Die Mähdrescher rollen über Weizenfelder, doch die Bilanz fällt mager aus: Hitze und Dürre kosten Europas Landwirtschaft bis zu 10 Millionen Tonnen Getreide. Der Ukraine-Krieg treibt derweil die Preise, welche die Verluste der Landwirt:innen ein wenig abfedern. Arbeiter:innen könnten draufzahlen.
Ein warmer Frühling, dann lange Trockenheit und ein sehr früher, sehr heißer Sommer: über gesundheitliche und Umwelt-Folgen hinaus leidet auch die europäische Landwirtschaft unter dem Wetter im Jahr 2026. Während in Spanien und Frankreich Waldbrände so stark toben, dass sie eigene Feuerstürme heraufbeschwören, fahren Landwirt:innen auf dem Kontinent die Ernte für verschiedene Getreidesorten ein.
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Dabei büßen hitze- und dürrebedingt viele Sorten an Ertrag und Qualität ein. Besonders den Winterweizen, den die Hitzewellen in entscheidenden Entwicklungsphasen trafen, betrifft das – aber auch Gerste und Mais.
Die britische Klima-NGO ECIU prognostiziert insgesamt Verluste von neun bis zehn Millionen Tonnen an Getreide und damit verbunden ausbleibende Erlöse von rund 2 Milliarden Euro für Europa. Besonders schwer trifft es Frankreich: hier werden 3,4 Millionen Tonnen Mais weniger vorhergesagt als noch im Juni. Berichtet wird von Befürchtungen der schlechtesten Maisernte seit 50 Jahren.
Zu früh, zu heiß: Wie die Hitzewelle Winter- und Sommergetreide unterschiedlich trifft
Für die verschiedenen Getreidesorten sind unterschiedliche Entwicklungsphasen entscheidend: So hat das Wintergetreide eine relativ lange Vegetationszeit im Vergleich zum Sommergetreide. Dafür entgehen sie dem Hochsommer durch ihre frühe Reife.
Die Hitzewelle ab Ende Mai war in diesem Jahr allerdings so früh, dass beispielsweise der Winterweizen bei der Kornfüllung durch Hitze und Trockenheit so unter Stress gesetzt wurde, dass die Notreife eingesetzt hat. Die Kornfüllung ist die Phase, in der die Körner bereits gebildet wurden und die Pflanze diese füllt. Sie entscheidet über das Tausendkorngewicht und die Protein- und Stärkeverhältnisse in der Pflanze. Da jedoch die Körner bereits gebildet sind, ist das gewissermaßen die letzte Stellschraube, die über die Ernte entscheidet.
Dieses Jahr hat zwar auch die Trockenheit im Frühjahr die Zahl der Ähren bereits reduziert, doch selbst im Juni gingen Bauernverbände und EU-Kommission noch von relativ durchschnittlichen Erträgen aus.
Anders bei Sommergetreide wie Sommergerste, Mais und Sonnenblumen: Durch die kürzere Vegetationszeit und den späteren Zeitpunkt werden diese stärker getroffen. Hier liegen die Prognosen nun bis zu sieben Prozent unter den vorherigen. Besonders betroffen davon: Frankreich und Ungarn – nicht nur wegen besonders schlimmer Hitze und Dürre, sondern auch, weil dort besonders viel Mais wächst.
Besonders Mais reagiert empfindlich auf klimatische Bedingungen: Stehen die Pflanzen unter großem Stress, wird die Rispe mit den Pollen früher reif, die Narbenfäden, an denen die Kolben wachsen, verzögern ihre Reifung jedoch — dadurch verpassen sich Pollen und Blüte, der Kolben bleibt unbefruchtet, und was nicht befruchtet ist, kann auch bei entspannteren Bedingungen nicht mehr nachwachsen.
Wie hoch die Verluste beim Mais tatsächlich werden, steht noch aus. Bis jetzt spricht der Verband Coceral von 52,7 Millionen Tonnen – 4,5 Millionen Tonnen weniger als noch im Juni.
Steigende Getreidepreise als Rettungsseil für Landwirt:innen
Eine Nachricht, die Landwirt:innen im Ackerbau in den vergangenen Wochen hingegen eher beruhigt haben dürfte, sind die durch die Spannungen im Schwarzen Meer gestiegenen Preise an den Märkten, an denen Getreide gehandelt wird – etwa an der Euronext. Durch Angriffe zwischen Russland und der Ukraine sind die Exporte beider Länder gesunken, was die Preise von Mahlweizen um zeitweise sieben Prozent anspringen ließ.
Auch wenn sich die globale Versorgungslage laut den jüngsten Zahlen aus dem US-Landwirtschaftsministerium zuletzt eher leicht verengt als entspannt hat, bewegen sich die weltweiten Getreidereserven noch nicht auf einem historisch kritischen Niveau – was die schlechte Ernte in Europa zumindest teilweise abfedern dürfte Besonders problematisch und teuer ist hier die Logistik, deren Kosten seit Beginn des Iran-Kriegs durch die gestiegenen Ölpreise in die Höhe getrieben werden.
Unter den höheren Preisen und dem geringeren Angebot dürften vor allem andere landwirtschaftliche Betriebe wie Veredelungs- und Tierhaltungsbetriebe wie Schweine-, Geflügel- und Milchviehbetrieb leiden, die dann teurer einkaufen müssen. Am Ende könnten diese Preissteigerungen natürlich bei den Verbraucher:innen im Supermarkt landen.
Wie stark die aktuellen Krisen die Menschen treffen, zeigt sich besonders beim Blick in den Einkaufswagen: Lebensmittel verteuern sich in Deutschland deutlich schneller als der Rest der Wirtschaft. Wie eine Kleine Anfrage der Linken im Bundestag zeigte, lag die Preissteigerung im Lebensmittelbereich zwischen Anfang 2020 und Mitte 2025 bei 36,3 Prozent, während die allgemeine Inflation im selben Zeitraum bei rund 22 Prozent lag.
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Eine Antwort von oben auf die Krise?
Angesichts der kritischen Situation ist die Europäische Union (EU) schon auf dem Weg, um Abhilfe zu schaffen. Mitte Juni einigten sich die Mitgliedsstaaten darauf, über 56 Millionen Euro aus der Agrarreserve für fünf Staaten zu mobilisieren. Dabei ging es allerdings nur um Schäden aus dem Jahr 2025. Die jährliche Reserve der EU liegt insgesamt nur bei 450 Millionen Euro, circa ein Viertel der bisher vorhergesagten Verluste.
Um stärker gegenzusteuern, wurde ein Düngemittelpaket geschnürt. Hier sollen bis zu 240 Millionen Euro aus der Reserve sowie weitere 300 Millionen Euro zur Verfügung gestellt werden, plus weitere Finanzierung der einzelnen Länder.
Auch ein neues Versicherungsinstrument seitens der EU soll Landwirt:innen in Zukunft besser schützen. Weitere Details sind jedoch noch nicht bekannt.
Der deutsche Bauernverband fordert angesichts der Einbußen noch weitere Hilfen seitens des Staates und möchte neue Dieselsubventionen.

