Sexualisierte Gewalt als Waffe – und Deutschland schaut weg

Die Aktivistin Paula Maier machte vor kurzem öffentlich, wie sie in türkischer Haft vergewaltigt wurde. Wie der deutsche Staat diese sexualisierte Gewalt billigt und warum wir dagegen aktiv werden müssen, erklärt Nadia Schuhmann.

Während die Türkei in der Vorstellung vieler noch vorwiegend ein nettes Urlaubsland ist, sieht die Realität anders aus. Im Januar diesen Jahres machte sich eine Delegation von Aktivist:innen auf den Weg nach Nordkurdistan, um von vor Ort zu berichten und Solidarität für Rojava zu zeigen, welches zu dieser Zeit angegriffen wurde. Am Mittwoch machte Aktivistin Paula Maier, die Teil der Delegation gewesen war, öffentlich, dass sie in Abschiebehaft in der Türkei von einem Sicherheitsbeamten vergewaltigt wurde.

Nicht nur Paula, sondern auch die anderen 15 Aktivist:innen der Delegation erlebten verschiedene Formen der Gewalt in Haft. In ihrem Statement machte Paula deutlich, sie würden sich durch die Gewalt nicht brechen lassen. Genau darauf ziele sexualisierte Gewalt gegen politisch aktive Frauen ab.

Auch ist es nicht das erste Mal, dass Berichte über verschiedene Arten der Gewalt und Folter bis hin zu Vergewaltigung in türkischen Gefängnissen nach außen dringen.

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Wie der deutsche Staat sexualisierte Gewalt billigt

Deutschland unterstützt den türkischen Staat schon seit langer Zeit unter anderem durch Waffenlieferungen. In den Jahren 2018 und 2019 war die Türkei auf Platz eins der Abnehmerländer deutscher Kriegswaffen. Fast ein Drittel der in Deutschland hergestellten Rüstungsgüter gingen an die Türkei. Im Jahr 2024 erreichten die Exportgenehmigungen einen Wert von rund 230 Millionen Euro, gefolgt von der Freigabe des Eurofighter-Exports durch die Bundesregierung im Juli 2025.

Dass die Türkei diese Waffen unter anderem einsetzt, um das fortschrittliche und demokratische Projekt der kurdischen Selbstverwaltung in Rojava immer wieder anzugreifen und zahlreiche Kämpfer:innen und Aktivist:innen zu töten, ist dabei auch dem deutschen Staat bekannt. Dass Gewalt nicht benannt und geahndet wird, wenn Bündnisbeziehungen zu den ausübenden Staaten bestehen und der Profit über die Sicherheit der Menschen gestellt wird, ist keine neue Erkenntnis.

Dieses Verhältnis beschränkt sich nicht nur auf die Türkei, sondern ist bei mit der BRD verbündeten Staaten üblich: Im vergangenen Jahr machte die deutsche Journalistin Anna Liedtke öffentlich, dass sie in Haft in Israel von israelischen Sicherheitskräften vergewaltigt worden war. Liedtke war an Bord der Flotilla gewesen, die versucht hatte, Lebensmittel und weitere Hilfslieferungen nach Gaza zu bringen. Im Juni diesen Jahres wurde Eva Maria Michelmann, ebenfalls deutsche Journalistin, freigelassen, nachdem sie etwa ein halbes Jahr lang in Syrien inhaftiert war und dort Gewalt und Folter erleben musste. Der deutsche Staat hat sich zu beiden Fällen nicht geäußert.

Dass in der Türkei, in Israel, in Syrien und weiteren von Deutschland unterstützten Staaten Gewaltverbrechen in Gefängnissen passieren, das ist also schon seit langer Zeit bekannt. Bewusstes Wegschauen ist Mittäterschaft, ist eine Billigung der sexualisierten Gewalt.

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Der Schritt an die Öffentlichkeit

Zu allen diesen Fällen gab es aus der linken und revolutionären Bewegung Proteste. Nachdem Anna Liedtke ihre Erfahrungen veröffentlicht hatte, waren es andere Aktivist:innen, die die Gewalt anprangerten und den Zusammenhang zwischen gezielter sexualisierter Gewalt in Gefängnissen und Kapitalismus und Patriarchat insgesamt aufzeigten sowie auf die Mittäterschaft vom deutschen Staat aufmerksam machten. Ebenso gab es über mehreren Monate hinweg Proteste, in denen kontinuierlich Freiheit für Eva Maria Michelmann und ihren Kollegen Ahmet Polad gefordert wurde.

Sexualisierte Gewalt wird gezielt gegen politische Aktivistinnen und Revolutionärinnen eingesetzt, um diese zu demoralisieren, Scham auszulösen und ihren Willen zu brechen. Dass die Taten dann öffentlich gemacht werden, ist also keine Selbstverständlichkeit, sondern auch dem ist ein langer Kampf vorausgegangen, das Schweigen zu brechen. Dass Frauen, die jetzt diese Gewalt in Haft erleben, ihre Erfahrungen öffentlich machen, erfordert Mut. Und es erfordert eine Reaktion seitens der Menschen, die so davon erfahren.

Dass Paula Maier mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit gegangen ist, sollte für alle politisch fortschrittlichen Menschen ein Aufruf sein, diese Gewalt nicht unkommentiert zu lassen, sondern selbst aktiv zu werden. Zwar wird sexualisierte Gewalt als Form der Repression nie verschwinden, solange wir im Patriarchat leben. Trotzdem können wir dafür sorgen, dass die sexualisierte Gewalt ihr Ziel verfehlt, dass sie nicht dazu führt, dass Frauen sich zurückziehen und ihre politische Aktivität aufgeben, sondern im Gegenteil, dass sich noch mehr Menschen darüber politisieren und der Widerstand daran wächst.

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