Amazon macht mit KI-Überwachung Jagd auf mögliche Arbeitskämpfe

Amazon setzt Künstliche Intelligenz zunehmend dazu ein, die eigenen Beschäftigten zu überwachen. Im Fokus steht ein KI-System, das mögliche Unruhe und Gewerkschaftsaktivitäten an Amazon-Standorten erkennen und vorhersagen soll.

Eine Recherche des Nachrichtenportals Truthout zeigt, wie Amazon Künstliche Intelligenz systematisch zur Überwachung seiner Angestellten einsetzt. Neue Unterlagen aus einem Arbeitsrechtsverfahren in Kanada haben offen gelegt, wie umfassend Amazon die Stimmung und das Verhalten der beschäftigten Arbeiter:innen analysiert. Im Zentrum steht das interne KI-System „Atlas“, das hunderte Einzeldaten auswertet, darunter Arbeitsunfälle, Fluktuation, Beschwerden, Management-Bewertungen, wirtschaftliche Bedingungen und Beiträge auf internen Plattformen. Auch öffentliche Diskussionen, etwa auf Reddit, fließen in die Analyse ein.

Besonders brisant ist die Vorhersage-Funktion: Atlas vergibt für einzelne Amazon-Standorte sogenannte „Labor Scores“ und ordnet sie nach dem erwarteten Risiko von Arbeitskämpfen oder Gewerkschaftsaktivitäten. Im Jahr 2024 befanden sich demnach 16 Standorte in der höchsten Risikokategorie. Das System analysiert zudem, welche Themen die Stimmung verschlechtern und wo sich negative Trends verstärken. Bei besonders gefährdeten Standorten können sogenannte „Rapid Response“-Teams eingesetzt werden, die gegen Gewerkschaftsorganisierung vorgehen.

Die Informationen wurden im Zusammenhang mit einem Arbeitskonflikt beim Amazon-Standort YVR2 bei Vancouver bekannt. Dort hatte die kanadische Gewerkschaft Unifor ihre Anerkennung als Arbeitervertretung durchgesetzt. Nach weiteren Rechtsstreitigkeiten ordnete die zuständige Arbeitsbehörde im August sogar eine Schlichtung beim ersten Tarifvertrags an. Im Zuge des Verfahrens musste Amazon interne Dokumente offenlegen, darunter die Beschreibung von Atlas und mehr als 100 Seiten zu Schulungen von Führungskräften im Umgang mit Gewerkschaftsaktivitäten.

Künstliche Intelligenz: Technologie des Kapitals?

KI-Überwachung nichts Neues

Bereits im Jahr 2021 hatte Amazon in den USA die Überwachung der Lieferant:innen mittels Kameraüberwachung und KI-gestützter Auswertung verwirklicht. Nur ein Jahr später entschied dann eine KI, wer seinen Job behält und wer gefeuert wird. Denn KI bringt Amazon einen Wettbewerbsvorteil, der dem Konzern unter anderem den Platz an der Spitze der Versandhäuser in Europa und Nordamerika brachte.

Da stören auch kleine, ungeplante Extrakosten im niedrigen Millionenbereich kaum, wie eine Recherche der Financial Times diesen Sommer aufdeckte. Denn jede Sekunde, die schneller gearbeitet wird, bringt mehr Geld. Doch diese Praxis sorgt immer wieder für Unmut unter den Arbeiter:innen und ihren Vertretungen. So kritisierte bereits im Jahr 2024 der damalige ver.di-Sprecher Veli Eroglu diese Praxis mit den Worten: „Die Beschäftigten sollen wie Roboter funktionieren.“

Doch KI dient nicht nur zur Überwachung. Immer wieder sorgen KI-Systeme – von Chatbots im Kundenservice bis zu Robotern in Lagerhallen – für Massenentlassungen. So kündigte der Finanzdienstleister Block zu Beginn dieses Jahres rund der Hälfte seiner Beschäftigten und ersetzte diese durch KI-Systeme.

Schwarz Gruppe plant KI-Rechenzentrum bei Rostock – deutsche Wirtschaft im Aufholmodus

Schlechte Arbeitsbedingungen bei Amazon

Amazon steht immer wieder in der Kritik, die Arbeitsschutzgesetze systematisch zu unterwandern. So wird mittels Subunternehmen der Mindestlohn ignoriert. Auch Trinkgelder für seine Beschäftigten hat der Milliarden-Versandhandelskonzern in der Vergangenheit schon unterschlagen. Doch auch die Arbeitsbedingungen bei Amazon stehen unter scharfer Kritik der Beschäftigten und der Gewerkschaft ver.di. So vervielfacht sich besonders während des Aktionszeitraums Black Friday und während des Weihnachtsgeschäfts das Arbeitspensum, und der damit verbundene Druck auf die Beschäftigten in den Lagerhäusern und den Lieferfahrzeugen steigt enorm.

So immens, dass Arbeiter:innen deswegen auch zu Tode kommen. Die Gewerkschaftsorganisation Warehouse Workers for Justice bezeichnet diese Fälle deshalb als Arbeitsmorde. Ein Beispiel hierfür ist ein Tornado-Sturm im US-Bundesstaat Illinois im Jahr 2021. Hier mussten die Arbeiter:innen trotz Tornado-Warnung weiterarbeiten. Den Zusammensturz des Lagerhauses überlebten sechs von ihnen nicht.

Doch auch in Deutschland geht Amazon für den Profit über Leichen: Den menschenverachtenden Höhepunkt fand dies am 15. August 2022 in einem Versandhaus bei Leipzig: Hier starb ein Arbeiter, und seine Leiche wurde lediglich mit ein paar Pappen abgedeckt, während daneben weitergearbeitet werden musste. Gegenüber der Leipziger Volkszeitung stellte ein Kollege des Verstorbenen damals fest, „dass es bei der Firma nicht um Menschen geht, sondern nur um den Profit“.

Leipzig: Amazon-Arbeiter stirbt – Betrieb läuft weiter

KI zur Überwachung der Bevölkerung

In Deutschland wird KI wie z.B. von Palantir nicht nur zur Überwachung am Arbeitsplatz eingesetzt. Immer häufiger wird sie von den Polizeibehörden und Geheimdiensten zur Überwachung der Bevölkerung genutzt. Dieser Prozess wurde als „innere Zeitenwende“ bezeichnet und findet sich in den neuen Versammlungs- und Polizeigesetzen wieder. Zuletzt erlaubte eine Änderung des Bundespolizeigesetzes den großflächigen Einsatz von KI-Analysen, die nun zur Echtzeitüberwachung eingesetzt werden dürfen.

Schon davor wurde an einzelnen, als „Kriminalitätshotspots“ eingestuften Orten wie am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg oder im Frankfurter Bahnhofsviertel KI-Überwachung eingeführt.

Perspektive Online
Perspektive Onlinehttp://www.perspektive-online.net
Hier berichtet die Perspektive-Redaktion aktuell und unabhängig

MEHR LESEN

PERSPEKTIVE ONLINE
DIREKT AUF DEIN HANDY!