Monate nach der Entführung Maduros sichern sich die USA per Öl-Deal die Kontrolle über einen Großteil der venezolanischen Ölreserven. Washington bestimmt faktisch auch über Regierungsgeschäfte und Staatseinnahmen. Der Deal sichert nicht nur Öl, sondern ist Teil der US-Strategie, die westliche Hemisphäre zu dominieren und so Chinas Einfluss in Lateinamerika zurückzudrängen. – Ein Kommentar von Thomas Mercy.
Am 3. Januar wurde der venezolanische Präsident Nicolás Maduro gemeinsam mit seiner Frau Cilia Flores von den USA entführt. Beide sitzen inzwischen in einem New Yorker Hochsicherheitsgefängnis und erwarten ihren Prozess wegen Vorwürfen im Zusammenhang mit Drogenhandel.
Seit der Entführung hat sich in Venezuela viel verändert. Die frühere Vizepräsidentin Delcy Rodríguez führt das Land übergangsweise als Präsidentin – die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen werden jedoch aus Washington vorgegeben. Laut der New York Times übt US-Außenminister Marco Rubio faktisch die Alleinherrschaft über Venezuela aus: Er kontrolliert die Finanzen des Landes, die Verteilung seiner Rohstoffe und praktisch auch die Regierungsgeschäfte.
„Größter Öl-Deal der Weltgeschichte“
Wie tief der Einfluss der USA auf Venezuela inzwischen reicht, zeigt sich am neuesten Öl-Deal: Er verschafft Washington die Kontrolle über mehr als 65 Milliarden Fass nachgewiesener Ölreserven. Venezuela würde Rubio zufolge im Gegenzug fast 100 Milliarden Dollar an privaten Investitionen erhalten.
Die USA sollen 55 Prozent des effektiven Ertrags eines neuen privaten Unternehmens erhalten – inklusive Eigentumsanteil und dem Recht, Öl zum Selbstkostenpreis zu kaufen. Dieses Unternehmen wäre nach Saudi Aramco der zweitgrößte Konzern-Inhaber nachgewiesener Ölreserven weltweit. Reuters zufolge könnte das Abkommen mehrere zehn Milliarden Barrel Reserven umfassen, wobei zentrale Details zu Eigentum, Rechtsstruktur und Umsetzung noch unklar sind. Andere Berichte sprechen von bis zu 65 Milliarden Barrel. Erlaubt ist jetzt auch der Betrieb von Ölfeldern durch Joint Ventures und Produktionsteilungsverträge – etwas, das die venezolanische Regierung jahrzehntelang ausländischen Produzenten verwehrt hatte.
Mit diesem Abkommen sichern sich die USA rund ein Fünftel der Vorkommen, die sich Schätzungen zufolge in Venezuela befinden, welches das Land mit dem größten bekannten Ölvorkommen ist. Für die USA stellt dies eine Verdoppelung der Menge des Öls dar, welches ihnen potenziell zur Verfügung steht.
Auf seiner eigenen Social-Media-Plattform, Truth Social, schreibt Donald Trump, dass dieser Deal der „größte Öl-Deal der Weltgeschichte“ sei. Zudem betont er, dass dieser Deal die amerikanischen Steuerzahler:innen nichts kosten würde.
Steigende Ölpreise und ausbleibende Importe aus dem Persischen Golf infolge des Iran-Kriegs lassen US-Ölkonzerne wie ExxonMobil nun auf ein lukratives Geschäft hoffen. Zudem ist davon auszugehen, dass die zugesagten Investitionen in die venezolanische Wirtschaft größtenteils in die effizientere Förderung des Schweröls fließen werden – das sich nur mit spezieller Technik gewinnen und raffinieren lässt. Ob der von Rodríguez versprochene „Wiederaufschwung unserer Nation“ tatsächlich eintritt, bleibt daher abzuwarten.
Dass es ihm bei Venezuela vor allem um die Ölvorkommen geht, hat Donald Trump nie verhehlt. Zwar kontrollieren die USA diese schon seit Monaten de facto – der neue Deal formalisiert dieses Verhältnis nun aber offiziell.
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Innenpolitische Einflussname
Auch über die Einnahmen aus den Ölvorkommen, über welche die USA offiziell keine Kontrolle haben, entscheidet Washington faktisch mit: Zusammen mit allen übrigen öffentlichen Einnahmen fließt das Geld zunächst in die US-Staatskasse und wird von dort über das venezolanische Bankensystem wieder ins Land zurückverteilt. Außenminister Rubio bestimmt dabei, wer wie viel Geld erhält und wofür es ausgegeben werden darf. Diese Kontrolle ist zugleich ein wirkungsvolles Druckmittel gegenüber Venezuela.
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Daneben greifen die USA auch direkt in die venezolanische Innenpolitik ein: Übergangspräsidentin Rodríguez entließ auf Druck Washingtons mindestens zwölf hochrangige Minister:innen und Beamt:innen – darunter Verteidigungsminister Padrino López – und ersetzte sie durch loyale Gefolgsleute. Viele der Entlassenen galten als enge Vertraute Maduros.
Nach den beiden schweren Erdbeben in Venezuela im Juni entsandten die USA im Rahmen der Erdbebenhilfe hunderte Soldat:innen ins Land – die dabei auch die Kontrolle über zentrale Infrastruktur wie den Flughafen Simón Bolívar übernahmen.
Teil eines größeren Plans: US-Hegemonie über Lateinamerika
Der Deal und der gewaltsam herbeigeführte Kurswechsel in Venezuela fügen sich in eine geostrategische Ausrichtung ein, welche die USA bereits im Dezember 2025 – noch vor der Festnahme Maduros – in ihrer neuen Nationalen Sicherheitsstrategie festgeschrieben hatten: Die Trump-Regierung kündigte darin an, von einer weltweiten amerikanischen Dominanz abzurücken und sich – in der Tradition der Monroe- und Roosevelt-Doktrin – wieder auf die westliche Hemisphäre als Kern-Interessensgebiet zu konzentrieren.
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Ziel ist es, die Kontrolle über strategisch wichtige Standorte des Kontinents zu sichern und zu verhindern, dass fremde Mächte dort Einfluss gewinnen oder kritische Infrastruktur übernehmen.
Was zu diesem Zeitpunkt noch Ankündigung war, wurde in den folgenden Monaten in Venezuela in die Praxis umgesetzt: Für Lateinamerika bedeutet die Strategie vor allem die Zurückdrängung Chinas, das seinen Einfluss in der Region in den vergangenen Jahren stark ausgebaut hatte. Während Venezuela zuvor große Mengen Öl nach China lieferte, wurde der Handel mit China, Russland, Kuba und dem Iran nach der Machtübernahme der USA verboten.
Bereits im März – parallel zum begonnenen Umbau in Venezuela – wurde zu diesem Zweck zudem eine Koalition aus 14 explizit konservativen lateinamerikanischen Regierungen ins Leben gerufen, die eine direkte Konfrontation mit dem wachsenden chinesischen Einfluss in der Region vorsieht.

