Eine neue EU-Verordnung wendet sich gegen die Vernichtung neuwertiger Textilwaren und Schuhe. Doch das eigentliche Problem ist und bleibt die kapitalistische Produktionsweise. – Ein Kommentar von Mohannad Lamees.
Ab dem 19. Juli 2026 dürfen große Unternehmen in der EU unverkaufte Kleidung, Accessoires und Schuhe nicht mehr vernichten. Das Verbot ist Teil der EU-Ökodesign-Verordnung und soll die massenhafte Zerstörung neuwertiger Waren eindämmen, die bislang häufig zur Stabilisierung von Preisen oder zur Entsorgung von Überproduktion diente. Mittelständische Unternehmen müssen die Vorschriften erst ab 2030 einhalten, kleine Betriebe sind ausgenommen.
Konkret zielt die Verordnung darauf ab, die Entsorgung neuer, funktionsfähiger Textilien und Schuhe nach einem ausbleibenden Verkauf zu verhindern. Nach Angaben der EU sollen dadurch vermeidbare Abfälle reduziert, die mit Herstellung, Transport und Entsorgung verbundenen Umweltbelastungen verringert sowie die Wiederverwendung gefördert werden. Bislang wurden überschüssige Waren häufig vernichtet, um Lagerkosten zu sparen oder Überproduktionen abzubauen.
Dass neuwertige Kleidung und Schuhe vernichtet werden, ist Teil des Geschäfts mit der Mode. 2018 wurde beispielsweise bekannt, dass der britische Luxuskonzern Burberry Waren im Wert von 28,6 Millionen Pfund zerstören ließ. Begründet wurde dies mit dem Schutz der Marke und dem Kampf gegen Produktfälschungen – unverkaufte Ware sollte nicht zu niedrigeren Preisen auf den Markt gelangen.
Auch in Deutschland geriet die Praxis in die Schlagzeilen: Recherchen von Greenpeace deckten 2021 auf, dass Amazon in deutschen Logistikzentren neuwertige Produkte, darunter Kleidung und Schuhe, in eigens eingerichteten „Destroy-Stationen“ entsorgen ließ. Die Fälle machten deutlich, dass die Vernichtung gebrauchsfähiger Waren kein Einzelfall ist, sondern Teil des kapitalistischen Wirtschaftssystems, in dem Überproduktion und Profitinteressen regelmäßig Vorrang vor dem Gebrauchswert der Produkte sowie den Rechten der ausgebeuteten Textilarbeiter:innen haben.
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Effektivität des Verbots fraglich
Ob das Vernichtungsverbot die Textilindustrie grundlegend verändert, ist jedoch fraglich. Zwar müssen große Unternehmen überschüssige Kleidung künftig wiederverwenden, spenden oder recyceln, doch Umweltverbände weisen auf erhebliche Lücken hin. Zahlreiche Ausnahmen ermöglichen weiterhin die Vernichtung bestimmter Produkte, zudem fehlt bislang ein einheitliches System zur Kontrolle und Sanktionierung von Verstößen.
Hinzu kommt, dass das eigentliche Problem unangetastet bleibt: Solange Fast-Fashion-Konzerne ihre Profite über immer größere Produktionsmengen und ständig neue Kollektionen steigern, entstehen weiterhin Warenberge, für die es keinen Bedarf gibt. Das Verbot greift erst am Ende der Lieferkette – die Überproduktion selbst stellt es nicht infrage.
Das Geschäftsmodell der Fast Fashion
Fast Fashion ist kein Auswuchs einzelner Unternehmen, sondern Ausdruck der kapitalistischen Produktionsweise. Konzerne wie Shein, Zara oder H&M bringen ständig neue Kollektionen auf den Markt und erzeugen durch niedrige Preise und künstlich beschleunigte Trends immer neuen Konsum. Produziert wird nicht nach gesellschaftlichem Bedarf, sondern nach der Erwartung zukünftiger Gewinne. Ob ein Kleidungsstück tatsächlich verkauft oder getragen wird, entscheidet sich erst im Nachhinein. Ein Teil der Ware bleibt deshalb zwangsläufig liegen, während gleichzeitig enorme Mengen an Rohstoffen, Energie und natürlich Arbeitskraft verbraucht werden.
Die Textil- und Schuhindustrie verursacht heute rund zehn Prozent der weltweiten CO2-Emissionen – mehr als die internationale Luft- und Schifffahrt zusammen. In den Produktionsländern der globalen Textilindustrie gehören außerdem extrem lange Arbeitszeiten, Löhne unter dem Existenzminimum, unsichere Arbeitsplätze, Behinderung von Gewerkschaften sowie Verstöße gegen Arbeits- und Gesundheitsschutz zum Alltag. Da Konzerne ihre Produktion jederzeit in andere Niedriglohnländer verlagern können, stehen die Produktionsstandorte in Konkurrenz zueinander und Regierungen geraten unter Druck, niedrige Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen aufrechtzuerhalten.
Ein weltweit bekannt gewordenes Beispiel war der Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza in Bangladesch im Jahr 2013. Obwohl am Vortag Risse im Gebäude entdeckt worden waren, wurden tausende Beschäftigte zur Arbeit gezwungen. Das Gebäude stürzte ein, 1.134 Menschen starben, mehr als 2.500 wurden verletzt. Produziert wurde unter anderem für westliche Marken wie Benetton, Primark, Mango und C&A.
Keine Besonderheit in der kapitalistischen Produktion
Diese Dynamik ist keine Fehlentwicklung einzelner Unternehmen, sondern folgt der kapitalistischen Konkurrenzlogik des Marktes. Karl Marx bezeichnete diese Form der Produktion als „Anarchie der Produktion“: Millionen Unternehmen produzieren unabhängig voneinander für einen Markt, dessen tatsächliche Aufnahmefähigkeit sie nicht kennen. Das Ergebnis ist regelmäßig Überproduktion, Preiskämpfe, Vernichtung von Waren und Wirtschaftskrisen. Dass neuwertige Kleidung entsorgt wird, während andernorts Menschen keinen Zugang zu ausreichender Kleidung haben, ist Ausdruck dieses Widerspruchs.
Das selbe Prinzip zeigt sich auch außerhalb der Modeindustrie – etwa in der Landwirtschaft, wenn Lebensmittel vernichtet werden, oder im Wohnungsmarkt, wenn Wohnungen leer stehen, obwohl bezahlbarer Wohnraum fehlt. Solange Produktion auf Konkurrenz und Profit ausgerichtet ist statt auf gesellschaftliche Planung nach Bedarf, entstehen diese Widersprüche immer wieder – mit gravierenden gesellschaftlichen und ökologischen Folgen.

