Nach dem Tod von Klaus-Michael Kühne fällt der Blick auf die deutsche Wirtschaftsgeschichte, die er immer verdrängen wollte. Die Logistikfirma Kühne + Nagel profitierte massiv vom Nazi-Regime und beteiligte sich an dessen Machenschaften. – Ein Kommentar von Michael Schirm.
Der Milliardär Klaus-Michael Kühne ist tot. Sein Vermögen von zuletzt circa 40 Milliarden Euro machte ihn zeitweise zum reichsten deutschen Kapitalisten. Sein Vermögen entstammt der Kühne + Nagel International AG, einem der größten Logistik- und Gütertransportunternehmen der Welt.
Das Familienunternehmen wurde 1890 von August Kühne und Friedrich Nagel gegründet; ab 1908 beteiligte sich auch der jüdische Kaufmann Adolf Maass als Gesellschafter. Seine Verdrängung aus dem Unternehmen 1933, im Namen der „Arisierung“, leitete die Entwicklung des Unternehmens zum „Nationalsozialistischen Musterbetrieb“ ein, das einen maßgeblichen Beitrag zum Holocaust leistete.
Dass große deutsche Unternehmen eine profitable NS-Geschichte haben, ist nicht ungewöhnlich. Seit der Gründung der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft im Jahr 2000, merklich über 50 Jahre nach Kriegsende, bereiten viele Unternehmen ihre Geschichte zumindest teilweise auf, wenn auch nur als Lippenbekenntnis. Kühne + Nagel beteiligt sich entschieden nicht.
Und obwohl eine vom Unternehmen beauftragte Studie über 180 Seiten existiert, in der detailliert die Verstrickungen mit den Nazis aufbereitet wurden, liegt diese hinter verschlossenen Türen. Grund dafür ist Klaus-Michael Kühne, der die Veröffentlichung mit den Worten „Mein Vater war kein Nazi“ stoppte. Dabei bezog er sich auf einen Abschnitt, der mutmaßlich die Verbindungen zwischen seinem Vater Alfred Kühne, NSDAP-Mitglied ab 1933, und dem Nazi-Regime aufdecken würde.
Die M-Aktion
Mit dem Herausdrängen von Adolf Maass aus dem Unternehmen biederten sich die Brüder Alfred und Werner Kühne dem aufkommenden Naziregime an. Als daraufhin alleinige Anteilseigner entwickelten sie das Unternehmen zum größten Spediteur im Nazi-Regime. Zuerst profitierten sie von der Verschiffung von Umzugsgütern vertriebener Jüd:innen. Ab 1942 dann von einer Monopolstellung im Transport von Möbeln und Hausrat geflohener und deportierter Jüd:innen.
Der Transport dieser geplünderten Güter wurde als Möbelaktion bekannt, kurz M-Aktion. Die unterschiedlichen Möbel und Hausratsgegenstände wurden dann an die vom Krieg gegängelte Bevölkerung verkauft, deren Häuser und Wohnungen zum Teil durch Bomben zerstört wurden. Damit kamen einerseits die Nazis an Geld, andererseits besserte sich die schwache Kriegsmoral.
Nach Kriegsende sollten Alfred und Werner Kühne dafür durch ein Entnazifizierungsverfahren zur Rechenschaft gezogen werden. Während sie in der Akte als „Große Nazis“ betitelt wurden, kamen sie mit einer Einstufung als Mitläufer davon. Dafür sorgten der britische Geheimdienst gemeinsam mit der CIA und dem Vorgänger des BND, der Organisation Gehlen.
Deutschlands Nazivermögen
Während Nachrufe zu Kühnes Tod nun seine unternehmerischen Tätigkeiten in den Vordergrund stellen oder ihn sogar als Wohltäter bezeichnen, bleibt die NS-Vergangenheit höchstens eine Randnotiz. Und das, obwohl der Reichtum Kühnes und seiner Familie zu großen Teilen aus der Kooperation mit dem NS-Regime stammt. Überraschend ist das allerdings nicht, schließlich gab es sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft nie eine echte Entnazifizierung.
Nach dem Krieg ging es für die Kriegsverbrecher und Nazis in den Firmenetagen stattdessen einfach weiter. Auch der Leiter der Operation Gehlen, Reinhard Gehlen, ging als ehemaliger Generalmajor der Wehrmacht direkt in den Geheimdienst der BRD über.
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Dass die Entnazifizierung Westdeutschlands eine bloße Farce dargestellt hat, zeigen auch zahlreiche andere Firmen und Personen. Zu den prominentesten dieser Firmen zählen die Autohersteller Mercedes-Benz, BMW und Volkswagen, die Rüstungskonzerne Thyssenkrupp und Rheinmetall, der Chemiehersteller Bayer oder die Deutsche Bank. Auch Lebensmittelmarken wie Dr. Oetker oder Maggi waren wichtige Bestandteile der Kriegsmaschinerie.
In den zwölf Nachfolgeprozessen der Nürnberger Prozesse, in denen unterschiedliche Teile des Nazi-Regimes aufgearbeitet werden sollten, wurden drei führende Unternehmen und Industrielle gesondert behandelt.
Die drei Prozesse
Im Flick-Prozess ging es um den Flick-Konzern. Das von Friedrich Flick gegründete Kriegswaffen-Konsortium war integraler Bestandteil des Krieges und versorgte die Front mit unterschiedlicher Ausrüstung für die Fortführung des Krieges. Für diese Mitschuld an den Kriegsverbrechen der Nazis wurde Friedrich Flick zu sieben Jahren Haft verurteilt, insgesamt saß er von 1945 bis 1950 in Haft.
In den 1950er Jahren wurde Flick erneut zu einem der größten Industriellen Deutschlands, zeitweise auch zum reichsten Deutschen. Unter anderem wurde er zum größten Aktionär bei Daimler-Benz. Er erlangte später das Bundesverdienstkreuz, auch Schulen und Straßen wurden nach ihm benannt.
Mit dem Krupp-Prozess sollte die Teilhabe der Rüstungsfirma Krupp an den nationalsozialistischen Kriegsverbrechen verfolgt werden. Hier endete das Verfahren in mehrjährigen Haftstrafen, die jedoch allesamt nach drei Jahren mit Begnadigungen nichtig gemacht wurden. Heute ist die Firma Thyssenkrupp wieder Deutschlands größter Stahlproduzent.
Auch der I.G.-Farben-Prozess sollte für Aufklärung und Gerechtigkeit sorgen. Angeklagt wurde die Führungsriege des Chemieherstellers I.G. Farbenindustrie AG, der unter anderem das zur massenhaften Tötung genutzte Giftgas Zyklon B herstellte. Dazu wurden auch massenweise Zwangsarbeiter gebraucht, die etwa im KZ Auschwitz III Monowitz eingesetzt wurden. Aus der I.G. Farben entstand die Firma Bayer, die heute eines der größten Chemieunternehmen der Welt ist.
Es zeigt sich klar ein Muster: Zwar unternehmen einige Konzerne inzwischen Anstrengungen, ihre NS-Geschichte nach außen aufzuarbeiten. Der Reichtum, den sie aus der extremen Unterdrückung und Ausbeutung sowie dem Mord an Millionen Jüd:innen und Widerstandskämpfer:innen erbeutet hatten, der Reichtum, der einen großen Bestandteil für ihren weiteren Erfolg nach dem Krieg darstellt, bleibt allerdings unangetastet.

