Ein Gletscherabbruch im Himalaya hat eine Flutkatastrophe mit mehr als 380 Toten und über 1.300 Vermissten ausgelöst. Eine begünstigende Rolle spielt dabei der Klimawandel. International erlangt die Katastrophe dabei besondere Aufmerksamkeit, da auch hunderte westliche Tourist:innen betroffen sind.
Bei den verheerenden Sturzfluten im Grenzgebiet zwischen Nepal und Tibet sind nach aktuellem Stand mindestens 469 Menschen in Nepal und Tibet ums Leben gekommen. Mehr als 1.300 Menschen gelten auf beiden Seiten der Grenze als vermisst.
Ausgelöst wurde die Katastrophe am Mittwochmorgen nepalesischer Ortszeit durch den Kollaps eines Gletschers: Ein gewaltiger Eis- und Gesteinsabbruch stürzte in ein Tal und löste eine knapp 170 Kilometer lange Schlamm-, Wasser- und Felsenflut aus, welche die Dörfer in Nepal unter sich begrub und weitreichend zerstörte. Auch Häuser, Brücken, Straßen und Kraftwerke wurden von der Gewalt der Flut fortgerissen.
Wasserkraftwerke, Solaranlagen, Straßen und Stromleitungen wurden beschädigt, Mobilfunknetze fielen aus. In China betraf die Katastrophe den Kreis Gyirong in Tibet, wo Straßen-, Strom- und Kommunikationsverbindungen unterbrochen wurden. Insgesamt wurden schätzungsweise 40 Kilometer Autobahn weggespült.
Die Eisfelsen-Lawine schob Felsblöcke und andere Trümmer in den Lhende Khola-Fluss, einen Nebenfluss des Bhotekoshi-Flusses. Laut dem International Centre for Integrated Mountain Development (ICIMOD), stieg der Wasserstand in den Flüssen flussabwärts um bis zu neun Metern innerhalb von 30 Minuten.
See droht überzulaufen
Durch den Gletscherabbruch entstand im Himalaya ein See, der mit Wasser und Gestein gefüllt ist. Chinesische Behörden sehen durch ein Überlaufen des Sees ein „hohes Risiko“ für eine erneute Sturzflut in Nepal. Denn durch anhaltenden Regen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der See über seine Ufer tritt.
Eine erneute Flut dürfte noch deutlich mehr Menschen in den Tod reißen, da sich viele Rettungskräfte in den betroffenen Regionen aufhalten. Auf chinesischer Seite wurden wegen des hohen Risikos einer erneuten Flut die Rettungsarbeiten in Tibet vorerst unterbrochen.
Himalaya in Zeiten des Klimawandels
Ein unmittelbar kausaler Zusammenhang zwischen dieser einen Katastrophe und der Klimakrise lässt sich nicht so einfach feststellen – dies wird von Wissenschaftler:innen betont. Jedoch wird der Klimawandel unstrittig als begünstigender Faktor festgestellt, da sich der Himalaya schneller erwärmt als der globale Durchschnitt. Durch abgeschmolzene Gletscher werden weniger Sonnenstrahlen reflektiert, wodurch die Hitze stärker gespeichert wird, da beim Schmelzen schwarzes Gestein enthüllt wird.
Forscher wie der Geophysiker Göran Ekström von der Columbia University gehen außerdem davon aus, dass schmelzende Gletscher und auftauender Permafrost im Himalaya zu dem Ereignis beigetragen haben. Solche Gletscherabbrüche und Ausbrüche glazialer Seen werden durch die Erderwärmung begünstigt. Die Eismassen im Himalaya werden damit zunehmend instabil.
Dasselbe Flusssystem, die Lhende Khola, ist nach Angaben von ICIMOD bereits zum zweiten Mal innerhalb von 14 Monaten von einer solchen Flut betroffen. Das unterstreicht noch einmal, dass es sich nicht um ein einfaches, einmal auftretendes „Naturereignis“ handelt.
Wessen Leid zählt in der Berichterstattung?
Auffällig ist dabei, wie das Ereignis international Schlagzeilen macht – deutlich intensiver, als es bei rein lokalen Opferzahlen in Nepal üblich ist. Ein wesentlicher Grund dürfte sein, dass unter den Vermissten und Toten wahrscheinlich hunderte Menschen aus westlichen Ländern sind.
Nach aktuellen Angaben des nepalesischen Tourismusministeriums befinden sich unter den vermissten ausländischen Staatsangehörigen 33 US-Amerikaner:innen, 39 Australier:innen, 24 Kanadier:innen, 4 Deutsche, 19 Malaysier:innen und 1 israelischer Staatsbürger.
Katastrophen mit hunderten Todesopfern und tausenden Vermissten im globalen Süden erscheinen vermutlich erst dann in den Schlagzeilen westlicher Medien, wenn auch eigene Staatsbürger:innen betroffen sind. Währenddessen rückt die eigentliche, weit größere Zahl nepalesischer Todesopfer und Vermisster medial in den Hintergrund.
Hilfe und Unterstützung – aber zuerst für die eigenen Staatsbürger:innen
Auch die Reaktionen westlicher Regierungen zeigen eine deutliche Prioritätensetzung bei der Bergung von Menschen und Unterstützung der Rettungsarbeiten. Der britische Premierminister erklärte, Großbritannien entsende Botschaftspersonal in die Region, damit britische Staatsangehörige rund um die Uhr Unterstützung erhalten können. Zusätzlich stellte das Vereinigte Königreich fünf Millionen Pfund (6,8 Millionen Dollar) für die Nothilfe bereit.
Die Formulierungen der offiziellen Stellungnahmen fokussieren sich deutlich auf den „eigenen“ Bürger:innen und deren Angehörige. Währenddessen taucht die betroffene nepalesische Bevölkerung, die wie eben erwähnt den mit Abstand größten Teil der Todesopfer stellt, in der öffentlichen Berichterstattung eher als eine Begleiterscheinung auf.
Die Rettungs- und Bergungsarbeiten in Nepal und Tibet werden noch über längere Zeit andauern. Aufgrund zerstörter Straßen sowie des Schlamms, der meterhoch reicht, rechnen die Behörden damit, dass die Zahl der bestätigten Toten weiter steigen wird.

