Die Aktivistin Paula Maier machte vor kurzem öffentlich, wie sie in türkischer Abschiebehaft vergewaltigt wurde. Sexualisierte Folter ist als Repressionsmittel dabei keine Neuheit. Aber die Geschichte revolutionärer Bewegungen zeigt uns auch, dass ein Kampf dagegen erfolgreich sein kann. – Ein Kommentar.
Anfang des Jahres starteten die sogenannte syrische Übergangsregierung unter Mohammad al-Jolani und HTS-geführte Kräfte einen Generalangriff auf die kurdischen Gebiete in Nord- und Ostsyrien. Ihr Ziel: Die Zerstörung der demokratisch-selbstverwalteten Region Rojava. Diese Angriffe waren der Anlass für etliche Internationalist:innen, Delegationsreisen nach Kurdistan zu organisieren, um vor Ort von der Lage zu berichten und praktische Solidarität zu zeigen.
Teil einer der Delegationsreisen waren auch Aktivist:innen der Föderation Klassenkämpferischer Organisationen (FKO) sowie unsere Perspektive-Korrespondentin Tanja Wetzel. Ihre Reise ging von Bakur über Amed nach Nusaybin. Auf ihrem Weg nach Mardin wurden sie schließlich von der türkischen Militärpolizei verhaftet. Die Aufmerksamkeit, die die Aktivist:innen auf die Angriffe auf Rojava lenkten, war dem türkischen Staat ein Dorn im Auge.
Das zeigte sich spätestens, als sie bei ihrer geplanten Abschiebung andere Flugzeugpassagiere auf die Situation und ihre Abschiebung aufmerksam machten. Erneut wurden sie festgenommen und brutal inhaftiert. Es folgten Stunden der systematischen psychischen, physischen und sexualisierten Folter. Vergangene Woche veröffentlichte die FKO ein Video, in dem die Aktivistin Paula Maier davon berichtet, dass sie von einem türkischen Beamten in Einzelhaft vergewaltigt wurde. Auch auf Perspektive Online erschien ein Interview mit ihr.
Sexualisierte Folter – Ein System mit langer Vergangenheit
Sexualisierte Folter und im Speziellen Vergewaltigung sind und waren in der Vergangenheit keine seltenen Methoden, um den Widerstand von politisch aktiven Frauen zu brechen. Nicht nur, um Frauen in ihrem Widerstand klein zu halten.
Das Mittel der sexualisierten Gewalt im Kontext der Repressionen soll in eine Bewegung als Ganzes ausstrahlen. Es soll einschüchtern und Bewegungen zersetzen. Dabei wird sexualisierte Folter immer wieder nicht nur gegen Frauen, sondern gegen alle Geschlechter eingesetzt. Wobei Frauen schon immer in besonderer Form von dieser Art der Repression betroffen sind.
Die gesellschaftlichen Konventionen und die Stigmatisierung, die damit einhergehen, führen zusätzlich dazu, dass Frauen sich nicht trauen über ihre Erfahrungen zu sprechen und schließlich isoliert mit der Bewältigung dieser dastehen.
Kämpfe kurdischer und türkischer Gefangener
Auch in der kurdischen und türkischen Befreiungsbewegung gibt es unzählige solcher Erfahrungen, die jedoch über lange Zeit von den Frauen verschwiegen wurden. Das geschah meist aus Scham und aus Angst vor den Folgen, wenn sie die Vorwürfe öffentlich machen würden. Dabei ging es nicht nur um die Furcht vor weiterer Verfolgung und Repressionen. Vor dem Hintergrund ihrer Sozialisierung hatten Frauen Angst, ihre „Ehre“ durch die Vergewaltigungen verloren zu haben.
Schließlich brach Asiye Güzel, eine türkische Revolutionärin, das Schweigen und ging erstmals mit ihrer Geschichte der sexualisierten Folter im türkischen Knast an die Öffentlichkeit. Damit wurde sie zum Vorbild für viele Frauen, was zu einer Offensive gegen diese Form der Folter durch den türkischen Staat führte. Darauf folgte eine breite Kampagne, die vor allem durch die Working Women’s Union (EKB) geführt wurde.
Im Jahr 2000 gipfelte die Kampagne im „No to Sexual Harassment and Rape in Custody Congress“. Bei dieser Konferenz versammelten sich 138 Frauen, Anwältinnen und Betroffene von sexualisierter Folter, um ihre Erfahrungen mit der Öffentlichkeit zu teilen. Damit schafften die Frauen es gemeinsam über Jahrzehnte hinweg Vergewaltigung als Foltermethode in Haft fast vollständig zurückzudrängen.
Stigmatisierung und Scham überwinden
Diesen Schritt zu gehen war keineswegs leicht. Denn wie Asiye selbst in ihrem Buch „Asiye’s Geschichte“ schreibt, sei es vor allem für Frauen schwer, sich von den stark verankerten „feudal-patriarchalen“ gesellschaftlichen Wertevorstellungen zu lösen. Denn sie alle wuchsen unter ihnen in der Türkei auf. Sich von diesen sozialisierten Werten zu lösen, bedeutet also auch die mit Vergewaltigung verbundene Stigmatisierung und empfundene Scham zu überwinden.
Die türkischen Revolutionären schreiben über den Prozess der Auseinandersetzung mit ihren eigenen Erfahrungen und die Entstehung ihres Buches: „Die Unsicherheit über die zu erwartenden Reaktionen, was die Menschen denken würden, wie sich der Prozess danach entwickeln würde – all das erzeugte Spannung und Unruhe. Aber in einem Punkt war ich mir sicher: Das Problem von Vergewaltigung und sexueller Belästigung würde diskutiert und besprochen werden, insbesondere unter Frauen. Das war sehr wichtig. Es handelte sich um ein Thema, das wie ein Tabu behandelt, nicht besprochen und nicht zu verstehen versucht wurde – auch unter Revolutionärinnen.“
Asiye zeigt, dass die Veröffentlichung solcher Erfahrungen vieles bedeuten kann. Es heißt, sich selbst bewusst mit den eigenen Erlebnissen auseinanderzusetzen und in diesem Prozess die Selbstbestimmung zurückzuerlangen. Es heißt, das Schweigen für Hunderte anderer Frauen zu brechen und ihnen auch den Mut zur Selbstermächtigung zu geben.
Es heißt aber auch, auf der einen Seite die revolutionäre Bewegung gezielt vor die Aufgabe zu stellen, einen politischen Umgang mit der sexualisierten Folter zu entwickeln und auf der anderen Seite gemeinsam als Bewegung zu einem Gegenschlag auszuholen gegen den Staat und seine Repressionsorgane, die diese Mittel anwenden, und zu zeigen, dass die Frauen sich dadurch nicht brechen lassen.
Baskin Nekane machte Folter öffentlich
Auch die baskische Widerstandskämpferin Nekane führte einen langen Kampf für ihre Gerechtigkeit. In Gefangenschaft 1999 wurde sie eine Woche lang gefoltert und vergewaltigt. Sie selbst sagt zu dieser Zeit: „Ich kämpfte mit meinem gesamten Willen ums Überleben. Ich wollte meiner Familie den Schmerz ersparen, eine Angehörige zu verlieren.“ 2007 wurde die schwangere Nekane in einem Massenprozess zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, woraufhin sie sich dafür entschied, unterzutauchen und zu flüchten.
Auch sie machte ihre Erfahrungen öffentlich und erstattete Anzeige. Jedoch leitete die Justiz keine Untersuchungen ein. 2016 wurde sie in der Schweiz in Abschiebehaft genommen. Doch eine große Welle an internationaler Solidarität und der Druck, der dadurch auf Behörden ausgeübt wurde, konnten ihre Abschiebung verhindern. Auch Nekane brach das Schweigen und nahm ihr Leben selbstbestimmt in die Hand, womit sie vielen Frauen auch heute noch ein Vorbild ist.
Sexualisierte Gewalt in israelischer Haft
Doch auch wenn es in der Vergangenheit erfolgreiche Kämpfe gegen sexualisierte Gewalt in Haft gab, erreichen uns heute noch immer Berichte von sexualisierter Folter in Gefängnissen. Großes Aufsehen erregte vor allem im Jahr 2024 ein Bericht der Organisation B’tselem unter dem Titel „Welcome to Hell“, in dem über 118 Seiten verschiedene Foltermethoden und Erfahrungsberichte palästinensischer Gefangener aus israelischen Gefängnissen festgehalten werden – darunter auch diverse Berichte sexualisierter Gewalt und Folter.
Ebenso berichtete im letzten Jahr Anna Liedtke, eine deutsche Aktivistin der Frauenorganisation Zora, bei einer Nacktdurchsuchung von israelischen Sicherheitskräften vergewaltigt worden zu sein. Gemeinsam mit hunderten anderen Aktivist:innen wollte sie in humanitärer Mission nach Gaza segeln. Auf offener See wurde sie von israelischen Soldat:innen inhaftiert und in israelische Gefängnisse verschleppt.
Vergewaltigung in israelischer Gefangenschaft: „Es hat meinen Willen nicht gebrochen“
Geschlechtsspezifische Repressionen auch in Deutschland
Geschlechtsspezifische Repressionen sind nichts, was nur in bestimmten Ländern und Regionen angewandt wird. Überall dort, wo Frauen Widerstand leisten, kommt es auch zu dieser Art der Repression, wobei die Körper der Frauen gegen sie selbst verwendet werden und eine Situation der Unsicherheit und Machtlosigkeit gegenüber dem Staat gezielt auf patriarchale Art und Weise ausgenutzt wird. Dabei unterscheidet sich die Intensität qualitativ von Land zu Land. Die angewendeten Mittel und Formen der geschlechtsspezifischen Repression passen sich an die gesellschaftliche Stellung der Frau, die Zuspitzung der Klassenwidersprüche und die Herrschaftsform im jeweiligen Land an.
Wenn man nun einen Blick auf Deutschland wirft, dann kann man feststellen, dass die Situation eine sehr andere ist als beispielsweise in der Türkei. Aufgrund seiner Stellung im imperialistischen Weltsystem und des unterentwickelten Stands der Arbeiter:innenbewegung und damit auch des Klassenkampfes von unten kann der deutsche Staat bestimmte Freiheiten den Frauen und der gesamten Arbeiter:innenklasse zugestehen. Gleichzeitig muss der Staat heute eben aufgrund des niedrigen Niveaus der Klassenkämpfe von unten nicht systematisch auf das Mittel der Vergewaltigung zurückgreifen.
Dennoch sehen wir auch in Deutschland, dass geschlechtsspezifische Repression gezielt eingesetzt wird. Übliche Beispiele dafür sind Nacktdurchsuchungen, Verweigerung von Hygieneartikeln in der Menstruation, abwertende Kommentare über den Körper, bei trans Personen häufig das absichtliche Misgendern, das absichtliche Berühren der Brüste beim Zurückdrängen von Demonstrantinnen oder Griffe in den Schritt bei Durchsuchungen, wie es z.B. aus dem „Kölner Kessel“ im Jahr 2025 in einigen Fällen berichtet wurde.
Zudem erleben politisch aktive Frauen immer wieder öffentliche Schikane, welche sich im Spannungsfeld zwischen Verharmlosung und Diffamierung bewegt. Entweder werden das politische Bewusstsein und der politische Wille der Frauen offen in Frage gestellt und sie als Mitläuferinnen dargestellt. Oder sie erfahren eine Dämonisierung, wobei sie als eiskalte Strippenzieherin inszeniert werden.
Kurzum: Mit diesen Methoden soll ein Signal nach außen gesendet und Frauen am politischen Widerstand gehindert werden. Doch dem dürfen wir uns nicht beugen!
Sexualisierter Gewalt und Repression entschlossen entgegenstellen
Die Genossinnen aus der Türkei haben uns gezeigt, dass es möglich ist, Erfolge im Kampf gegen die sexualisierte Folter in Haft zu erringen. Heute muss es unsere Aufgabe sein, diesen Kampf weiterzutragen. Paula Maier und Anna Liedtke sind mit ihren Veröffentlichungen einen wichtigen Schritt in diesem Kampf gegangen. Als Bewegung muss es unsere Aufgabe sein, das aufzugreifen und in unsere Klasse zu tragen.
Es gilt, den türkischen Staat als das anzuprangern, was er ist. Ein faschistischer Staat, der das Patriarchat gezielt nutzt, um den Widerstand gegen ihn klein zu halten. Der deutsche Staat schließt davor bewusst die Augen, inszeniert sich selbst als Kämpfer gegen Gewalt an Frauen und liefert gleichzeitig Waffen, mit denen die Frauenrevolution in Rojava angegriffen wird.
Als Internationalist:innen und als Antiimperialist:innen haben wir die Verantwortung, genau das deutlich zu machen und zu zeigen, dass weder der deutsche Staat noch irgendein anderer imperialistischer Staat uns schützen. Ihr Interesse gilt der Aufrechterhaltung ihrer eigenen Macht. Gegen die sexualisierte Gewalt und Folter, die wir durch die Repressionsorgane der Herrschenden erfahren, können wir nur selbst etwas tun. Wir müssen dagegen aktiv werden, uns mit Betroffenen solidarisch zeigen und uns als Bewegung geschlossen dagegenstellen.

