In diesem Monat jährt sich der Augustputsch zum 35. Mal. Das Ereignis besiegelte nicht nur das Ende einer Weltmacht, die sich schon lange vom Sozialismus entfernt hatte, sondern stellte auch die Weichen für eine neue Weltordnung.
Am 19. August 1991 wandte sich Gennadi Janajew – bis dahin Vizepräsident der UdSSR – an das sowjetische Volk und verkündete, dass er die Amtsgeschäfte übernehmen würde, da der Präsident Michail Gorbatschow angeblich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in der Lage dazu sei. In Wahrheit war der bisherige Präsident während seiner Urlaubsreise auf der Krim festgesetzt worden, um ihn zu entmachten – der Auftakt zum Ereignis, dass heute als Augustputsch bekannt ist.
Die Putschist:innen nannten sich Staatskomitee für den Ausnahmezustand. Dieses bestand aus hochrangigen Politiker:innen der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und Geheimdienstlern des KGB, darunter der Leiter des Geheimdienstes sowie der Innen- und Verteidigungs- und Premierminister. Während Janajew den Notstand ausrief, rollten Panzer der Sowjetarmee auf Moskau zu, um den Putsch zu vollenden.
Rettung der Sowjetunion?
In der Rede des Kurzzeitpräsidenten Janajew schwadronierte er von der Beseitigung von Kriminalität, dem Stopp von Sex- und Gewaltpropaganda und Wege aus der Krise. Er wollte die „Ehre des sowjetischen Menschen“ in vollem Umfang wiederherstellen. Diese war aus der Sicht der Putschist:innen schon länger untergraben worden, weshalb sie das Ende der Sowjetunion in nicht weiter Ferne wähnten.
Letztlich war die für den 20. August 1991 angesetzte Unterzeichnung des neuen Unionsvertrags der offensichtliche Auslöser für diese Meuterei. Dieser sollte den Teilrepubliken der Sowjetunion weitgehende Autonomie gewähren. Sie wären zwar weiterhin Teil einer Föderation, könnten aber selbstbestimmt ihr Territorium verwalten.
Die Putschist:innen waren in Sorge darüber, dass dies nur der erste Schritt einer vollständigen Unabhängigkeit vieler Teilstaaten und damit das Ende der Sowjetunion sei. Das Ende eines Weltreiches und ein enormer Machtverlust für Moskau drohten.
Vom Sozialismus schon weit entfernt
Nach außen präsentierte das Staatskomitee den Putsch als einen Rettungsversuch des Sozialismus. Dabei stellt sich jedoch die Frage, was genau es war, was man retten wollte, denn einen echten Sozialismus gab es in der Sowjetunion zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr. Das Zu-Grabe-tragen des real existierenden Sozialismus in der UdSSR begann nämlich schon deutlich früher: Mit der Machtergreifung Nikita Chruschtschows, dem Ausrufen der „friedlichen Revolution“ und der „friedlichen Koexistenz“ mit kapitalistischen Staaten begann schon Ende der 1950er-Jahre die schrittweise Restauration des Kapitalismus in der UdSSR.
Diese Entwicklung fand am Ende der 1980er-Jahre schließlich unter Michail Gorbatschow ihren Höhepunkt. Unter dem Kampfbegriff „Perestroika“ (deutsch: Umbau, Umstrukturierung) versuchte Gorbatschow den Staat zu reformieren. In mehreren Etappen entfernte sich die Politik der Sowjetunion dabei immer mehr von den letzten Überbleibseln der sozialistischen Planwirtschaft.
Zu Beginn des Jahres 1987 wurde das „Gesetz über den Staatsbetrieb“ eingeführt, welches die zentrale Planwirtschaft lockerte und den einzelnen Betrieben weitgehende Entscheidungshoheit gewährte. Diese Betriebe mussten sich von nun selbst finanzieren und Gewinne erwirtschaften. Ein Jahr später folgte ein weiterer Schritt in Richtung Marktwirtschaft. Durch das „Genossenschaftsgesetz“ war es Privatpersonen möglich, eine Genossenschaft beim lokalen Sowjetrat anzumelden und in diesem Rahmen die Betriebe zu kontrollieren.
Zudem war es diesen Genossenschaften erlaubt, Auslandsgeschäfte abzuwickeln. Die Sowjetunion gab hiermit ihr staatliches Außenhandelsmonopol auf und öffnete ihren Staat für ausländisches Kapital und den Weltmarkt. Sowohl innen- als auch außenpolitisch fanden marktwirtschaftliche Elemente also immer offener und deutlicher Einzug in die Sowjetwirtschaft.
Nach der wirtschaftlichen Liberalisierung verlor auch die KPdSU immer mehr an Einfluss, bis im März 1990 der Artikel sechs der Verfassung von 1977 gestrichen wurde, der das Machtmonopol der Partei sicherte. Das Einparteiensystem war damit beendet. Mit Gorbatschows zweitem Kampfbegriff „Glasnost“ (deutsch: Offenheit) wurde neben politischer Vielfalt auch Meinungspluralität gewährleistet, womit sowohl die antikommunistische Stimmung als auch die separatistischen Bewegungen in den Teilrepubliken rasant anstiegen.
Das dilettantische Ende eines Weltreiches
All diese Entwicklungen ließen bereits lange zuvor das langsame Ende der Sowjetunion und Moskaus Macht erwarten. Bei vielen handelte es sich auch um direkte Reaktionen und Versuche, dies zu verhindern. Die Putschist:innen von 1991 wollten dabei nicht länger zusehen, scheiterten dabei allerdings kläglich. Nach gerade einmal drei Tagen mussten sie sich ergeben.
Dem Putsch mangelte es an einer klaren politischen Strategie, er war dilettantisch organisiert und der Rückhalt für ihre Ziele in der Bevölkerung als auch im Militär wurde völlig falsch eingeschätzt. Es war stattdessen die Stunde von Boris Jelzin, dem Präsidenten der Russischen Teilrepublik und späteren ersten Präsidenten Russlands. Er schaffte es, sich brillant in Szene zu setzen, indem er vor seinem Amtspalast dem „weißen Haus“ einen Panzer bestieg und die Bevölkerung und das Militär dazu aufrief, sich den Putschist:innen zu widersetzen. Seiner Ansage zum Generalstreik folgten Hunderttausende und auch die Armee stellte sich auf seine Seite.
Jelzin hatte den Großteil der Bevölkerung in seinem Rücken, sodass sich das Staatskomitee für den Ausnahmezustand nach nur drei Tagen gezwungen sah, klein beizugeben. Sie wurden folglich festgenommen und zu Haftstrafen verurteilt. Nur eineinhalb Jahre später kamen sie wieder auf freien Fuß. Kurz darauf erhielten sie gar eine Amnestie.
Russlands Führung war darauf bedacht, den neuen Staat in Ruhe zu konsolidieren; dafür stellte sie sich mit allerhand bedeutenden Personen im Lande gut. Einen Prozess, der die Vergangenheit wieder aufgerollt hätte, konnte Jelzin nicht gebrauchen. Sein Ziel war es schließlich, mit der Sowjetunion abzuschließen und Russland zu einer starken Nation zu machen.
Zerfall der Sowjetunion und die neue Weltordnung
Gorbatschow konnte nach dem Putsch zwar nach Moskau zurückkehren, hatte aber den Rückhalt in der Bevölkerung verloren. Er musste sich dem neuen Volksliebling Jelzin unterordnen, der den Zerfall der UdSSR schließlich besiegelte. Zuerst ließ er die KPdSU und den KGB auflösen, ehe am 25. Dezember 1991 Gorbatschow als Präsident endgültig zurücktrat und die Sowjetunion aufgelöst wurde. Boris Jelzin wurde schließlich erster Präsident der neuen Russischen Föderation.
Der Putschversuch hatte den Zerfall der Sowjetunion letztendlich beschleunigt statt ihn zu verhindern. Das Staatskomitee für den Ausnahmezustand war einige Jahre zu spät mit seinem verzweifelten Versuch.
Der Zerfall der UdSSR stellte die Weichen für eine neue Weltordnung. Die vorangegangen Jahrzehnte und der Kalte Krieg waren durch einen ständigen Machtkampf zwischen der von den Vereinigten Staaten angeführten „westlichen Welt“ und dem von der UdSSR geführten Ostblock gekennzeichnet. Doch nun sahen die USA sich von ihrem größten Widersacher befreit und stiegen zur alleinigen Weltmacht auf. Das damals neue und geschwächte Russland konnte dem wenig entgegensetzen, sodass die USA fortan als unangefochtener Welthegemon agieren konnte.
Der erneute Kampf um die Neuaufteilung der Welt
Zwar ist Russland – nicht zuletzt als Atommacht – heute noch immer ein großer Player im weltweiten Machtkampf, doch die Rolle eines ernstzunehmenden Konkurrenten der USA nimmt inzwischen ein anderes ehemals sozialistisches Land ein. In den Jahrzehnten nach dem Ende der UdSSR kletterte die Volksrepublik China die Machtleiter vor allem wirtschaftlich immer weiter hinauf und sieht sich heute in der Herausforderer-Rolle gegenüber den USA.
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Doch auch für Russland geht der Kampf um Macht und Einfluss weiter – heute vor allem im Konflikt mit den europäischen NATO-Staaten um die Ukraine und Osteuropa im Ganzen.
Der Augustputsch signalisierte also das Ende der Sowjetunion und läutete eine neue Ära der internationalen Machtpolitik ein. Diesen Zustand zu verändern streben nun zahlreiche Großmächte an, rüsten fleißig auf und bereiten sich auf weitere Kriege um die Neuaufteilung der Welt vor. Das Ende der 80er-Jahre mit dem Zerfall der UdSSR vom US-amerikanischen Politikwissenschaftler Francis Fukuyama ausgerufene „Ende der Geschichte“ scheint also doch noch auf sich warten zu lassen.

