Krise der US-Marine im Iran-Krieg: Suizidversuche und mangelhafte Versorgung

Auf dem US-Flugzeugträger USS Abraham Lincoln häufen sich Berichte über psychische Belastungen und schlechte Lebensbedingungen. Während die Trump-Regierung die Kritik herunterspielt, werfen Angehörige und Politiker:innen der US Navy vor, die Belastung der rund 5.000 Menschen an Bord zu ignorieren.

Es ist der 21. November 2025 in San Diego. Geplant war ursprünglich, dass die 5.000 Menschen umfassende Besatzung rund um den Flugzeugträger USS Abraham Lincoln zum Mai wieder auf US-amerikanischen Gewässern anläuft. Stattdessen wurde sie Teil der Blockaden iranischer Häfen. Die USS Abraham Lincoln war zunächst im Indopazifik eingesetzt und sollte dort die US-Präsenz stärken, mit Verbündeten trainieren und vor allem zur Abschreckung – insbesondere gegenüber China – beitragen. Mitte Januar 2026 wurde die Carrier Strike Group (CSG) aus dem Südchinesischen Meer abgezogen und nach Westen in Richtung Nahost verlegt.

Eine Carrier Strike Group (CSG) ist ein kompletter Kampfverband rund um einen Flugzeugträger. Die Abraham Lincoln ist dabei das Flaggschiff der Carrier Strike Group 3 (CSG-3). Zu dem Verband gehören neben dem nuklearbetriebenen Flugzeugträger unter anderem ein Trägergeschwader mit Kampfflugzeugen sowie mehrere Lenkwaffenzerstörer.

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Im Einsatz gegen Iran: Operation Epic Fury und Blockade

Mit dem Beginn des Krieges gegen den Iran änderte sich auch die Aufgabe des Flugzeugträgers. Die Abraham Lincoln wurde Teil der amerikanischen Operation Epic Fury. Die Flugzeuge der Lincoln führten bisher schon mehrfach Kampfeinsätze gegen iranische Ziele durch. Später wurde der Verband auch für Operationen zur Kontrolle der Seewege und zur Blockade iranischer Häfen eingesetzt. Die Lincoln blieb damit über Monate in der Region und wurde zu einem wichtigen Bestandteil der amerikanischen Kriegsführung gegen den Iran.

Die Flugzeuge der gesamten US-Marine kamen dabei besonders rund um die Straße von Hormus zum Einsatz. Die wichtigste Schifffahrtsroute, die zu einem wichtigen Brennpunkt im Konflikt geworden ist – und welche ein wichtiges Hindernis für die Aushandlung eines vorübergehenden Stopps des Krieges darstellt. Zuletzt bemerkte Trump gar, er wolle das Wasser um die Straße von Hormus zu US-Gebiet erklären. Der Iran wies diese offensive Provokation zurück.

Der Iran-Krieg geht mit massiven Verlusten für die US-Streitkräfte einher: Nach Informationen der Washington Post haben die US-Streitkräfte im Krieg gegen den Iran mindestens 45 sogenannte MQ-9-Reaper-Drohnen verloren – rund ein Viertel ihrer Reaper-Flotte. Die Drohnen werden für Überwachung und gezielte Angriffe eingesetzt und kosten je nach Ausstattung zwischen 30 und 50 Millionen US-Dollar. In der Zwischenzeit versucht die Trump-Regierung, die Unterstützung des Gesetzgebers für ein 67 Milliarden Dollar umfassendes Iran-Kriegsnachtragsbudget zu stärken.

Dabei sind die Reaper nur ein Teil der Verluste. Nach Angaben der Washington Post haben die US-Streitkräfte im ersten Monat des Krieges außerdem mehr als 850 Tomahawk-Marschflugkörper sowie mehr als 1.000 Patriot- und THAAD-Luftabwehrraketen eingesetzt. Dadurch sind wichtige Bestände an Langstreckenwaffen und Luftverteidigungssystemen deutlich geschrumpft. Das Pentagon, das sich weigerte, sich dazu zu äußern, hat immer wieder Berichte dementiert, dass seine Waffenbestände knapp werden. Gleichzeitig hat die Trump-Regierung den Kongress um Finanzmittel in Höhe von mehreren zehn Milliarden Dollar gebeten, um die durch den Irankrieg entstandenen Kosten auszugleichen und die Lieferungen aufzufüllen.

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Mindestens 3.500 Tote im Iran-Krieg

Die materiellen Verluste gehen mit menschlichen Verlusten einher: Tausende Menschen wurden im gesamten Nahen Osten im Laufe des Iran-Krieges getötet. Dieser begann, als die USA und Israel den Iran am 28. Februar angriffen. Die Zahlen gehen dabei auseinander; eine Untersuchung von Hengaw kam bereits nach 18 Kriegstagen auf 5.300 Tote insgesamt, darunter 511 Zivilist:innen und 4.789 Angehörige iranischer Streitkräfte. Die in den USA ansässige Menschenrechtsgruppe HRANA berechnet dabei, dass seit dem Ausbruch des Krieges 3.636 Menschen getötet wurden. Es hieß, 1.701 von ihnen seien Zivilisten, darunter mindestens 254 Kinder.

Die Gruppe gab zusätzlich preis, sie werde aufhören, tägliche Berichte über Angriffe und Opfer zu veröffentlichen. Bis Ende Juli sind laut Opferverkündigungen 18 US-Soldat:innen gestorben und mehr als 450 verwundet – einer werde vermisst.

Während der Flugzeugträger nun nach ihrem außergewöhnlich langen Einsatz abgelöst werden sollen, wird dafür die USS George Washington aus dem Pazifik Richtung Westasien verlegt. Dies war schon länger geplant, jedoch vollzieht sich dieser Wechsel im Rahmen massiver Kritik von Angehörigen sowie Bedenken von „weitverbreiteten Berichten über Engpässe bei Grundversorgungsgütern, Wasserverunreinigungen, Sanitärproblemen, sich verschlechternder psychischer Gesundheit und Sicherheitsbedenken auf dem Deck“, so etwa Senator Richard Blumenthal.

Blumenthal verwies weiter auf Störungen im Postsystem, wodurch die Pakete monatelang nicht zugestellt worden seien. Der Demokrat aus Connecticut berichtete über diese mangelhaften Zustände in einem Schreiben an den Kriegsminister Pete Hegseth. Hegseth wiederum gilt als Hardliner und besonders skrupelloser Verteidiger der US-amerikanischen Kriegsführung.

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„Er hoffe, morgen nicht mehr aufzuwachen“

Inzwischen hat die Besatzung mehr als 260 Tage nahezu ununterbrochen auf See verbracht. Eigentlich sind Hafengänge alle 30 bis 45 Tage die Normalität. Viele Familienmitglieder sind besorgt über die physische und die psychische Gesundheit ihrer Angehörigen an Bord, da der Einsatz des Flugzeugträgers auf See während des anhaltenden Iran-Krieges zweimal verlängert wurde, ohne dass ein klares Ende in Sicht ist.

Bei einem fast 200-köpfigen Treffen in einem Bankettraum in der Naval Air Station North Island in San Diego in der Nacht des 6. August konfrontierten Familien wiederholt den amtierenden Marineminister Hung Cao und andere Marineführer mit Berichten. Unter anderem von einem Seemann, der über Bord gesprungen sein soll. Einer der Marineführer antwortete, dass er sich der Situation bewusst sei und dass eine Untersuchung im Gange sei, fügte aber hinzu, dass es zu dem Zeitpunkt unklar sei, ob der Seemann absprang oder abfiel. Dieser Kommentar wurde mit Wut aus dem Publikum getroffen, so zwei Personen, die an dem Treffen teilnahmen.

Der Marineführer sagte weiter, der Matrose sei wieder an Bord und glaubte, „in Ordnung“ zu sein, was auch mit Spott im Raum begegnet wurde. Bei diesem Treffen berichtete offenbar eine Ehefrau auch, ihr Mann habe ihr am selben Tag geschrieben, er hoffe, morgen nicht mehr aufzuwachen. Die Berichte von Angehörigen häufen sich dabei stetig weiter. So berichtet Annabelle Loma – die Frau des Mannes, der vom Board sprang – sie habe nach dem Vorfall zunächst einen Anruf vom Ombudsmann des Schiffes erhalten, aber in den letzten Wochen von niemandem von der Marine gehört.

Marinebeamte sagten derweil, sie könnten sich nicht zu den spezifischen medizinischen und psychischen Bedingungen äußern. Bestätigt ist: Mindestens ein Matrose sprang am 3. August von Bord, konnte aber eine Stunde später geborgen werden. Ein weiterer wurde von Kameraden gerade noch zurückgehalten. Die genaue Dimension der Vorfälle ist jedoch weiterhin unklar. Fest steht jedoch, dass die Situation inzwischen eine politische Debatte ausgelöst hat. Die Regierung rund um Trump weist derweil die Kritik weiterhin von sich.

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Trotz der vielen Berichte über Missstände sowie der 200-köpfigen Konferenz hält US-Präsident Donald Trump am Militäreinsatz der Lincoln vor dem Iran fest. In einem Video von CBS News antwortete er auf die Frage einer Journalistin, ob der Einsatz des Flugzeugträgers nicht schon zu lange dauere: „Nein, nein, nein. Bei weitem noch nicht lange genug.“ Dabei spielte er zudem die Bedenken von Familienangehörigen bezüglich der Bedingungen an Bord herunter – das Schiff würde jedoch trotzdem in Kürze verlegt und durch ein anderes „sehr ähnliches Schiff“ ersetzt werden. Gemeint ist vermutlich die USS George Washington.

Auch die militärische Führung weist die Vorwürfe zurück. Marineminister Hung Cao erklärte, es habe keinen Verlust von Menschenleben durch Suizid gegeben und nur eine kleine Zahl von Fällen psychischer Erkrankungen seien überhaupt zu behandeln gewesen. Die Verpflegung sei angepasst worden, wenn keine frischen Lebensmittel verfügbar gewesen seien; keine einzige Mahlzeit sei ausgefallen. Kriegsminister Pete Hegseth bezeichnete die Berichte über die Bedingungen als „völlig falsch dargestellt“ und erklärte, die lange Einsatzdauer zeige vielmehr die Leistungsfähigkeit der Besatzung. Gleichzeitig fordern jedoch Abgeordnete beider Parteien eine Untersuchung und verlangen Aufklärung über die Zustände an Bord. Der demokratische Senator Ruben Gallego kündigte an, sich selbst ein Bild auf dem Schiff machen zu wollen.

Während Angehörige und mehrere Medien von Erschöpfung, Versorgungsproblemen und psychischen Belastungen berichten, stellt die Regierung die Einsatzfähigkeit der Besatzung in den Vordergrund. Die Abraham Lincoln ist dabei kein Einzelfall – der Iran-Krieg hat die US Navy zu ungewöhnlich langen Einsätzen gezwungen: Die Lincoln schwimmt mittlerweile seit mindestens 270 Tagen ohne Hafenaufenthalt.

Andere US-Flugzeugträger, etwa zuletzt die USS Gerald R. Ford, waren auch überdurchschnittlich lange im Einsatz – 2025 ganze 326 Tage. Das ist ein neuer militärischer Rekord. Die Frage für die USA lautet damit nicht, ob die Besatzung noch einsatzfähig ist, sondern wie lange die USA ihre Trägerflotte unter diesen Bedingungen insgesamt aufrechterhalten können. Denn Schiffe, Personal und letztlich die gesamte militärische Strategie der USA gelangen allmählich an ihre Belastungsgrenzen. Und das, während Washington im Indopazifik die eigene Präsenz gegen China sichern und gleichzeitig einen ressourcenintensiven Krieg gegen den Iran führen will.

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