Massenansturm auf Ceuta: Migration als Druckmittel zwischen Marokko und Spanien

60.000 Menschen überquerten Ende Juli die Grenze zur spanischen Exklave Ceuta – mindestens 67 von ihnen starben dabei. Das Ereignis reiht sich ein in einen langjährigen Konflikt zwischen Spanien und Marokko, bei dem die Migrant:innen die Leidtragenden sind.

Vom 29. bis zum 31. Juli kam es an der Grenze Ceutas zu einem der größten Grenzdurchbrüche der vergangenen Jahre. Nach spanischen Angaben gelang es rund 60.000 Menschen innerhalb kurzer Zeit, die EU-Außengrenze zu überwinden. Dabei soll auch eine Lücke im Grenzzaun entstanden sein, durch die viele Menschen nach Ceuta gelangten.

Die meisten kamen über das Meer, schwimmend oder in kleinen Booten, um den Grenzzaun zu umgehen. Einige stürmten die Grenzübergangsstellen in einer solchen Anzahl, dass die Wachen überfordert waren. Wieder andere versuchten, den Wellenbrecher an der Küste zu erklimmen, der den Grenzzaun hält. Während des Massenansturms starben mindestens 67 Menschen, zahlreiche weitere wurden verletzt.

Die Exklaven Ceuta und Melilla liegen zwar auf dem afrikanischen Kontinent und grenzen im Südwesten an Marokko, werden jedoch von Spanien verwaltet und gehören damit zur Europäischen Union, allerdings nicht zur NATO. Die Städte sind ein Überbleibsel der spanischen Kolonialherrschaft in Nordafrika.

Seitdem sind die beiden Exklaven stark abgeschottet: Die Landgrenzen zu Marokko zählen zu den am stärksten gesicherten Außengrenzen der EU: Hohe Grenzzäune und Stacheldraht, Überwachungskameras sowie der ständige Einsatz der paramilitärischen Sicherheitsbehörde Guardia Civil und der Nationalpolizei sollen verhindern, dass Menschen nach Europa gelangen.

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Dennoch versuchen jedes Jahr tausende Menschen, die Grenzen zu überwinden. Viele klettern über die Zäune oder versuchen, schwimmend die Küste zu erreichen – dies endet immer wieder tödlich.

Was verursachte den plötzlichen massiven Zustrom?

Während viele Menschen aus Marokko und anderen Staaten aufgrund von Armut, Perspektivlosigkeit, politischer Verfolgung oder bewaffneten Konflikten fliehen, gibt es verschiedene Gründe, warum ausgerechnet jetzt so viele Menschen zeitgleich versuchten, die spanischen Exklaven zu erreichen.

Die Behörden in Ceuta führen den Anstieg unter anderem auf ein Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs vom 8. Juli zurück. Dieses untersagte den Behörden, Migrant:innen, die auf dem Seeweg ankommen, unmittelbar nach Marokko zurückzuschicken. Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez selbst machte kriminelle Schleusernetzwerke für den plötzlichen Zustrom verantwortlich. Diese hätten die Bedeutung des Urteils übertrieben und dadurch viele Menschen dazu bewegt, sich dem massenhaften Grenzübertritt anzuschließen.

Diese These wird etwa von Ignacio Cembrero, einem spanischen Journalisten, der sich auf Migration in Nordafrika spezialisiert hat, infrage gestellt. Der Nachrichtenagentur AFP sagte er, dass „ohne Zweifel das Urteil vom 8. Juli eine Rolle gespielt hat, aber das erklärt nicht das Niveau der Mobilisierung“. Nur wenige Migrant:innen hätten von dem Gerichtsurteil gewusst.

Im Hintergrund steht zudem der Konflikt um Ceuta selbst. Obwohl Marokko bereits 1956 seine Unabhängigkeit von Frankreich und Spanien erlangte, befinden sich die Exklaven Ceuta und Melilla bis heute unter spanischer Kontrolle. Marokko erhebt hingegen seinerseits weiterhin Anspruch auf beide Gebiete.

Parallel eskalierte die Lage – in deutlich geringerem Ausmaß – auch in Melilla. Nach Angaben des Präsidenten der Stadt, Juan José Imbroda, gelangten hier rund 400 Menschen über zwei Grenzübergänge sowie einen Damm von Marokko aus nach Melilla. Nach dem Grenzdurchbruch kehrten Berichten zufolge tausende Menschen nach Marokko zurück, begleitet vom spanischen Militär.

Die meisten Menschen, die trotz der starken Grenzsicherung nach Ceuta oder Melilla gelangen, werden von den spanischen Behörden unmittelbar zurückgewiesen. Denn für die beiden spanischen Exklaven gilt innerhalb des Schengenraums eine Sonderregelung: Personen, die von dort auf das spanische Festland oder in andere Schengen-Staaten weiterreisen möchten, werden grundsätzlich erneut kontrolliert.

Da Ceuta und Melilla an ihrer Landseite vollständig von marokkanischem Staatsgebiet umgeben sind, ist Spanien – und damit auch die Europäische Union – auf die Zusammenarbeit mit Marokko angewiesen, um seine Außengrenzen zu kontrollieren. Verstärkt oder lockert Marokko seine Grenzkontrollen, hat dies unmittelbare Auswirkungen auf die Zahl der Menschen, die versuchen, nach Europa zu gelangen. Dadurch verfügt Marokko über erheblichen politischen Einfluss in den Beziehungen zur Europäischen Union.

Konflikt zwischen Spanien und Marokko

Neben der Migrationspolitik spielt auch der langjährige Konflikt zwischen Spanien und Marokko selbst eine wichtige Rolle. Immer wieder wird deshalb vermutet, dass Marokko die Kontrolle über die Grenze als politisches Druckmittel gegenüber Spanien und der Europäischen Union nutzt.

Ein ähnlicher Konflikt eskalierte bereits 2021. Ein Grund dafür war der Streit um die Souveränität der Westsahara, einer weiteren ehemaligen spanischen Kolonie, die Marokko 1976 größtenteils annektiert hat. Indigene Einwohner:innen gründeten die Polisario-Front, um sich der marokkanischen Herrschaft zu widersetzen und weiterhin für ihre Unabhängigkeit zu kämpfen.

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Nachdem Spanien 2021 den Polisario-Führer Brahim Ghali zur medizinischen Behandlung aufgenommen hatte, verschlechterten sich die Beziehungen zwischen beiden Staaten erheblich. Kurz darauf lockerte Marokko seine Grenzkontrollen, wodurch rund 9.000 Menschen nach Ceuta gelangten.

Erst 2022 normalisierten sich die Beziehungen wieder. Spanien gab seine bisherige Position auf: ein Referendum unter UN-Aufsicht über die Selbstbestimmung der Westsahara. Stattdessen unterstützte es fortan Marokkos Souveränität über das Gebiet, im Rahmen eines von Marokko vorgeschlagenen Autonomiemodells ohne Unabhängigkeitsoption.

Die Beziehungen verschlechterten sich jedoch erneut, nachdem der spanische Regierungschef Pedro Sánchez am 20. Juli 2026 Algerien besuchte. Die algerische Regierung unterstützt aus eigener Rivalität zu Marokko die Polisario-Front. Der jüngste Massenansturm auf Ceuta könnte deshalb auch als politisches Signal Marokkos an Spanien verstanden werden.

Reaktion aus Spanien

An den Landesgrenzen gab es nun mehrfach Zusammenstöße zwischen Migrant:innen und Einsatzkräften. Vor allem am Grenzübergang Fnideq eskalierte die Lage: die spanischen Behörden setzten mutmaßlich Wasserwerfer ein, um weitere ​Übertritte zu verhindern. Auch in Melilla kam es am Grenzübergang Beni Ansar zu Zusammenstößen. Nach Angaben der marokkanischen Vereinigung für Menschenrechte wurden dort mindestens drei Fahrzeuge in Brand gesetzt, zudem gab es etliche Verletzte.

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Es war wohl zu Auseinandersetzungen gekommen, bei denen Steine auf die Sicherheitskräfte geschleudert wurden. Diese setzten wiederum Tränengas ein. Außerdem verhinderten spanische Soldat:innen den Zugang vom Meer zum Strand.

Am Hauptbahnhof der marokkanischen Stadt Tanger schliefen Hunderte der zurückgekehrten Migrant:innen auf dem Boden. Taxifahrer:innen und Busunternehmer weigerten sich derweil, Menschen mitzunehmen, da sie die Konsequenzen von Seiten der Behörden fürchteten. Entlang der Straße waren zudem Polizist:innen im Einsatz, um in Richtung Fnideq fahrende Fahrzeug zu stoppen und zu kontrollieren.

Die spanische Regierung mobilisierte zuletzt auch das Militär, um die Guardia Civil in Ceuta zu unterstützen. Die Personalstärke der Guardia Civil in Ceuta solle zudem von derzeit 80 Beamt:innen auf nahezu doppelt so viele Kräfte aufgestockt werden. Auch Taucher:innen der Polizei sowie ein Boot und Drohnen wurden nach Regierungsangaben entsandt.

Als weitere Reaktion begann die spanische Guardia Civil morgens um 5:50 Uhr mit dem Bau einer 500 Meter langen schwimmenden Grenzbarriere am Wellenbrecher von Tarajal in Ceuta. Der Küstenabschnitt galt als einer der wichtigsten Zugänge für Menschen, die versuchen, die Exklave über das Meer zu erreichen. Die aufblasbaren Sperren ragen 30 bis 70 Zentimeter aus dem Wasser und reichen bis zu einen Meter unter die Oberfläche. Zwischen den Barrieren bleibt ein schmaler Kanal, damit Boote der Guardia Civil das Gebiet weiterhin überwachen können.

Mit der neuen Anlage soll die Überwachung der Seegrenze weiter verschärft werden, um künftige Grenzübertritte zu erschweren.

Internationale Reaktionen

US-Präsident Donald Trump nennt die Ankunft zehntausender Migrant:innen „schrecklich“. Er warnt schon einmal hypothetisch vor einem ähnlichen Szenario in den USA: „So wird es uns in drei Jahren ergehen, wenn die falsche Seite an die Macht kommt“, meinte er gegenüber dem Sender FOX News in Anspielung auf einen möglichen Gewinn der Demokraten bei der Präsidentschaftswahl 2028.

Italien hat nach den Ereignissen der letzten Tage das Schengen-Abkommen mit Spanien ausgesetzt: Es würden wieder Grenzkontrollen für den Luft- und Seeverkehr eingeführt werden, teilte das Innenministerium mit. Dies laufe auf eine Schließung der Grenze hinaus. Zugleich erklärte sich Italien zur Unterstützung bereit: Ministerpräsidentin Giorgia Meloni stehe hinter jeder europäischen Initiative, um den spanischen Institutionen zu helfen, „die volle Kontrolle über die Außengrenzen der Union wiederherzustellen“.

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Staats- und Regierungschefs von 22 EU-Mitgliedsstaaten haben als Reaktion auf die Geschehnisse in einem gemeinsamen Brief eine Dringlichkeitssitzung der EU-Innenminister gefordert: „Die Ereignisse der vergangenen Tage erfordern eine unverzügliche und koordinierte europäische Antwort“, heißt es in dem Schreiben an die EU-Ratspräsidentschaft. Zu den Unterzeichner:innen gehören unter anderem Bundeskanzler Friedrich Merz und die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. „Keine einzige Person hat die Grenze zum EU-Festland überschritten“, versicherte derweil EU-Migrationskommissar Magnus Brunner.

Vorwürfe gegen Marokkos und Spaniens Regierung

Der Massenansturm auf Ceuta zeigt die Widersprüche der europäischen Migrationspolitik und löste scharfe Kritik an der Politik Spaniens und Marokkos aus – aus sehr unterschiedlichen Richtungen.

Von politisch rechter Seite übte etwa Manfred Weber (CSU), Vorsitzender der EVP-Fraktion im Europäischen Parlament, Kritik: Er warf Marokko vor, dass es habe versucht habe, „mit Migration politischen Druck auszuüben“. Gleichzeitig kritisierte er die spanische Regierung und sprach von einem „Pull-Faktor“, quasi als eine „Zulassung von Illegalen“ und verwies darauf, dass inzwischen „1,5 bis 2 Millionen Menschen“ einen entsprechenden Antrag gestellt hätten. Auch der deutsche Außenminister Johann Wadephul (CDU) forderte Spanien auf, die vollständige Kontrolle über Ceuta schnell wiederherzustellen – der Schutz der europäischen Außengrenzen habe für die Europäische Union höchste Priorität.

Die spanische Verteidigungsministerin Margarita Robles erhob derweil schwere Vorwürfe gegen die marokkanische Regierung: Marokko habe durch sein Vorgehen an der Grenze das Leben tausender Menschen gefährdet, indem es zugelassen habe, dass Migrant:innen nach Ceuta schwammen oder über die Grenzanlagen kletterten. Im Radiosender RNE sagte sie, Spanien werde „keine Erpressung akzeptieren und keine Infragestellung seiner territorialen Integrität hinnehmen“.

Kritik kam jedoch auch von Menschenrechtsorganisationen. Esteban Beltrán von Amnesty International Spanien mahnte: „Die große Zahl der Menschen, die in Ceuta ankommen, und die Umstände der Grenzübertritte dürfen nicht davon ablenken, dass nach internationalem Recht das Prinzip des Non-Refoulement (des Verbots der Zurückweisung) uneingeschränkt gilt und kollektive Ausweisungen in allen Fällen verboten sind.“

Die Menschenrechtsorganisation SOS Racismo kritisierte die „Externalisierung der Grenzen“ sowie den Einsatz von Migrant:innen als „Instrument für Verhandlungen“. Laut Mikel Araguás, Projektkoordinator von SOS Racismo, seien „Migranten und Angehörige ethnischer Minderheiten ein Instrument zur Verhandlung anderer Arten von Problemen“.

Die Migrant:innen selbst berichteten von schlechten Versorgungsbedingungen und davon, unter Druck gesetzt worden zu sein, nach Marokko zurückzukehren. Der 23-jährige Marokkaner Mohamed Hatri sagte beispielsweise: „All diese Menschen befinden sich in einer sehr schlechten Lage. Sie bekommen weder Essen noch Getränke, und sie haben alles geschlossen, damit wir nichts zu essen kaufen können, um uns zur Rückkehr in unser Land zu zwingen. Aber auch wenn sie alles schließen, auch wenn alles geschlossen ist, werden wir hier bleiben, egal ob wir hungrig sind oder nicht.“

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