Von Fluchtmotiven und Ohnmacht zu Widerstand und Kampf: Apsilons „Glanz Null“-Album

Über 43 Minuten lässt der Berliner Rapper Apsilon in seinem neuen Album „Glanz Null“ seine Wut über gesellschaftliche Missstände und der aktuellen Politik freien Lauf. Apsilon redet davon, wie wir Menschen unseren Glanz inmitten von Kriegen, Süchten und Selbstzweifeln verlieren. Doch auch er sieht eine andere Perspektive. – Ein Kommentar von Dalia Ali.

Am 23. Juli 2026 veröffentlichte der 29-jährige Berliner Rapper Apsilon sein lang erwartetes Album „Glanz Null“. Über insgesamt 14 Lieder und einer Spiellänge von 43 Minuten tut Arda Yolci – so Apsilons bürgerlicher Name – das, was er am besten kann. Auf basslastigen Instrumentals seinen Gedanken freien Lauf lassen.

Unterstützt wird er dabei wieder einmal von seinem Bruder und Produzenten Arman, welcher ebenfalls an seinem Debütalbum „Haut wie Pelz“ arbeitete, sowie dem legendären Produzenten Bazzazian. Bazzazian erlangte als Produzent von Haftbefehl deutschlandweite Bekanntheit.

„Glanz Null“ fühlt sich wie die Weiterentwicklung des gewohnten Apsilon-Sounds an. Neben knappen Reimketten, poppigen Hooks und Trap-Sounds kollaboriert auch Arda mit verschiedensten Künstler:innen wie Berq, Levin Liam oder Ikkimel und erweitert damit den Farbklang seines Projektes.

Alte Fans können sich auf die vertraute Apsilon-Energy freuen und neugewonnene Hörer:innen können neue Facetten entdecken. Doch der Gegenstandpunkt bleibt hier gleich: Apsilon thematisiert weiterhin seine Lebensrealität als Migrant dritter Generation in Deutschland und erzählt von den alltäglichen Kämpfen in einer kapitalistischen Gesellschaft.

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Flucht und Angst

Genau das beschreibt auch den Inhalt des ersten Songs, „Weg hier raus“. Das Lied erschien als erste Single des Albums bereits im Januar und setze damit den Grundton für das Projekt. Apsilon bespielt hier wieder gewohnte Motive der Flucht und Ohnmacht. So sucht er nach „ein’n Weg hier raus“, da seine Gedanken voller Angst sind und ihn genau diese Angst auch ständig wieder einholt.

Er redet von „Pyramiden aus Angst“ in seinem Kopf und erklärt: „Ich laufe und lande immer im Loch“. Was genau dieses „Loch“ ist, lässt er offen. Für viele könnte es der Griff zu Drogen sein, wenn das Gefühl der Ohnmacht gewinnt. Später im Lied greift er das auch auf mit den Zeilen „Die Leute fressen sich langsam auf / Meine Brüder sind drauf / Müde und taub“.

Auf sich allein gestellt

Texte über Orientierungslosigkeit und Selbstverlust ziehen sich durch das Album hinweg wie ein roter Faden. In den Titelsongs „Glanz“ und „Null“ greift Apsilon auf, wie Menschen im Laufe der Zeit und beim Heranwachsen sich verändern. Dabei redet er auch viel über seine eigene Kindheit und wie er aufgewachsen ist.

Mit einem „Breite[n] Lächeln wie Ronaldinho“ (im Song „Glanz“) ist Arda groß geworden. Er blickt zurück auf falsche Versprechen einer „heilen Welt“ (im Song „Null“). Im zweiten Part des Liedes „Glanz“ schwelgt er in Erinnerung darüber, wie er seine Sommerferien in der Heimat verbrachte. Doch der Drang nach Statussymbolen und Anerkennung in einer kapitalistischen Gesellschaft hat auch ihn schließlich eingeholt.

Alles oder Nix – Xatars zerrissener Kampf um Anerkennung

Im letzten Teil schließt Apsilon damit ab, wie die rassistische Gesellschaft ihn und seine migrantischen Geschwister nie akzeptierten. Mit den Worten „Zwar nicht der Nabel der Welt / Doch wir hab’n uns ja selbst“, drückt er ein sehr bekanntes Gefühl unter Migrant:innen aus. Das Gefühl, niemals im Mittelpunkt der Gesellschaft stehen zu können und stets im Abseits zu sein. Aus der Verbundenheit zu diesem Gefühl wiederum finden sie sich dann untereinander wieder und werden so zu dem Nabel ihrer eigenen Welt.

Feindbewusstsein auf Trap-Beats

Apsilon schafft es immer wieder, die realen und weitverbreitete Gefühle, Sorgen und Ängste der Arbeiter:innenklasse aufzugreifen und in seinen Liedern zu thematisieren. Seien es die hohen Mieten, weltweite Kriege oder steigenden Depressionsraten (im Song „Null“) oder der Genozid in Gaza – all diese Auswüchse des Kapitalismus finden Platz im Album.

Doch Apsilon bleibt da nicht beim Anklagen stehen. Denn statt auf Individualismus und „Feel-Good“ Atmosphäre zu setzen, richtet Apsilon seine Worte klar gegen die kapitalistische Klassenordnung und speziell auch gegen Politiker:innen, die diese Ordnung aufrechterhalten.

Als prominentes Beispiel dient hierfür das siebte Lied im Album, „Keiner von euch“, welches auch als Single erschien. Das Lied hört sich wie eine persönliche Abrechnung Apsilons an. Zum einen positioniert er sich dort gegen bekannten Talkshow-Formaten in öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern mit den Worten „Fick Markus Lanz und Anne Will auch“.

Er richtet sich gezielt gegen Diskussionen und Debatten in der deutschen Medienlandschaft. Im Song wird auch die Stuttgarter Zeitung explizit negativ erwähnt. Die Zeitung hatte einen abwertenden Artikel über Apsilons Palästina-Solidarität geschrieben. Daraus lässt sich ableiten, dass von Apsilon der mediale Diskurs über den Genozid in Palästina und wie er in diesen Talkshows geführt wird, in diesen Zeilen gemeint ist.

Besonders mehrere Zeilen im zweiten Part des Liedes sind auf Sozialen Medien viral gegangen: „Wallah, reicht mit Yappa, Yappa, bitte sag ma‘, Vizekanzler / Warum folgst du mir auf Insta? Halt ma‘ lieber bisschen Abstand“. Damit richtet er sich gegen den Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD). Eine Zeile später verdeutlich er, dass er nichts mit denen zu tun haben will, die „das Land an die Wand fahr’n“. Gemeint sind also nicht einzelne Politiker:innen wie Klingbeil oder der ebenfalls namentlich genannte Özdemir, sondern die Bundesregierung als Ganze.

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Klassenbewusstsein statt Ohnmacht

Apsilon nimmt auf „Glanz Null“ auch kein Blatt vor dem Mund um die Missstände zu thematisieren, klar zu benennen und aufzuzeigen, dass sie keine losgelösten Phänomene sind. So handelt die Ballade „Mann im Schloss“ von den Interessen des deutschen Staates, welcher vor allem jungen Menschen vorschreiben will, wie sie ihr Leben zu leben haben. Am besten so effizient und voller Hingabe für die Staatsräson wie nur möglich.

Apsilon greift hier auch die wiedereingeführte Wehrpflicht, Aufrüstung und Kriege auf. In den letzten Zeilen spricht Apsilon der herrschenden, kapitalistischen Ordnung eine Warnung vor ihrem eigenen Zerfall aus: „Dir gehört die Welt, doch du kannst dich nicht verstecken, nein, hörst du nicht die Well’n?“. Die Wellen symbolisieren hier den Widerstand, den die Arbeiter:innen leisten und den Klassenkampf, der an den „Mauern“ des Kapitalismus nagt.

Auf dem Lied „Souvenir“ liefert Ikkimel eine melodische Bridge mit einem klangvollen Versprechen nach einer besseren Zukunft: „Glaub mir, eines Tages schaffen wir es raus hier /
Sind gesund und wir könn‘ alles teil’n / Kühlschrank voll und ’ne offene Haustür / Keiner von uns stirbt allein“.

Um genau diese Perspektive wahr werden zu lassen, dürfen die Klassenkämpfe und die Notwendigkeit ihrer nicht in den Hintergrund rücken. Apsilon schafft genau das: Über 43 Minuten seinen Frust herauszulassen, die Verantwortlichen für die Missstände zu nennen und die Kämpfe gegen das System, welches Leid und Elend produziert, zu unterstützen.

Dalia Ali
Dalia Ali
Berichtet seit 2025 aus Halle (Saale) für Perspektive. Junge Sozialistin, die sich einen Schwerpunkt auf die Linie der Frauenrevolution setzt. Besonders gerne schreibt sie über internationale Themen sowie Migrationspolitik. Im Hintergrund laufen 2016er Deutschrap Songs. Auf Papier kommen aber fortschrittliche Artikel ganz nach dem Motto: "Zu sagen was ist, bleibt die revolutionärste Tat!"

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