Mitte Juli starben bei einem Stallbrand in Sachsen-Anhalt mehrere Tausend Schweine. Tierrechtsorganisationen fordern Konsequenzen und wollen die Verantwortlichen verklagen. Laut ihnen weist der Fall auf ein systematisches Problem hin.
In der Nacht zum 15. Juli dieses Jahres verendeten bei einem Feuer in einer Schweinemastanlage im Coswiger Ortsteil Düben in Sachsen-Anhalt schätzungsweise 20.000 Schweine. Das Feuer in den sechs betroffenen Ställen war in der Nacht zum Mittwoch ausgebrochen und tötete vor allem Ferkel und etwas ältere Läufer. Beim Einsatz waren bis zu 100 Feuerwehrleute vor Ort, von denen fünf leicht verletzt wurden. Nach eigenen Angaben konnte die Feuerwehr nur 1.300 Sauen aus dem Brand retten. Diese sollten auf andere Betriebe verteilt werden.
Seit dem Ende des Feuerwehreinsatzes lagen die Kadaver der Mastschweine in den Trümmern der ausgebrannten Anlage. Der damit verbundene Verwesungsgestank beunruhigte die umliegenden Anwohner:innen, die sich vor dem potenziellen Ausbruch einer Seuche fürchteten. Laut dem Landkreis Wittenberg besteht diese Gefahr allerdings nicht.
Die Tiere waren vor dem Brand gesund gewesen und bis zur Bergung werden ihrer Kadaver zur Geruchsentlastung regelmäßig mit Kalk abgedeckt. Seit letzter Woche laufen die Aufräumarbeiten und die Kadaver sollen hierbei zur Abfallverbrennung oder auf eine Deponie gebracht werden.
Die Brandursache, die etwa die Hälfte des Betriebs zerstörte ist weiterhin unklar. Die Brandermittler wollen laut Polizeiangaben die abgebrannten Ställe noch ein zweites Mal begutachten. Das naheliegende Wohnhaus des Betreibers der Mastanlage blieb zwar unversehrt, der entstandene Sachschaden wird dennoch auf neun Millionen Euro geschätzt.
BUND und PETA klagen
Die Mastanlage in Düben steht bereits seit Jahren in der Kritik. Die Bürgerinitiative „Saustall Düben“ sowie der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Sachsen-Anhalt äußern immer wieder Bedenken in Bezug auf Umwelt- und Gewässerschutz sowie vermeintlich nicht eingehaltenes Tierschutzrecht.
2018 schon reichte der Verein BUND einen Normenkontrollantrag gegen einen Bebauungsplan der Stadt Coswig ein. Laut diesem sollte die Anlage um 2.500 Sauenplätze mit den dazugehörigen Absatzferkeln, sowie weitere 3.500 Plätze zur Jungsauenaufzucht erweitert werden.
Im Jahr 2021 wurde der Bebauungsplan wegen erheblicher Fehler vom Oberverwaltungsgericht Magdeburg für unwirksam erklärt. Die Schweinehaltung Düben GmbH legte zwar Revision ein, diese wurde aber am 20. Juni 2023 durch das Bundesverwaltungsgericht vollständig zurückgewiesen.
Der BUND-Landesgeschäftsführer, Christian Kunz, kritisierte im Zusammenhang mit dem Brand die Haltung der Tiere: „Der Brand zeigt in dramatischer Weise, dass industrielle Massentierhaltung nicht nur im täglichen Betrieb erhebliche Tierschutzprobleme mit sich bringt, sondern im Havariefall unweigerlich zu einer Katastrophe mit unvorstellbarem Tierleid führt.“
Auch die Tierrechtsorganisation PETA äußerte sich ähnlich zum Vorfall: „Nach Auffassung von PETA wurde der Tod eines jeden Tieres, das bei einem Stallbrand aufgrund mangelnder Brandschutzmaßnahmen stirbt, billigend in Kauf genommen“, erklärte Lisa Kainz, Fachreferentin für Tiere in der Ernährungsindustrie.
Laut PETA tötet die tierhaltende Landwirtschaft jedes Jahr in Deutschland rund 750 Millionen Lebewesen. Sie gehört außerdem zu den ressourcenintensivsten und umweltschädlichsten Zweigen im Wirtschaftssystem. Um das öffentliche Interesse an einer gründlichen Ermittlung im Fall Düben zu betonen und auf mögliche Verstöße gegen tierschutzrechtliche Straftatbestände hinzuweisen, will PETA Strafanzeige gegen die Verantwortlichen erstatten.
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Kein Einzelfall
Der Stallbrand in Düben ist keine Ausnahme. Denn da laut verschiedenen Tierrechtsorganisationen die gesetzlichen Vorgaben zum Brandschutz mangelhaft sind, kommt es jährlich zum Tod mehrerer tausend Tiere. Allein in diesem Jahr wurden bundesweit 25 Stallbrände öffentlich bekannt, bei denen Tiere ums Leben kamen. PETA gibt an, dass im vergangenen Jahr im deutschsprachigen Raum 70.000 Tiere bei Stallbränden ums Leben kamen. Eine einheitliche bundesweite Brandstatistik dazu gibt es allerdings nicht.
Eine Stellungnahme des Deutschen Bundestages bestätigt ebenfalls, dass bei Stallbränden in Deutschland regelmäßig tausende Nutztiere getötet werden. Grund hierfür sind die nur selten verbindlich geltenden Brandschutzvorschriften für Tierhaltungsanlagen. Diese wiederum werden mit einer fehlenden bundesweite Datenerfassung begründet. In den meisten Fällen fehlt es wohl aber an Evakuierungs- und Fluchtwege, Brandmeldern und Sprinklern.
Hinzu kommen die in den Ställen verbauten Materialien. Stalldächer werden vorwiegend von Nagelplattenbindern zusammengehalten, deren Statik bei einem Brand schnell versagt. Weiteres leicht brennbares Material und verbaute Kunststoffe sorgen zusätzlich für die Entstehung von giftigem Rauch und sich schnell ausbreitendes Feuer. Tiere, die in einer solchen Situation gefangen sind drängen sich oft in ihrer Panik zusammen und wehren sich sogar gegen ihre Rettung. Die Albert-Schweitzer-Stiftung hält eine spezialisierte Ausbildung von Feuerwehrleuten zur Rettung unterschiedlicher Tiere für sinnvoll.
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Neue Regelungen sollen kommen
Sachsen-Anhalts Landwirtschaftsministerium hält nach dem Brand in Düben Verbesserungen beim Brandschutz in Tierhaltungsanlagen für notwendig, äußert aber keine konkreten Pläne: „Aus tierschutzfachlicher Sicht besteht beim Brandschutz in Tierhaltungsanlagen weiterer Handlungsbedarf“, heißt es in einem Statement.
Die bestehenden Regelungen sollen mit Maßnahmen zum besseren Schutz der Tiere im Brandfall verbessert werden. Auch auf Bundesebene wurde angekündigt, die Brandschutz Regelungen für Tierhaltungsanlagen weiterzuentwickeln. Sachsen-Anhalt hatte sich bereits in der Vergangenheit auf Bundesebene für entsprechende Anpassungen eingesetzt. Außerdem werden schon seit längerem Informations- und Sensibilisierungsangebote für Tierhalter:innen und Feuerwehren zum Brandschutz in Tierhaltungsanlagen durchgeführt, so das Landwirtschaftsministerium Sachsen-Anhalts.
Der Verein BUND hingegen fordert auf seiner Website deutlich mehr. Neben einer transparenten Aufklärung des Brandgeschehens fordern sie außerdem der Schweinemastanlage Düben die Betriebsgenehmigung zu entziehen. Auch argumentiert der Verein dafür, die Tierhaltung in Deutschland konsequent zu einer tierwohlorientierten Landwirtschaft umzubauen.
So sagt Christian Kunz: „Seit Jahren weisen wir darauf hin, dass diese Form der industriellen Tierhaltung erhebliche Risiken für Tiere, Umwelt und Anwohner mit sich bringt. Der Brand von Düben muss ein Weckruf sein, die Tierhaltung in Deutschland grundlegend neu auszurichten!“ Pläne der deutschen Bundesregierung oder einzelnen Landesregierungen, Massentierhaltung abzuschaffen oder stark einzuschränken gibt es aktuell nicht.

