ein Nazi-Kiez gewesen. Heute habe sich das ein Stück weit geändert. Aber ein paar rechte Szeneorte gebe es hier immer noch.
Auf das Sommerfest ist er über ein Plakat im Kiez aufmerksam geworden. „Das Foto da drauf ist ein bekanntes Bild von der Nelkenrevolution in Portugal“, erklärt er. Das habe sein Interesse geweckt. Auch die aktuelle Militarisierung beschäftige ihn stark. Mit seinem 25-jährigen Sohn spreche er viel darüber, besonders über die drohende Wehrpflicht.
Wegen der Wehrpflicht ist auch Sascha vor Ort. Er hat einen kleinen Stand aufgebaut und berät junge Menschen zur Kriegsdienstverweigerung. Im Laufe des Tages spricht er unter anderem mit einem 17-Jährigen, dem bald der Musterungsbrief ins Haus flattern wird. Auch ein Mitte 20-jähriger Reservist, der zwei Jahre bei der Bundeswehr war und mittlerweile überzeugter Kriegsgegner ist, ist eine Zeit lang in ein Gespräch mit Sascha vertieft.

Aenne Saefkows Tochter zu Besuch
Gegen Krieg und Faschismus setzte sich auch die Namensgeberin des Zentrums, die kommunistische Widerstandskämpferin Aenne Saefkow, ein. Ihre mittlerweile 83-jährige Tochter Bärbel ist beim Sommerfest zu Besuch. „Wie wunderbar ist diese Initiative. Ihr denkt an diejenigen, die unter schwierigsten Bedingungen im zerstörten Berlin angepackt und sich für einen Neubeginn eingesetzt haben“, hatte sie sich bereits bei der Eröffnung im Winter gefreut.

Aenne Saefkow trat 1922 der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) bei, arbeitete ab 1926 als Stenosekretärin im Zentralkomitee der KPD und dem Reichskomitee der Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO). 1928 saß sie dann als Bezirksverordnete der KPD in Prenzlauer Berg.
Von der massiven Repression gegen die Kommunist:innen während des Hitlerfaschismus ließ sie sich nicht einschüchtern. Nach der Machtübernahme der Faschist:innen war sie Teil des illegalen Apparats der KPD. Ab 1941 wurde sie Teil der Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation, die in der Illegalität den Widerstand gegen das NS-Regime organisierte. 1944 wurde sie festgenommen und im Frühjahr 1945 ins KZ Ravensbrück verlegt. Sie hatte Glück und wurde rechtzeitig von der sowjetischen Roten Armee befreit.
Nach dem Sieg über die Faschist:innen setzte sie sich dann in Ostberlin als Politikerin für soziale Gerechtigkeit ein, erst als Bezirksrätin für Sozialwesen, später als Bezirksbürgermeisterin in Berlin-Pankow. Als Aktivistin in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und später dem Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer (KdAW) erinnerte sie in der DDR an den Kampf gegen den Faschismus.
Fridi, der das Zentrum mitverwaltet, erzählt davon, warum die Wahl des Namens auf sie fiel: „Aenne Saefkow war eine aufrichtige Antifaschistin und Kommunistin, die sich konsequent für eine befreite Gesellschaft eingesetzt hat.“ Zudem seien bereits zahlreiche Orte im Bezirk nach männlichen Kommunisten benannt. „Frauen, die im Widerstand gekämpft haben, werden in der Geschichtsschreibung oft übersehen“, erklärt Fridi.

„Aenne und viele andere Frauen haben einen wichtigen Anteil am Widerstand; sie unterstützten Verfolgte und Untergetauchte, verbreiteten Flugblätter, waren als Kurierinnen unterwegs und stellten Wohnungen für illegale Treffen zur Verfügung“, betont auch Bärbel Saefkow. „Meine Mutter steht beispielhaft für alle Aktivistinnen der ersten Stunde, für alle, die beim Aufbau antifaschistischer Institutionen in einem neuen Berlin geholfen haben.“
Für Bärbel war die Zeit jedoch nicht immer nur einfach: „Mit einer solchen Mutter 19 Jahre aufgewachsen zu sein, war mein Glück und meine Schwierigkeit zugleich.“ Da sie beruflich viel zu tun hatte, war sie oft nicht da, wenn ihre Tochter sie gebraucht hätte. „Aber es ist ihr immer wieder gelungen, durch tiefe Gemeinsamkeit den Zusammenhalt zu bewahren und meine geliebte Mutter zu sein“, erinnert sie sich positiv.
Für das Soziale Zentrum wünscht sie sich, dass es den Zusammenhalt im Stadtbezirk fördern kann: „Das wäre ganz im Sinne von Aenne Saefkow.“

„Wir stellen uns klar gegen die Aufrüstung“
Beim Sommerfest zeigt sich zumindest bereits, dass verschiedenste Teile der Nachbarschaft gekommen sind. Die Besucher:innen des Sommerfests sind quer durchmischt. Die Jüngsten sind gerade ein mal zwei Jahre alt. Bärbel ist mit ihren 83 Jahren die Älteste. Und von der jungen Zahnarzthelferin über den palästinensischen Sachbearbeiter bis zur Familie aus Pakistan sind alle in fröhliche Unterhaltungen vertieft. Auch einige Jugendliche sind gekommen und leisten sich bei den sommerlichen Temperaturen zur Abkühlung eine Wasserschlacht.
Während ein paar Kinder auf einem ausgelegten Teppich auf dem Platz direkt neben dem Sozialen Zentrum spielen, sitzen alle zusammen und diskutieren darüber, wie hoch eigentlich die durchschnittliche Rente in Deutschland ist. Die Frage ist Teil des Quiz, das an diesem Nachmittag für Gesprächsstoff sorgt. Die Antwort: 1195 Euro. Und bei Frauen liegt sie im Schnitt sogar bei gerade einmal 990 Euro. Alle sind sich einig, dass damit das Leben nicht bezahlbar ist. „Wie viele Menschen in Lichtenberg sind armutsgefährdet?“, lautet eine andere Frage. Laut dem Berliner Sozialbericht von 2025 sind es 26,2 Prozent. Damit liegt der Bezirk knapp hinter Neukölln auf Platz zwei der höchsten Armutsgefährdung.

Dass das Leben immer teurer wird, hänge auch mit der aktuellen Militarisierung zusammen. „Wir stellen uns ganz klar gegen Krieg und gegen die Aufrüstung“, betont Fridi daher, als er sich mit einer Rede an die Besucher:innen richtet. Und um die Kriegsvorbereitungen nicht einfach hinnehmen zu müssen, gäbe es auch das Soziale Zentrum als Ort der gemeinsamen Organisierung. Um das konsequent umsetzen zu können, bekomme man auch „keine Finanzierung vom Staat oder NGOs“. Diejenigen, die den Ort nutzen, finanzieren und verwalten alles selbst.
An Infoständen kann man sich auch über die Organisationen informieren, die das Soziale Zentrum regelmäßig nutzen. Das Solidaritätsnetzwerk und das Frauenkollektiv sind zwei der Organisationen. Das Frauenkollektiv versucht aktuell, unter anderem durch öffentliche Kundgebungen den Bezirksbürgermeister dazu zu zwingen, das versprochene Frauenzentrum in Lichtenberg zu bauen, berichtet eine Aktivistin. Das Solidaritätsnetzwerk ist eine Nachbarschaftsorganisation und trifft sich regelmäßig im Sozialen Zentrum – zum Beispiel jeden letzten Sonntag im Monat zum Kiezfrühstück. Dort geht es dann darum, wie man sich als Nachbar:innen gegen die Abzocke durch den Vermieter oder gegen das ansässige Rüstungsunternehmen zur Wehr setzen kann.

Als am Abend die Bänke und Pavillons abgebaut werden, zeigt sich Fridi zufrieden: „Das war ein gelungenes Sommerfest. Wir freuen uns sehr, dass das Zentrum so einen Anklang in der Nachbarschaft findet.“ Aber die Ziele seien damit natürlich noch nicht erreicht. „Wir wollen in der Zukunft einen noch viel größeren Zusammenhalt im Kiez schaffen und dafür immer ein Anlaufpunkt sein.“

