Mangelernährung in Krankenhäusern als unterschätztes Problem

Wer krank ist, soll im Krankenhaus gesund werden. Doch was, wenn der Körper dort nicht ausreichend bekommt, was er für die Genesung braucht? Eine aktuelle Analyse zeigt: Obwohl knapp ein Drittel aller stationär behandelten Patient:innen als mangelernährt gilt, wird dies nur bei ein bis zwei Prozent der längerfristigen Patient:innen vom Krankenhaus selbst diagnostiziert und noch seltener behandelt.

Dass das Essen im Krankenhaus nicht unbedingt für seine kulinarische Qualität bekannt ist, dürfte vielen Patient:innen bekannt sein. Über Geschmack und Aussehen lässt sich zwar noch streiten, doch problematisch wird es, wenn Patient:innen nicht ausreichend mit den Nährstoffen versorgt werden, die ihr Körper sowieso, aber insbesondere für die Heilung und Genesung benötigt.

Eine aktuelle deutschlandweite Analyse von Krankenkassendaten zwischen den Jahren 2017 und 2024, die Forscher:innen des Universitätsklinikums Würzburg im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht haben, zeigt: Mangelernährung wird bei stationären Patient:innen in Deutschland offenbar nur selten diagnostiziert und selbst, wenn sie erkannt wird, erhalten nur wenige Betroffene eine Ernährungstherapie. Die tatsächliche Zahl der mangelernährten Patient:innen dürfte noch deutlich höher liegen: Je nach Untersuchungsmethode waren zwischen 27 und 34 Prozent – also bis zu einem guten Drittel – der untersuchten Patient:innen in Deutschland mangelernährt, wie Daten aus den Jahren von 2019 bis 2022 ergeben.

Krankenhäuser erkennen also selten, dass ihre Patient:innen schlecht ernährt sind. Die Forscher:innen aus Würzburg kritisieren dabei ein mangelndes Bewusstsein der Verantwortlichen in den Kliniken. Bei vielen Kliniken sei es kein Standard, den Ernährungszustand der Patient:innen zu überprüfen. Ein flächendeckendes Screening auf Mangelernährung in Krankenhäusern findet zumindest nicht statt.

Dies zeigt sich auch in den entsprechenden Zahlen: Zwischen den Jahren 2017 und 2024 lag der Anteil der hospitalisierten Patient:innen, bei denen Mangelernährung tatsächlich diagnostiziert wurde, zwischen 1,16 und 1,3 Prozent.

Noch seltener wurde anschließend eine aufbauende Behandlung dokumentiert. Die Therapierate unter den Patient:innen mit diagnostizierter Mangelernährung lag im Untersuchungszeitraum lediglich zwischen 2,77 und 4,45 Prozent.

Andere europäische Länder sind bei der systematischen Erfassung von Mangelernährung teilweise schon auf einem höheren Niveau: In den Niederlanden gibt es bereits seit 2007 Vorgaben für ein verpflichtendes Ernährungs-Screening im Krankenhaus. Auch Portugal hat landesweite Programme zur Erkennung von Mangelernährung.

Ernährung beeinträchtigt Genesung und Langzeiterkrankungen

Mangelernährung lässt sich nicht allein am Körpergewicht oder am häufig verwendeten Body-Mass-Index (BMI) erkennen. Entscheidend ist vielmehr, ob der Körper ausreichend mit Energie und lebenswichtigen Nährstoffen versorgt wird und ob beispielsweise ungewollter Gewichts- oder Muskelverlust vorliegt.

Für den Körper ist eine ausreichende Versorgung mit Energie, Eiweiß, Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und weiteren Nährstoffen insbesondere dann wichtig, wenn er sich von einer Erkrankung, einer Operation oder einer anderen körperlichen Belastung erholen muss.

Gerade im Krankenhaus können Patient:innen jedoch Schwierigkeiten haben, ausreichend zu essen: Erkrankungen, Schmerzen, Übelkeit, Schluckbeschwerden oder die Nebenwirkungen von Medikamenten können die Nahrungsaufnahme erschweren. Auch nach größeren Operationen kann die normale Ernährung zeitweise eingeschränkt sein.

Besonders gefährdet sind dabei unter anderem ältere Menschen und Patient:innen mit schweren oder chronischen Erkrankungen wie Morbus Crohn. Mangelernährung kann auch den Verlauf einer Erkrankung beeinflussen und unter anderem mit einem erhöhten Risiko für Komplikationen, Infektionen, längere Krankenhausaufenthalte und eine höhere Sterblichkeit verbunden sein. Die untersuchte Studie kommt hier zu dem Ergebnis, dass Patient:innen mit diagnostizierter Mangelernährung häufiger längere Krankenhausaufenthalte und höhere gesundheitliche Kosten aufweisen.

Besonders relevant ist die Situation bei Krebserkrankungen: Die europäische Fachgesellschaft für klinische Ernährung, ESPEN, weist darauf hin, dass Mangelernährung bei Krebspatient:innen häufig vorkommt und erhebliche Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf haben kann. Mangelernährung sei für 10 bis 20 Prozent der Todesursachen verantwortlich.

Seltenere Behandlungen bei Frauen und älteren Patient:innen

Auffällig ist außerdem, dass nicht alle Patient:innen gleichermaßen Zugang zu einer Ernährungstherapie erhalten. Laut der Studie zeigen sich Unterschiede nach Alter und Geschlecht: Jüngere und männliche Patienten wurden häufiger ernährungstherapeutisch behandelt als ältere und weibliche Patientinnen. Die Autor:innen sprechen deshalb von „alters- und geschlechtsbezogenen Ungleichheiten beim Zugang zur Ernährungstherapie“.

Frauen werden im Gesundheitssystem häufig vernachlässigt. Hierbei spricht man vom Gender-Health-Gap – sei es, weil z.B. die bekannten Merkmale eines Herzinfarkts bei Frauen oft nicht zutreffen oder weil die Forschung zu Krankheiten wie Endometriose nicht ausreichend finanziert wird.

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Das Problem ist bekannt

Dass das Problem der Mangelernährung in Krankenhäusern nicht neu ist, zeigt ein offener Brief von Vertreter:innen aus Medizin und Wissenschaft aus dem Jahr 2022. In diesem beklagten sie, dass „ein Großteil des in Kliniken ausgegebenen Essens sowohl nachteilig für die individuelle Gesundheit von Patientinnen, Patienten und Personal, als auch für die planetare Gesundheit“ sei.

Das Bundesgesundheitsministerium verwies damals auf die Verantwortung der einzelnen Krankenhäuser.

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Gleichzeitig ist es nicht ausreichend, allein auf die Qualität des Krankenhaus-Essens zu schauen. Eine Ernährungstherapie umfasst mehr als die Ausgabe ausgewogener Mahlzeiten. Dazu gehören auch die frühzeitige Erkennung eines Risikos, eine individuelle Ernährungsbeurteilung und gegebenenfalls eine gezielte Versorgung mit zusätzlichen Nährstoffen. Hierfür setzen schon jetzt Kliniken wie das Uniklinikum Leipzig spezialisierte Ernährungsteams ein, welche die Mangelernährung gerade bei Langzeitpatient:innen verhindern sollen.

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