Die Festnahme und Misshandlung einer internationalen Delegation Anfang 2026 in Nordkurdistan zeigen die Brutalität, mit der der türkische Staat gegen Solidarität mit Rojava vorgeht. Ankara will internationale Beobachtung verhindern und jeden Widerstand systematisch brechen. – Ein Kommentar von Reiner Matzinke.
Die Kriminalisierung internationaler Solidarität mit der kurdischen Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien (Rojava) hat eine neue, erschreckende Qualität erreicht. Anfang 2026 wurde eine 16-köpfige Delegation aus Aktivist:innen und Journalist:innen in der Südosttürkei beziehungsweise Nordkurdistan festgenommen. Die Gruppe war in die kurdischen Gebiete gereist, um über Proteste und die humanitäre Lage zu berichten – insbesondere über die Bedrohung Rojavas durch die syrische Übergangsregierung.
Die türkische Polizei hielt die Delegation auf dem Weg von Diyarbakır nach Mardin auf und nahm sie fest. Im Zuge der anschließenden Abschiebungen kam es zu physischen Misshandlungen und gezielter sexualisierter Gewalt gegen die Teilnehmerinnen, die in der Vergewaltigung einer Aktivistin durch einen türkischen Polizisten gipfelten.
Diese Repressionen sind keine Ausnahme, sondern Ausdruck einer systematischen Strategie des türkischen Staates: internationale Beobachtung verhindern, Solidaritätsbewegungen kriminalisieren und die Isolation der kurdischen Bevölkerung aufrechterhalten. Die Repression gegen internationale Delegationen verdeutlicht, dass Ankara jede Form von Unterstützung für die kurdische Selbstverwaltung als Bedrohung seiner Sicherheits- und Nationalinteressen betrachtet und bereit ist, dafür auch vor schwersten persönlichen Angriffen und Folter nicht zurückzuschrecken.
Systematische Repression gegen Frauen und die Opposition
Besonders bezeichnend ist, dass die türkischen Behörden parallel zur Kriminalisierung der internationalen Solidarität eine Kampagne gegen die Frauenbewegung in den kurdischen Gebieten intensivierten. Die DEM-Partei dokumentierte allein im ersten Quartal 2026 über 40 Fälle von Verhaftungen und Anklagen gegen Frauenaktivistinnen, die sich gegen die türkische Militärpräsenz in Nordsyrien und für die Rechte kurdischer Frauen ausgesprochen hatten. Der Vorwurf lautet regelmäßig „Terrorpropaganda“ – ein juristisches Instrument, das gezielt eingesetzt wird, um jede kritische Stimme zum Schweigen zu bringen.
Diese Repressionswelle gegen Frauen ist kein Zufall, sondern folgt einer klaren Logik: Die aktive Rolle von Frauen im kurdischen Widerstand, sei es in den zivilen Räten Rojavas oder in den politischen Strukturen der kurdischen Bewegung in der Türkei, stellt eine fundamentale Herausforderung für das patriarchale Staatsverständnis Ankaras dar. Die sexualisierte Gewalt gegen die Delegationsteilnehmerinnen war kein Exzess einzelner Polizisten, sondern Teil dieser systematischen Einschüchterungsstrategie: Wer es wagt, die Verhältnisse in den kurdischen Gebieten zu dokumentieren und darüber zu berichten, soll abgeschreckt werden. Frauen, die sich solidarisieren, sollen doppelt getroffen werden, als politische Aktivistinnen und als Frauen, die die ihnen im Patriarchat zugedachte Passivität verweigern.
Die Unterdrückung der kurdischen Bevölkerung als Staatsräson
Die Repression gegen kurdische Selbstorganisation ist konstitutives Element des türkischen Nationalstaats seit seiner Gründung 1923. Die systematische Verweigerung kultureller, sprachlicher und politischer Rechte, die jahrzehntelange Militarisierung der kurdischen Gebiete und die Kriminalisierung jeder Form kurdischer Selbstorganisation sind Ausdruck einer Politik, die die Existenz der kurdischen Nation leugnet und ihren Widerstand mit allen Mitteln brechen will. Letztlich bleiben die Kurd:innen bis heute das größte Volk ohne eigenen anerkannten Nationalstaat.
Die Festnahme der internationalen Delegation fügt sich nahtlos in diese Tradition ein. Denn sie zeigt, wie der türkische Staat seinen Sicherheitsapparat gezielt einsetzt, um nicht nur die kurdische Bewegung selbst, sondern auch deren internationale Unterstützer:innen einzuschüchtern.
Rojava: Ein Bollwerk des Widerstands zwischen Besatzung und Bombenhagel
Rojava – ein antiimperialistischer Befreiungskampf mit realen Fortschritten
Vor diesem Hintergrund gewinnt der Blick auf das Projekt der demokratischen Selbstverwaltung in Rojava an Bedeutung. Seit 2014 hat sich dort eine Verwaltungsstruktur etabliert, die einen deutlichen Bruch mit den reaktionären Herrschaftsmodellen der Region darstellt. Die soziale und politische Infrastruktur, die in den vergangenen zwölf Jahren aufgebaut wurde, umfasst Räte, in denen Menschen arabischer, kurdischer und assyrischer Herkunft sowie andere ethnische Gruppen versuchen, gleichberechtigt zusammenzuarbeiten.
Inspiriert von den Ideen des demokratischen Konföderalismus, die der inhaftierte PKK-Führer Abdullah Öcalan entwickelte, entstanden Institutionen, in denen Frauen als aktive Gestalterinnen des Widerstands auftreten. Nicht zuletzt auch in den bewaffneten Frauenverteidigungseinheiten YPJ.
Diese Strukturen stellen reale Fortschritte im Kampf gegen die reaktionäre Politik des Islamischen Staates, der syrischen Regierung – sowohl der alten als auch der neuen unter der Leitung des ehemaligen Al-Qaida-Führers Ahmed al-Scharaa – und der türkischen Besatzungspolitik dar. Rojava hat bewiesen, dass Widerstand und Bestrebungen hin zur Gleichberechtigung der Geschlechter auch unter Bedingungen massiver äußerer Bedrohung möglich sind.
Gleichzeitig sind die Auflösung der PKK sowie der aktuelle wagemutige Friedensprozess zwischen Öcalan und dem faschistischen Erdoğan-Regime auch Beispiele für die starken Begrenzungen und ideologischen wie praktischen Grenzen der kurdischen Befreiungsbewegung. Nicht zuletzt aus diesem Grund wiesen revolutionäre Kräfte in der Türkei zuletzt darauf hin, dass die PKK Gefahr laufe, sich in parlamentarischen und legalistischen Illusionen zu verlieren – was in Anbetracht der jüngsten Verhandlungen im türkischen Parlament in Bezug auf die PKK-Auflösung ein sehr realistisches Szenario ist.
Geopolitisches Kalkül: Die Ziele des türkischen Staates und des Westens
Grundsätzlich betrachtet der türkische Staat Rojava als unmittelbare Bedrohung seiner territorialen Integrität. Die türkische Regierung verfolgt in Syrien klare militärische und wirtschaftliche Ziele: Sie will einen Puffer entlang ihrer Grenze schaffen, ihren Einfluss auf die syrische Politik festigen und die kurdische Autonomie zerschlagen. Ein wesentlicher Teil dieses Kalküls ist die Kontrolle über die wirtschaftlichen Ressourcen der Region.
Die kurdischen Gebiete beherbergen den Großteil der syrischen Öl- und Gasreserven sowie die strategisch wichtigen Wasserquellen des Euphrats. Die Türkei und die mit ihr verbündete Übergangsregierung in Damaskus wollen diese Ressourcen ihrer eigenen kapitalistischen Verwertung zuführen.
Die westlichen Imperialisten, angeführt von den USA und der EU, haben diese Entwicklung nicht nur tatenlos hingenommen, sondern durch ihr strategisches Schweigen aktiv begünstigt. Zwar galten die kurdischen Einheiten im Kampf gegen den IS als wichtige Partner der USA und wurden mit Waffen und Luftunterstützung ausgestattet – doch schon vor einigen Jahren befand sich die Selbstverwaltung in dem Widerspruch, dass auch ihre Feinde mit denselben NATO-Waffen beliefert worden waren.
Jetzt hat sich die Lage noch weiter zum Nachteil der kurdischen Selbstverwaltung zugespitzt: Die neue syrische Regierung wird von westlichen Staaten als aktiver Partner für die wirtschaftliche Neuordnung Syriens betrachtet. Für die USA stehen aktuell die Eindämmung Chinas und der Konflikt mit dem Iran im Vordergrund; ein vereintes, zentralisiertes Syrien unter der Kontrolle der neuen Regierung ist dafür besser geeignet als das widerspenstige und dezentrale Rojava.
Auch die Bundesregierung schweigt – weil deutsche Unternehmen ein großes Interesse am Wiederaufbau Syriens und an den profitträchtigen Geschäften mit der türkischen Energiepolitik haben. Für diese Profite wird die Unterdrückung des kurdischen Volkes billigend in Kauf genommen. Das hat der deutsche Staat schon mehrmals ganz praktisch bewiesen, indem er beispielsweise deutsche Leopard-Panzer an die türkische Armee lieferte, die dort dann die kurdische Bevölkerung terrorisiert hat.
Internationale Solidarität ist eine internationale Pflicht
In der aktuellen Situation, in der die USA ihre Unterstützung für die SDF (welche ohnehin Gefahr läuft, sich gänzlich in der neuen syrischen Armee aufzulösen) zurückfahren und die türkischen Offensiven die Existenz Rojavas bedrohen, ist internationale Solidarität von entscheidender Bedeutung. Weltweite Proteste und Aktionstage für Rojava sind ein wichtiges Zeichen, dass der Geist des Widerstands nicht gebrochen ist. Die Festnahme und Misshandlung der Delegation zeigen jedoch, mit welcher Brutalität der türkische Staat gegen solche Solidarität vorgeht.
Der Kampf um Rojava ist ein Kampf gegen imperialistische Herrschaft und reaktionäre Unterdrückung. Die drohende Zerschlagung dieses Projekts ist kein tragischer Unfall der Geschichte, sondern die logische Konsequenz einer imperialistischen Logik, die keine Alternative duldet. Die Angriffe auf Rojava sind Angriffe auf den Widerstandsgeist, der sich in den letzten Jahrzehnten in den Bergen Kurdistans und den Städten Nordostsyriens manifestiert hat. Doch der kurdische Widerstand lebt weiter, nicht nur an der Front, sondern auch in den Bewegungen weltweit, die sich von diesem Kampfgeist inspirieren lassen.
Die Solidarität mit Rojava ist eine internationale Pflicht, denn die Kriminalisierung dieser Solidarität durch den türkischen Staat zeigt, wie sehr die Herrschenden dieses Projekt fürchten. Der Feind des kurdischen Volkes ist der Feind aller unterdrückten Völker und der Klassenfeind aller Ausgebeuteten.

