Vor kurzem unterzeichneten Saudi-Arabien, Pakistan und die Türkei ein Verteidigungsabkommen. Welche Ziele verfolgen die einzelnen Akteure in dem neuen Bündnis und was bedeutet das für die Situation in Westasien?
Anfang August kamen drei bedeutende Staaten der sunnitischen Welt zusammen, um ein historisches Verteidigungsabkommen zu unterzeichnen. Die Türkei, Pakistan und Saudi-Arabien trafen sich symbolträchtig in der wichtigsten Pilgerstätte der Muslim:innen, um den „Mekka-Verteidigungspakt“ zu beschließen.
Im Mittelpunkt der Vereinbarung soll die „gemeinsame Abschreckung gegen jegliche Aggression“ stehen. Analog zur Beistandsklausel der NATO ist in dem trilateralen Abkommen festgeschrieben, dass jeder Angriff gegen einen der Vertragspartner wie ein Angriff auf alle zu behandeln ist. Zusätzlich zu den Sicherheitsgarantien sind laut der Deutschen Presse-Agentur, die sich auf pakistanische Regierungskreise beruft, auch ein Technologietransfer zwischen der Türkei und Saudi-Arabien, eine stärkere Zusammenarbeit der Geheimdienste sowie die Installation einer Flugabwehr in Saudi-Arabien vereinbart worden.
Doch darüber hinaus verfolgt jeder der Unterzeichner noch weitere individuelle Interessen in diesem Zweckbündnis.
Saudi-Arabien
Das Gastgeberland der Unterzeichnung sehnte sich wohl am ehesten nach diesem Bündnis, benötigt es doch dringend militärische Hilfe. Saudi-Arabien verfügt zwar über enorme finanzielle Kapazitäten zum Kauf von Rüstungsgütern, sein Militär ist dagegen den anderen Regionalkräften deutlich unterlegen.
Die Stärke des Königreichs liegt in seinem unermesslich scheinenden Reichtum, zu dem es durch Ölexporte und weltweite Investitionen gelangt ist. Hinzu kommt, dass viele heilige Stätten der muslimischen Gemeinschaft in Saudi-Arabien verortet sind, die es zu schützen gilt.
Bisher verließ sich das saudische Königshaus dabei im Militärischen auf die Vereinigten Staaten, die im Land Truppen stationiert haben. Dies machte Saudi-Arabien allerdings zur Zielscheibe des Irans, der im Zuge der israelisch-amerikanischen Angriffe mit Gegenattacken auf jegliche Verbündete antwortete. Auch die Beziehungen mit Israel waren dabei immer mal wieder ein Hindernis im Bündnis mit den USA.
Trotzdem kündigt der neue Verteidigungspakt keinen kompletten Richtungswechsel in der saudischen Strategie an. Ganz im Gegenteil: Saudi-Arabien schloss erst vor kurzem ein Abkommen über den Ausbau von Atomenergie mit den USA. In diesem Kontext steht sogar eine Unterzeichnung des Abraham-Abkommens, also eine Normalisierung der Beziehungen zu Israel, im Raum. Es geht Saudi-Arabien also scheinbar viel eher um eine Absicherung der eigenen Interessen, insbesondere im Angesicht einer USA, die sich eigentlich mehr auf den Hauptkonkurrenten China fokussieren will.
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Türkei
Nichtsdestotrotz ist Geld wohl das treibende Argument bei diesem Dreierbündnis, zumindest für die Türkei. Die türkische Regierung verspricht sich von dem Deal mit Saudi-Arabien einen dauerhaften Großabnehmer für Waffen, der ihrer pulsierenden Rüstungsindustrie einen weiteren Schub verleihen soll.
Während türkische Rüstung hierzulande vor allem im Kontext immer weiter steigender deutscher Waffenlieferungen oder Dramen rund um die Verkaufserlaubnis von F-35-Kampfjets in die Nachrichten kommt, setzt die Türkei immer mehr auf eine eigene, unabhängige Rüstungsindustrie. Auch wirtschaftlich hat dieser Sektor eine immer größere Bedeutung für die Türkei.
Doch nicht nur im Kontext intensivierter Rüstungsdeals mit Saudi-Arabien könnte der „Mekka-Pakt“ die türkische Beziehung zu den anderen NATO-Staaten verkomplizieren. So bleibt zum Beispiel die Frage, inwiefern sie durch die Kombination aus dem neuen Verteidigungspakt und NATO-Artikel fünf in Kriege in Westasien hineingezogen werden könnten.
Pakistan
Dem pakistanischen Staat, dem klammsten und politisch instabilsten Mitglied in der Runde, stehen wohlhabende Freunde mit Investitionsabsichten gut zu Gesicht. Dafür wollen die Türkei und Saudi-Arabien vom schlagkräftig aufgestellten pakistanischen Militär profitieren.
Zudem ist Pakistan das einzige muslimische Land mit Atomwaffen. Saudi-Arabien weiß dies bereits seit September 2025 für sich zu nutzen, als es mit Pakistan ein bilaterales Verteidigungsabkommen schloss.
Für Pakistan ist das Bündnis außerdem ein erneutes Zeugnis seiner regionalen Bedeutung in Asien. Konnte es sich bereits als Vermittler zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten in Szene setzen, wird seine Macht als wichtiger Player in der Region weiter unterstrichen. Auch für die Türkei geht es nicht nur um das Ankurbeln ihrer Kriegswirtschaft. Das neue Abkommen ist auch ein Fingerzeig in Richtung ihrer Dauerkonfliktpartner Griechenland und Israel.
Ägypten
Neben den drei offiziellen Partnerstaaten steht auch ein Beitritt Ägyptens zum „Mekka-Pakt“ im Raum, immerhin macht insbesondere die Türkei Druck in dieser Sache. So machten sowohl der türkische Präsident Erdoğan als auch Außenminister Hakan Fidan Vorstöße in diese Richtung. Auch aus Ägypten selbst gibt es viel Interesse: Man „denke ernsthaft darüber nach“, dem Bündnis beizutreten, teilte der ägyptische Außenminister Badr Abdelatty am vergangenen Donnerstag mit.
Generell pflegt Ägypten gute Beziehungen mit den Staaten des Dreierbündnisses, insbesondere seit dem erneuten Ausbruch des Iran-Kriegs. Dementsprechend wurde es zumindest von einigen Akteuren als Überraschung wahrgenommen, dass Ägypten nicht von Beginn an Teil des Abkommens war. Spekulationen, warum man dem Verteidigungspakt zunächst fern bleibt, gibt es viele, dabei steht aber vor allem die weitreichende Bündnispolitik Ägyptens im Vordergrund. So pflegt man zum Beispiel Beziehungen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, Indien sowie Griechenland und Zypern – Staaten, die für Saudi-Arabien, Pakistan und die Türkei regionale Konkurrenten oder zumindest ein Dorn im Auge sind.
Das Bündnis würde vom Beitritt Ägyptens vor allem durch das größte arabische Militär der Welt profitieren. Aber auch allgemein hat Ägypten in Westasien großen Einfluss. Mit einem Beitritt würde sich die Machtbasis der Unterzeichner in der Region deutlich festigen.
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Neue Ordnung in Westasien
Die neue Dreierkoalition führt aber auch schon so zu Machtverschiebungen in Westasien. Drei Konfliktparteien stehen sich nun gegenüber. Zum einen der Iran und seine Verbündeten im Libanon, im Jemen und im Irak.
Sie befinden sich in einem historischen Konflikt mit den USA und Israel und damit auch den Unterzeichnern des Abraham-Abkommens. 2020 konnte die US-Regierung mehrere muslimische Staaten davon überzeugen, diplomatische Beziehungen zu Israel aufzunehmen und von weiteren gegenseitigen Feindseligkeiten abzusehen. Die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Marokko und der Sudan waren die damaligen Unterzeichner.
Nun gibt es zwischen den beiden verhärteten Fronten mit der „Mekka-Koalition“ einen dritten Player, der bereits die Fühler nach weiteren Verbündeten ausstreckt.
Was der „Mekka-Pakt“ für die Zukunft bedeutet, ist schwer abzuschätzen. Alle Beteiligten sprechen von einem klaren Verteidigungsbündnis, um auf die Gefahren aus dem Iran, aber auch aus Israel vorbereitet zu sein. Trotzdem solle das Abkommen gegen keinen der beiden Staaten direkt gerichtet sein. Zusätzliche Brisanz besteht durch die Doppelmitgliedschaft der Türkei, die ebenso der NATO angehört.

