Im Mai 2025 beendete die Bundeswehr die „20-Minuten-Regel“, die die bisherige Verweildauer und Flughöhe von Kampfjets und Helikoptern regulierte. Dazu wurden sogenannte „Tieffluggebiete“ nach 25 Jahren wieder reaktiviert. Neben nationalen Übungsräumen spielen auch internationale Trainingsplätze sowie gemeinsame Übungen mit Partnernationen eine größere Rolle.
Mehrere Tornado-Kampfjets der Bundeswehr rasten Mitte Juli über die Stadt Gießen. Erst gab es ein Zischen, das schnell lauter wurde. Danach ein ohrenbetäubender Knall. Anwohner:innen berichteten von den ungewöhnlichen Lauten. Auf Anfrage des Nachrichtenportals Gießen Aktuell bestätigt die Pressestelle des Luftfahrtamts der Bundeswehr den Überflug. Es war ein regulärer, täglicher Trainingsflug.
Allein im letzten Jahr gab es 505 bestätigte Flugübungen der Bundeswehr in Deutschland. Darunter sind immer häufiger ungewöhnlich tiefe Überflüge. Bereits im Jahr 2025 hat sich laut Bundeswehr die Zahl der Tiefflüge im Vergleich zu 2024 um mehr als 40 Prozent erhöht. Zahlen zu diesem Jahr sind noch nicht veröffentlicht. Bundesweit sorgen diese gesteigerten Übungsflüge in der Bevölkerung dementsprechend auch für immer mehr Aufmerksamkeit. Nach eigenen Angaben des Luftfahrtamtes der Bundeswehr nahm die Zahl der Presseanfragen zum militärischen Flugbetrieb von 290 im Jahr 2024 auf 485 im Jahr 2025 zu.
Tiefflug mit rund 850 km/h
Laut Radardaten flogen die Maschinen bei der Übung in Gießen im Juli mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von umgerechnet rund 852 Kilometern pro Stunde. Für Kampfflugzeuge gilt generell eine Mindesthöhe von etwa 150 Metern über Grund. In Städten mit mehr als 100.000 Einwohner:innen liegt sie bei etwa 600 Metern. Die zulässigen Höchst- und Mindestwerte unterscheiden sich je nach Flugzeugtyp, Übungsraum und Regelung.
Eine feste Route für militärische Trainingsflüge gibt es nach Angaben des Bundeswehr-Luftfahrtamts nicht. Der militärische Flugbetrieb sei aber grundsätzlich im gesamten deutschen Luftraum möglich, mit nur wenigen Ausnahmen. Begründet wird dies damit, dass es Flugbewegungen möglichst gleichmäßig verteilt geben soll.
Welche Strecke deshalb im Einzelfall genutzt wird, entscheiden die jeweiligen Einheiten abhängig von Faktoren wie der Verfügbarkeit von Personal und Material. Eine konkrete Vorhersage, wo und wie häufig künftig Flüge stattfinden werden, könne das Luftfahrtamt daher nicht treffen.
Ein weiterer Grund für mehr Überflüge ist, die Bevölkerung schrittweise an eine immer mehr wachsende Militärpräsenz zu gewöhnen. So schreibt die Luftwehr auf ihrer Website selbst: „Der militärische Flugbetrieb in Deutschland hat sich in den letzten drei Jahrzehnten deutlich verändert.
Art und Umfang der Einsätze von militärischen Luftfahrzeugen aber vor allem auch ihre Wahrnehmung stellen sich heute völlig anders dar, als dies früher der Fall war.“ Eine dieser Veränderungen war die Abschaffung der sogenannten „20-Minuten-Regel“, welche die Verweildauer von Kampfjets unterhalb bestimmter Flughöhen über einem Übungsziel begrenzte.
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„20-Minuten-Regel“ – was sich geändert hat
„Die Luftwaffe hat ihre Kräfte konsequent auf die Anforderungen eines potenziellen, hochintensiven Gefechts europäischen Zuschnitts ausgerichtet“, so schreibt die Bundeswehr auf ihrer Website – und nach dieser Losung wurden die neuen Tiefflugregeln erarbeitet. Seit dem 1. Mai 2025 hat die Luftwaffe die sogenannte „20-Minuten-Regel“ weitgehend aufgehoben.
Die 2019 eingeführte Vorgabe begrenzte bislang die Verweildauer von Kampfjets und propellergetriebenen Luftfahrzeugen unterhalb bestimmter Flughöhen über einem Übungsziel auf maximal 20 Minuten. Mit der Lockerung können Besatzungen nun länger in niedrigen Höhen trainieren und somit realistischere Übungen für den Kriegsfall erlernen.
Im Juli folgte eine weitere Lockerung: Die bisherige Kontingentierung von Tieffluganteilen wurde aufgehoben. Das heißt, Kampfjets des Bundes können seitdem ohne zeitliche Begrenzung Tiefflüge in einer Mindesthöhe von rund 150 Metern trainieren – und dies auch ohne Kontrollzonen. „Tiefflug bleibt ein kritischer Bestandteil der modernen Luftkriegsführung“, erklärte die Luftwehr auf ihrer Website.
Zusätzlich wurden zum 27. November 2025 sieben sogenannte „Tieffluggebiete 250 Fuß“ (Low Flying Areas, LFA) nach vielen Jahren wieder aktiviert. Innerhalb dieser speziell ausgewiesenen Gebiete können Kampfflugzeuge für bis zu 120 Sekunden auf rund 75 Meter über den Grund absinken.
Das Ziel ist es, dadurch taktische Anflugverfahren und Geländeflug unter realistischen Bedingungen zu trainieren. Mit der Reaktivierung führt die Bundeswehr dort Abfang- und Luftkampfübungen durch. Der zivile Luftverkehr wird in dieser Zeit eingeschränkt oder umgeleitet.
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Tieffluggebiete als taktische Trainingsumgebung
Die Luftwaffe nutzt ergänzend zu den sieben eigenen Tieffluggebieten auch internationale Übungsräume – etwa in Norwegen, den USA oder Neuseeland. Mit Ausnahme der Tieffluggebiete unter 250 Fuß (ca. 76 Meter) werden Partnernationen sowie andere NATO- und EU-Staaten, die in Deutschland üben, auch in die neuen Regularien eingebunden. Ebenso gilt dies für zivile Flugzieldarsteller und Ausbildungsdienstleister.
Mit der Rückkehr stärker genutzter Tiefflugbereiche rückt der militärische Flugbetrieb wieder stärker in den Fokus der Öffentlichkeit. Während die Bundeswehr die Maßnahmen mit dem wachsenden Ausbildungsbedarf und der veränderten sicherheitspolitischen Lage begründet, führen die niedrigeren und häufiger wahrgenommenen Flugbewegungen vielerorts zu Fragen nach Belastungen für Anwohner:innen und Umwelt.
Nach Angaben der Luftwaffe sollen die neuen Regelungen die Einsatzbereitschaft im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung verbessern. Dabei betont die Bundeswehr, dass die Flüge auf das für sie notwendigste Maß beschränke, und unter der Berücksichtigung des Fluglärms geplant werden. Dies äußert sich in der Realität jedoch nicht.
So kritisiert sie der Dachverband der Fluglärmbetroffenen (BIG) unter anderem auch für die Militärübung am Hamburger Flughafen im Juni. Der Hamburger BIG-Vorsitzende und BVF-Vize, Martin Mosel, forderte zum Beispiel eine eigenständige Bewertung der Übung, eine transparente Dokumentation und eine öffentliche Diskussion über die Auswirkungen. Laut BIG gehören die Tornado-Kampfflugzeuge zu den lautesten Maschinen, die in Deutschland eingesetzt werden.
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Militärübungen in Hamburg
Am zivilen Helmut-Schmidt-Airport in Hamburg fand im Juni eine der größeren bekannten Militärübungen Deutschlands statt. Bei diesem haben sechs Tornado-Kampfflugzeuge der Bundeswehr parallel zum normalen Flugbetrieb Starts und Landungen geübt. Dabei sollte vor allem erprobt werden, wie sich die normalen Abläufe an einem zivilen Flughafen mit militärischen Operationen verbinden lassen.
Insgesamt nahmen etwa 100 Soldat:innen an der Übung mit dem Namen „Dispersed Operations 2026 – Panther Shield“ teil. Es gab knapp 40 Flüge mit sechs Kampfjets. Begründet wird dies von der Luftwaffe dadurch, dass militärische Basen Ziele möglicher Angriffe seien; deshalb sollen Streitkräfte auch in der Lage sein, auf zivile Flughäfen auszuweichen.
Der Flughafen stehe ausdrücklich für solche Zwecke zur Verfügung, sagte Melanie Leonhard, die für den Flughafen zuständige Wirtschaftssenatorin der Hamburger SPD. Es ginge vor allem darum, die Abläufe zu proben. Insbesondere die Logistik sowie das Zusammenarbeiten von Zivilist:innen, Flughafenpersonal und Militär. Wann und wo die nächste Übung stattfinden wird, gibt die Luftwaffe nicht bekannt. „Wir werden künftig häufiger solche Übungen sehen. Die Weltlage gebietet es, dass wir vorbereitet sind“, so Leonhard.
Das ergibt durchaus ein Muster: Die Bundeswehr baut Fähigkeiten für einen möglichen hochintensiven Krieg aus – und zwar nicht nur bei Waffen und Personal, sondern bei Ausbildung, Infrastruktur, Logistik, Luftoperationen, Satelliten und Weltraumfähigkeiten.
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Die Bundeswehr rüstet weiter
Die Lockerungen beim militärischen Flugbetrieb sind dabei kein isolierter Vorgang, sondern Teil der umfassenden Aufrüstung der Bundeswehr. Unter dem Schlagwort der „Landes- und Bündnisverteidigung“ werden Trainingsmöglichkeiten ausgeweitet, Tieffluggebiete reaktiviert und zivile Infrastruktur für militärische Übungen genutzt. Parallel investiert die Bundesregierung in neue militärische Fähigkeiten bis hin zum Weltraum. Der Bund schreibt selbst: „Die Bundeswehr bereitet sich wieder auf Konflikte mit modern ausgestatteten Gegnern vor.“
Für die Bevölkerung bedeutet diese Entwicklung, dass sich die Vorbereitung auf einen möglichen Krieg zunehmend im Alltag bemerkbar macht. Durch Kampfjets über Wohngebieten, Militärübungen auf zivilen Flughäfen und eine wachsende militärische Präsenz.
Dazu kommt ein Sondervermögen für die Bundeswehr in einem Volumen von 100 Milliarden Euro sowie ein jährliches Budget alleine 2025 von mehr als 86 Milliarden Euro für die Beschaffung von Material, Ausrüstung, (Groß-)Gerät und Personal.
Darüber hinaus soll es etwa 10.000 neue militärische und 1.000 zivile Planstellen für die Bundeswehr geben.Was von der Bundesregierung als notwendige Vorbereitung verkauft wird, ist damit auch eine politische Entscheidung für mehr Aufrüstung. Und für eine Gesellschaft, in der militärische Logik wieder stärker den Alltag prägt.

