Kakerlakenpartei in Indien: Drei Lehren für die deutsche Jugend

Eine indische Jugendprotestbewegung hat zum Rücktritt des Bildungsministers geführt und die Regierung in die Bredouille gebracht. In Deutschland können wir uns ein Beispiel nehmen und von der indischen Jugend lernen. – Ein Kommentar von Michael Schirm.

Die indische Cockroach Janta Party (CJP, deutsch: „Kakerlaken Volkspartei“) hat innerhalb von zweieinhalb Monaten den indischen Bildungsminister Dharmendra Pradhan zum Rücktritt getrieben, eine Reform des indischen Bildungssystems angestoßen und eine Massenbewegung aus Millionen von Aktivist:innen aufgebaut.

Dazu kommt die Zusicherung der indischen Regierung, den Fünf-Punkte-Plan der CJP zu überprüfen. Es bleibt damit offen, ob die Massenbewegung bestehen bleibt oder mit dem leichten Einknicken der Regierung an Fahrt verliert. Zumindest die landesweiten Proteste sollen enden. Der Gründer der Partei, Abhijeet Dipke, sieht allerdings noch größere Aufgaben vor der Bewegung.

Kakerlakenpartei

Ihre Ursprünge hat die „Kakerlakenpartei“ in der Studierendenbewegung, die gegen die Annullierung der Testergebnisse für die Zulassung zum Medizinstudium von über zwei Millionen Jugendlichen protestiert hat. Zuvor waren Testergebnisse durchgesickert, weshalb die Prüfung wiederholt werden sollte. Aus Verzweiflung hatten sich mindestens ein Dutzend angehender Student:innen das Leben genommen. Als Reaktion auf die Proteste bezeichnete der oberste Richter Indiens, Surya Kant, die jungen Aktivist:innen als „Kakerlaken und Parasiten“.

Indische Jugendliche bilden „Kakerlakenpartei“ gegen Angriffe der Regierung

Die Cockroach Janta Party machte sich die Bezeichnung zuerst satirisch zu eigen und parodierte die faschistische Regierungspartei Bharatiya Janata Party (BJP, deutsch: „Indische Volkspartei“) über Instagram. Innerhalb kürzester Zeit erreichte der Account dann Millionen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Indien.

Die indische Jugend – in Indien leben knapp 730 Millionen Unter-29-Jährige – war der arbeiter:innenfeindlichen Politik der Regierung überdrüssig geworden. Mit 40 Prozent Arbeitslosigkeit bei den 15- bis 25-Jährigen und 20 Prozent bei den 25- bis 29-jährigen Hochschulabsolvent:innen konnte die CJP ein Anlaufpunkt für sie werden.

Jugendwiderstand auch in Deutschland

Auch in Deutschland organisieren sich Jugendliche gegen die schlechten Zukunftsaussichten und ganz spezifisch gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Die Schulstreikbewegung konnte nicht nur in Deutschland, sondern europaweit Aufmerksamkeit erregen, wie ein italienischer Delegierter bei der dritten Schulstreikkonferenz hervorgehoben hat.

Dritte Schulstreikkonferenz beschließt nächsten Streiktag im September

Im Machtkampf der imperialistischen Staaten spielt Indien als bevölkerungsreichstes Land der Welt ebenso eine Rolle wie Deutschland. Bei einem Staatsbesuch von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in Indien Anfang 2026 ging es um wirtschaftliche Abkommen und Rüstungsdeals zwischen den Staaten.

In unserer globalisierten Welt, in der sich die Imperialist:innen jeden Vorteil verschaffen, gilt es, sich also auch international in der politischen Widerstandsbewegung gegenseitig zu inspirieren und zu vernetzen. Von der Kakerlakenbewegung lassen sich dabei drei zentrale Lehren ziehen.

Drei Lehren

Zum einen holt die CJP ihre Mitglieder dort ab, wo sie den größten Teil ihrer Zeit verbringen: auf Social Media. Die Mitgliedschaftskriterien spielen darauf direkt an. Man muss arbeitslos, faul, schlagfertig und chronisch online sein. Alles andere, Kaste, Religion oder Geschlecht, ist egal. Die Kakerlake deuten sie dabei als widerspenstigen und anpassungsfähigen Charakter für den politischen Kampf.

Das sorgte auch direkt für die Öffentlichkeit der Bewegung. Memes, Videos von Demonstrationen und sonstiger Content auf Social Media führten mehr und mehr Teile der Jugend an die Bewegung heran.

Indiens Jugend kämpft gegen marodes Bildungssystem – der Staat antwortet mit Gewalt

Als Zweites bildete die CJP eine Organisationsstruktur der Protestbewegung. Die Zusammenarbeit von Millionen Menschen im ganzen Land, die durch die breite Nutzung von Social Media als Sprachrohr und Kommunikationsmittel gestützt war, ermöglichte erst die Erfolge und Breite der Proteste.

Zuletzt zeigte die Bewegung ungebrochene Solidarität mit allen ihren Mitgliedern. Obwohl die Proteste durch die faschistische Regierung unter Premierminister Narendra Modi oft brutal angegriffen wurden, ließen sie nicht ab. Auch inhaftierte Mitglieder wurden bis zuletzt nicht im Stich gelassen,

Die politischen Kämpfe der Jugend entwickeln sich fortlaufend, auch wenn die Zielsetzung weiterhin oft auf der Reform des bürgerlichen Staats liegt. Der internationale Klassenkampf entwickelt sich aber stetig mit den unterschiedlichen Bewegungen unserer Klasse. Dabei müssen wir voneinander lernen und gemeinsam wachsen.

Michael Schirm
Michael Schirm
Student aus Wuppertal und Perspektive-Autor seit 2025. Schreibt themenübergreifend, mit Fokus auf die Arbeiter:innen, die vom Kapitalismus betroffen sind. „The true revolutionary is guided by a great feeling of love.“

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