Gescheiterter Drohnenangriff am Leipziger Flughafen kurbelt deutsche Aufrüstung weiter an

Am Flughafen Leipzig/Halle scheiterte ein mutmaßlicher Drohnenangriff auf ein ukrainisches Flugzeug. Die Drohne war mit Sprengstoff bestückt; schnell wird die Tat dem russischen Geheimdienst zugeschrieben. Als Reaktion kündigt Innenminister Dobrindt massive Aufrüstung in der Drohnenabwehr an.

Videoaufnahmen des Flughafens Leipzig/Halle zeigen, wie sich am Dienstagabend gegen 19:30 Uhr eine Drohne in den Sicherheitsbereich des Flughafens bewegt hat. Bei diesem Flughafen handelt es sich um einen Fracht- und Logistikstandort, von wo aus beispielsweise Ausrüstung zur NATO-Ostflanke transportiert wird.

Die Drohne ist – nachdem sie einige Stunden auf dem Gelände verweilte – auf die empfindliche Tragfläche einer ukrainischen Antonow-Frachtmaschine aufgeschlagen und von dort aus zu Boden gefallen. Nachdem die Drohne auf dem Boden gelandet ist, hat ein Busfahrer diese gesichert und das Sicherheitspersonal informiert.

Bei genauerer Inspektion wurde Sprengstoff sichergestellt, der sich von der Drohne gelöst hatte. Bei dem Sprengstoff-Präparat handelte es sich um eine Blechdose, welche wahrscheinlich mit dem Plastiksprengstoff Semtex gefüllt war. Dieser wird immer wieder von Geheimdiensten und Terrorist:innen genutzt. Die Drohne war mit einer Abwurfeinrichtung und mit zwei Sim-Karten ausgestattet, die voraussichtlich der Steuerung der Drohne dienen sollten.

Die Bundespolizei hat die Sprengvorrichtung entschärfen und die Bombe kontrolliert sprengen können. Für die Zwischenzeit war der Flugbetrieb lahmgelegt worden. Als der Normalbetrieb wieder aufgenommen wurde, ist ein gestartetes Frachtflugzeug mit einer zweiten Drohne zusammengestoßen. Bei dem Vorfall kam es weder zu einer Explosion noch zu Verletzten.

Derweil hat die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen wegen der versuchten Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion und wegen des gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr übernommen.

Nur wenige Tage nach dem Vorfall wurden zwei Drohnen über dem Bundeswehrstandort Mechernich in Nordrhein-Westfalen gesichtet. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag wurden an diesem Standort sechs Überflüge wahrgenommen. Die Basis ist für die militärische Logistik der Bundeswehr von Bedeutung und beherbergt unter anderem ein großes unterirdisches Materiallager sowie eine Station für Spezialist:innen des Flugabwehrsystems Patriot. Die Militärpolizei hat in diesem Fall bereits die Ermittlungen aufgenommen.

Steckt der russische Geheimdienst hinter dem Angriff?

Bereits kurze Zeit nach dem Vorfall berichteten US-Medien wie CNN oder das Wall Street Journal davon, dass die Drohnen wahrscheinlich dem russischen Geheimdienst zuzuordnen seien. Dabei stützten sie sich auf Aussagen von Regierungsbeamt:innen, die mit Berichten des US-Geheimdienstes vertraut seien.

Drohnen über Polen – So könnte der NATO-Kriegsfall eintreten

Auch deutsche Politiker:innen aus den Reihen der CDU und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen vermuteten öffentlich, dass Russland für den Angriff verantwortlich sein könnte. Deutschlands Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach von einem „hybriden Anschlagsszenario“ mit „neuer Gefahrenqualität“. Er geht davon aus, dass hinter dem Angriff professionelle Täter:innen stecken, welche wahrscheinlich militärischen Sprengstoff verwendet haben. Eine Beteiligung von „fremden Mächten“ könne er nicht ausschließen.

Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Oleksii Makeiev, schließt sich den Vermutungen an: „[W]er könnte es noch sein außer Russland?“, heißt es von seiner Seite. Der deutschen Bundesregierung bietet er die gesammelte Expertise im Umgang mit russischen Drohnenangriffen an und strebt eine engere Zusammenarbeit an.

Der Bundestagsabgeordnete Sebastian Fiedler (SPD) eröffnet eine weitere Perspektive. Seiner Aussage nach könnte auch jemand gewollt haben, dass es so aussehe, als hätte Russland den Angriff gestartet. Dieser Ansicht schließt sich auch der Russland-Experte Matthias Uhl an. Er führt an, dass Munition für die Ukraine in der Vergangenheit zwar bereits im Visier Russlands gestanden hätte, hält aber dennoch für möglich, dass es bei dem Angriff darum ging, einen Verdacht gegenüber Russland zu schaffen. Er führt auch an, dass russische Agent:innen unter strenger Beobachtung stünden und dass es für sie somit schwer wäre, komplexe Angriffe durchzuführen.

Die russische Botschaft weist die Beschuldigungen konsequent zurück und spricht von einer antirussischen Hysterie. In der Stellungnahme wird behauptet, dass es keine Beweise für die Anschuldigungen gegen Moskau gäbe. Man würde ohne Grundlage von einem Kriegsakt seitens des russischen Staates gegen die NATO und Deutschland sprechen. Die Botschaft ist sich sicher, dass diese „hastig zusammengezimmerte Provokation“ – so die Aussage der Botschaft – weitere Waffenlieferungen an die Ukraine und die Aufrüstung der NATO-Mitgliedstaaten legitimieren soll.

Kriegsvorbereitungen: Dobrindt rüstet auf

Einer Studie des IISS (International Institute for Strategic Studies) aus London zufolge sind die Mitgliedstaaten der EU nicht ausreichend ausgestattet, um potenzielle Drohnenangriffe seitens Russlands zu bekämpfen. Bereits das Nachverfolgen, woher ein Angriff kommt, wäre mit der bisherigen Ausstattung nicht zuverlässig möglich. Als eine Ursache stellt die Studie heraus, dass die Mitgliedstaaten jeweils allein an ihrer Drohnenabwehr arbeiten, statt sich gemeinsam um eine Lösung zu bemühen.

Ukraine-Krieg: Aufrüstung statt Aussicht auf Frieden

In Deutschland musste in den letzten Jahren beispielsweise der Flugverkehr immer wieder aufgrund von Drohnensichtungen lahmgelegt werden. Um möglichen Angriffen etwas entgegensetzen zu können, wurde Ende 2025 das gemeinsame Drohnenabwehrzentrum (GDAZ) bei der Bundespolizei gegründet, was die Zusammenarbeit von Bund und Ländern vereinfachen sollte.

Die kürzlichen Ereignisse nutzt Dobrindt dazu, massiv bei der Drohnenabwehr der Bundespolizei nachzurüsten. Er will das aktuelle Personal von 150 auf 300 hochspezialisierte Expert:innen aufstocken und die bestehenden vier Stützpunkte um vier weitere erweitern. Somit wird die momentane Ausrüstung in Gänze verdoppelt.

Auch am Flughafen Leipzig/Halle wurden neue Vorkehrungen getroffen. Die Bundespolizei hat dort einen Drohnen-Wachposten installiert. Mit Hilfe eines Radarsystems soll der umliegende Luftraum besser überwacht werden, damit Drohnen besser erkannt und verfolgt werden können.

Deutschland begründet die Aufrüstung öffentlich mit einer veränderten Bedrohungslage. Expert:innen zufolge wären konzentrierte Drohnen-Angriffe seitens Moskau nicht unwahrscheinlich. Des Weiteren könnte es laut dem US-Geheimdienst zu Angriffen Russlands – wie beispielsweise zu Cyberangriffen und kleinen Einfällen in NATO-Länder – kommen, um den Druck auf die NATO zu erhöhen.

Zu klären bleibt, ob Russland oder ein anderer Akteur für den Drohnenangriff in Leipzig verantwortlich war. Solange die Ermittlungen laufen, kann keine seriöse Einschätzung getroffen werden. Noch bevor die Verantwortlichen ermittelt wurden, werden in Deutschland bereits starke Konsequenzen gezogen. Die Drohnenabwehr soll ausgeweitet und Deutschland auf einen potenziellen Krieg vorbereitet werden.

Perspektive Online
Perspektive Onlinehttp://www.perspektive-online.net
Hier berichtet die Perspektive-Redaktion aktuell und unabhängig

MEHR LESEN

PERSPEKTIVE ONLINE
DIREKT AUF DEIN HANDY!