Deutschland und die EU sind bei Künstlicher Intelligenz kaum konkurrenzfähig. Der Abstand zu den USA und China ist Studien zufolge dramatisch. Dabei wird die Kontrolle über Cloudkapital im imperialistischen Konkurrenzkampf immer wichtiger. – Ein Kommentar von Thomas Stark.
Wer hat schon einmal von Mistral gehört? Das Unternehmen ist ein französisches KI-Startup, das vor allem Sprachmodelle (LLMs) entwickelt und kürzlich einen großen Deal mit Microsoft abgeschlossen hat. Im Rahmen der Vereinbarung mit einem Volumen von „mehreren Milliarden Dollar“ will der US-Konzern die Infrastruktur der Französ:innen nutzen, um dort seine eigenen Cloud- und KI-Dienste anzubieten. Mistral ist ein attraktiver Geschäftspartner für das US-Monopol, weil es das führende europäische KI-Unternehmen ist. Viele europäische Firmen wollen ihre einseitige Abhängigkeit vom US-Techsektor reduzieren oder zumindest im Griff behalten, vor allem um Datenabfluss auszuschließen. Dennoch ist Mistrals globaler Marktanteil bislang kaum der Rede wert: Bei Sprachmodellen beträgt dieser nur gute zwei Prozent.
Europa bei KI im Rückstand
Die Zahl ist symptomatisch für die Stellung Europas im globalen KI-Konkurrenzkampf. Die Seite German Foreign Policy berichtete kürzlich über verschiedene Studien, die zum Ergebnis kommen, dass Deutschland und die EU bei der Entwicklung und Anwendung von künstlicher Intelligenz weit hinter den USA und China zurückliegen. Einer Analyse der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung zufolge seien US-amerikanische KI-Apps zwischen 2023 und 2026 insgesamt 1,35 Milliarden mal heruntergeladen worden und chinesische Apps 205 Millionen mal. Die EU war mit ihrem Flaggschiff Mistral und 1,26 Millionen Downloads dagegen klar abgeschlagen.
Während die KI-Firmen der USA in Nordamerika, Westeuropa, Zentral- und Südasien sowie in den arabischen Ländern dominierten, liege Chinas „KI-Sphäre“ derselben Studie zufolge vor allem in Südostasien, Lateinamerika, Russland und Belarus. Neben DeepSeek sei die App Dola des chinesischen Tech-Unternehmens ByteDance international gerade auf dem Vormarsch. Die europäische KI-Sphäre besteht dagegen im Wesentlichen im Verbreitungsgebiet von Mistral. Dieses werde „vor allem in Europa genutzt, was zeigt, dass es noch erheblichen Spielraum für eine Verbesserung der weltweiten Verbreitung“ gebe. Der einzige Markt, auf dem Mistral DeepSeek übertreffe, sei Frankreich. Doch selbst dort verzeichne Elon Musks KI-Modell Grok mehr Downloads als der heimische Konkurrent. Außerhalb der EU sei Mistral in Russland, der Schweiz, den USA, Großbritannien und der Ukraine am stärksten verbreitet.
Die schwache KI-Performance der EU geht auch aus anderen Statistiken hervor: In der aktuellen Forbes AI50-Liste der „vielversprechendsten nicht-börsennotierten KI-Unternehmen“ finden sich gerade einmal vier Firmen aus der EU: Neben Mistral sind das Black Forest Labs aus Freiburg und zwei schwedische Unternehmen. Da chinesische Firmen in der Aufstellung nicht enthalten sind, wird sie beinahe vollständig von den USA dominiert: 44 US-Firmen sind dabei, darunter die bekannten Anbieter OpenAI, Anthropic und Databricks. Im Global AI Vibrancy Ranking der Stanford University, das nationale KI-Ökosysteme anhand einer Vielzahl von Kriterien wie Forschung, Infrastruktur, Bildung u.a. miteinander vergleicht, liegt Spanien als bestplatziertes EU-Land auf Rang 7, hinter den USA, China, Indien, Südkorea, dem Vereinigten Königreich und Singapur. Deutschland schaffte es lediglich auf Rang 15 (Zahlen aus dem Jahr 2024).
Chinas Cloudkapital greift an
Die schlechten KI-Rankings der EU sind nur ein Indikator für die noch ausbaufähige Stellung des Staatenverbunds im Kampf um das stärkste Cloudkapital. Der Begriff lässt sich zur Bezeichnung eines Teils des heutigen imperialistischen Finanzkapitals verwenden: Nämlich den Monopolen, die so viel kritische Tech-Infrastruktur und Daten bei sich konzentrieren, dass sie sich damit Profite aus anderen Teilen der kapitalistischen Wirtschaft aneignen können – ähnlich wie dies zum Beispiel Banken und andere Finanzunternehmen schon lange tun.
Firmen wie Apple, Amazon, Google, Microsoft und Meta vereinen heute jeweils mehrere kritische Geschäftsfelder unter einem Dach: Amazon betreibt beispielsweise die größte Handelsplattform der Welt, Google ist der führende Suchmaschinen-Anbieter und Microsoft der Marktführer bei Betriebssystemen. Die drei Firmen sind zugleich die führenden Cloud-Infrastruktur-Dienstleister, mit einem gemeinsamen Weltmarktanteil von 63 Prozent. Will eine deutsche Firma ihre IT-Systeme in die Cloud bringen, um sie kosteneffizient, flexibel und skalierbar zu halten, kommt sie an den drei großen US-Konzernen kaum vorbei. Diese lassen sich ihre Dienste gut bezahlen. Allein Amazon Web Services (AWS) erzielte im Geschäftsjahr 2025 einen globalen Umsatz von 128,7 Milliarden US-Dollar.
Die Entwicklung von KI bringt zusätzliche Dynamik in den globalen Konkurrenzkampf. Denn nur, wer in Zukunft die besten KI-Modelle auf seiner Cloud zur Verfügung stellen kann, wird seine Marktanteile verteidigen und ausbauen können. Hier greift das chinesische Kapital gerade massiv an. Alibaba, Huawei und Tencent haben bislang zwar nur einen globalen Marktanteil von 8 Prozent bei Cloud-Diensten. China hat mit DeepSeek, Qwen (von Alibaba), Kimi (Moonshot) und GLM (Zhipu) in den letzten Monaten aber offene und sehr günstige LLM-Alternativen zu den US-Platzhirschen GPT (OpenAI), Gemini (Google) und Claude (Anthropic) auf den Markt geworfen.
Vor allem mit den 20- bis 170-fach günstigeren Token-Preisen ihrer Modelle setzt die Volksrepublik das US-Cloudkapital gerade unter erheblichen Druck. Dies umso mehr, weil die chinesischen Open-Weight-Modelle auf eigener Infrastruktur betrieben werden können und damit Firmen die Möglichkeit bietet, auf teure Cloud-Abos bei AWS und Co. zu verzichten, wenn sie KI nutzen wollen. Dies bedroht auch die Geschäfte des US-Chip-Riesen Nvidia, dem nach Marktkapitalisierung mit 4,8 Billionen US-Dollar größten Unternehmen der Welt.
Nutzen oder Schaden für EU-Monopole?
Zertrümmert die chinesische KI-Offensive das globale Cloud-Monopol des Silicon Valley, könnten europäische Firmen davon durch Preissenkungen profitieren. Ein Umstieg auf chinesische LLMs wird von Denkfabriken wie dem Centre for European Policy jedoch kritisch gesehen, insbesondere aus Sicherheitsargumenten: LLMs könnten etwa „mit Backdoors versehen werden“, die selbst durch intensive Sicherheitsvorkehrungen nicht erkannt oder behoben werden könnten und deren schädliche Zwecke erst nach Jahren aktiviert werden – „beispielsweise im Kontext einer möglichen Taiwan-Krise“. Europa solle deshalb nicht auf chinesische, sondern europäische Open-Source-Modelle setzen.
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Nicht nur durch das Einschleusen von Schadsoftware können Sprachmodelle zu einer geostrategischen Waffe werden. Ende Juni verhängte die US-Regierung Exportsperren für die neuesten Sprachmodelle Mythos 5 und Fable 5 des Anbieters Anthropic. Zwar wurden diese Beschränkungen nach kurzer Zeit wieder aufgehoben. Der Vorfall hat jedoch die Gefahren aufgezeigt, die ausländischen Unternehmen künftig drohen können, wenn sie US-Sprachmodelle in ihre produktiven Prozesse einbauen. Das Gleiche gilt für China, das ebenfalls eine Beschränkung des Auslandszugangs für seine fortschrittlichsten KI-Modelle prüft. Die günstige Alternative zu US-Modellen könnte für europäische Unternehmen also genau so schnell wieder verschwinden, wie sie aufgetaucht ist.
Nicht zuletzt deshalb will die EU mit der 200-Milliarden Euro teuren Initiative InvestAI nun künftig eigene KI-Kapazitäten aufbauen. Ob das verhältnismäßig magere Budget tatsächlich ein Game Changer für Europa sein kann, ist jedoch fraglich.

