Fachkräftemangel: Migrant:innen besonders oft in Engpass­berufen mit schlechten Arbeits­bedingungen

Es fehlen Fachkräfte, die Babyboomer gehen in Rente, und es rücken immer weniger junge Menschen nach. Ohne Menschen mit Migrationshintergrund wäre die Lücke noch größer. Doch Diskriminierung und Hürden beim Zugang zum Arbeitsmarkt führen dazu, dass viele von ihnen in prekären Jobs arbeiten.

723.000 Fachkräfte könnten bis 2029 fehlen, sagt das Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Das sind 47 Prozent mehr als 2024. Zusätzlich werden immer mehr „Babyboomer“ in Rente gehen, weswegen die Lücke an Fachkräften weiter steigen dürfte.

Ein ähnliches Bild zeichnet die Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit (BA), die darstellt, in welchen „Engpassberufen“ Fachkräftemangel herrscht oder droht. Dafür bewertet die BA jedes Jahr anhand von sechs Indikatoren, etwa Vakanzzeit, Arbeitslosenquote und Lohnentwicklung, wie knapp Fachkräfte in einem Beruf sind. Besonders stark betroffen sind weiterhin Pflege- und Gesundheitsberufe sowie Berufe im Bau und im Handwerk. Insgesamt gelten 157 Berufe als Engpassberufe, sechs weniger als im Vorjahr.

Eine zentrale Rolle im Umgang mit diesem Mangel spielen Migrant:innen. Denn Arbeiter:innen mit Migrationshintergrund sind überwiegend stark vertreten in Berufen, die tendenziell schlechter bezahlt werden und oft körperlich belastend sind. Das sind genau die Berufe, in denen ein starker Fachkräftemangel bekannt ist. Die Lage in den Branchen ist oft prekär und die Arbeitsbedingungen sind besonders schlecht.

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Migrant:innen oft in „Engpassberufen“ tätig

In der deutschen Gesamtwirtschaft haben 27 Prozent der Beschäftigten eine Einwanderungsgeschichte. Darunter fasst das Statistische Bundesamt alle Menschen, die selbst oder deren beiden Elternteile seit dem Jahr 1950 nach Deutschland eingewandert sind. Unter Menschen mit Migrationshintergrund werden sonst alle gezählt, bei denen die Person selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde.

Der höchste Anteil an Erwerbstätigen mit Einwanderungsgeschichte in Engpassberufen 2025 findet sich im Berufsfeld der Köch:innen mit 56 Prozent. Darauf folgen die Lebensmittelherstellung mit 55 Prozent, die Bodenverlegung mit 54 Prozent und der Gerüstbau mit 51 Prozent. Auch unter Busfahrer:innen und LKW-Fahrer:innen sowie in der Fleischverarbeitung, im Hotelservice und im Metallbau ist der Anteil überdurchschnittlich hoch. In Pflegeberufen sind ein Drittel der Angestellten Menschen mit Einwanderungsgeschichte.

Im Jahr 2024 stand die Berufsgruppe Schweiß- und Verbindungstechnik noch mit 60 Prozent an der Spitze und prozentual oberhalb der genannten Berufsgruppen. In den Zahlen vom Jahr 2025 taucht die Branche jedoch nicht mehr als eigenständige Gruppe auf.

Im Gegensatz dazu sind Menschen mit Einwanderungsgeschichte in staatlichen Berufen wie dem Polizeivollzugsdienst mit 8 Prozent, der Justizverwaltung (9 Prozent) und als Lehrer:innen (in berufsbildenden Fächern 9 Prozent, in der Primarstufe 10 Prozent) stark unterrepräsentiert.

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Ungleiche Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt

Wie das Statistische Bundesamt zeigt, gelingt die Integration in den Arbeitsmarkt je nach Herkunftsland und Aufenthaltsdauer unterschiedlich schnell: Eingewanderte aus EU-Staaten profitieren von der sogenannten „Arbeitnehmerfreizügigkeit“, also dem Recht, in anderen EU-Ländern ohne Arbeitserlaubnis zu arbeiten, und meist von einer schnelleren Anerkennung ihrer beruflichen Qualifikationen.

Entsprechend früh sind sie erwerbstätig: 89 Prozent der aus der EU eingewanderten Männer und 73 Prozent der Frauen im Alter von 25 bis 59 Jahren, die weniger als fünf Jahre in Deutschland lebten, waren 2025 erwerbstätig.

Für Menschen aus Nicht-EU-Ländern dauert der Weg oft länger: Bei Männern aus Afrika in derselben Altersgruppe und mit gleicher Aufenthaltsdauer lag die Erwerbstätigenquote bei 79 Prozent, bei Frauen nur bei 47 Prozent. Mit der Aufenthaltsdauer steigen die Quoten: Nach 20 bis 25 Jahren in Deutschland waren es bei Männern aus Afrika 82 Prozent, bei Frauen 68 Prozent.

Der Unterschied zwischen Männern und Frauen hat auch mit Sorgearbeit zu tun. Frauen ziehen häufiger als Familienangehörige nach Deutschland und stehen dem Arbeitsmarkt wegen familiärer Verpflichtungen länger nicht zur Verfügung. Dazu kommt die reproduktive Arbeit, die nicht als Arbeit im herkömmlichen Sinne gezählt wird: Frauen verbringen in Deutschland durchschnittlich doppelt so viel Zeit wie Männer mit Care-Arbeit, also mit Kochen, Kinderbetreuung oder der Versorgung pflegebedürftiger Angehöriger.

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Geflüchtete und andere Migrant:innen werden benachteiligt

Hinzu kommen institutionelle Hürden für Menschen aus Nicht-EU-Ländern: Analysen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigen, dass vor allem während laufender Asylverfahren Beschäftigungsverbote und Wohnsitzauflagen die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten hemmen.

Seit dem GEAS-Anpassungsgesetz vom Februar 2026 dürfen Asylbewerber:innen in der Regel schon nach drei Monaten arbeiten, auch wenn sie in einer Aufnahmeeinrichtung wohnen. Zuvor galt dort faktisch ein sechsmonatiges Arbeitsverbot. Andererseits hat die GEAS-Reform zu einer stärkeren Abschottung der EU-Außengrenzen und einer faktischen Abschaffung des Rechts auf Asyl geführt.

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Eine Studie des Immigration Policy Lab der ETH Zürich und Stanford University kam bereits 2018 zu dem Ergebnis, dass Arbeitsverbote für Staaten teurer sind, als sie annehmen. Doch auch wer arbeiten darf, findet häufig nur Zugang zu prekären Beschäftigungsverhältnissen wie Leiharbeit oder Helfertätigkeiten im Niedriglohnbereich, unter anderem weil sich mitgebrachte Abschlüsse in Deutschland oft nur schwer nutzen lassen.

Doch nicht nur bei Geflüchteten zeigt sich diese Ungleichheit. Einerseits hängt der Bildungserfolg stark von der sozialen Herkunft ab. Kinder mit Migrationshintergrund erreichen vor allem aufgrund ihrer häufig schlechteren sozialen Lage niedrigere Schulabschlüsse. Damit beeinflusst die soziale Herkunft über den Bildungsweg auch ihre späteren Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Beim Zugang zum Arbeitsmarkt zeigt sich zudem auch auf andere Art eine Diskriminierung: Bewerber:innen mit türkisch klingendem Namen mussten im Schnitt sieben Bewerbungen schreiben, Bewerber:innen mit deutschem Namen dagegen nur fünf, bevor sie zu einem Gespräch eingeladen wurden. Menschen mit arabisch klingendem Namen schnitten in Studien noch schlechter ab.

Weniger junge Menschen rücken nach

Dass der Fachkräftemangel durch den demografischen Wandel weiter wächst, zeigt auch der Blick auf die Altersstruktur: Es rücken immer weniger junge Menschen nach, dabei ist der Anteil der 15- bis 24-Jährigen bei Menschen mit Einwanderungsgeschichte deutlich höher als bei Menschen ohne.

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Insgesamt ist der Anteil junger Menschen an der Gesamtbevölkerung im Vergleich zu den 1980er Jahren stark zurückgegangen. So war damals auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik Deutschland noch jede sechste Person (16,7 Prozent) 15 bis 24 Jahre alt. Bei der Bevölkerung ohne Einwanderungsgeschichte betrug der Anteil der gleichen Altersgruppe im Jahr 2025 nur noch 8,5 Prozent. Dagegen lag der Anteil junger Menschen bei der Bevölkerung mit Einwanderungsgeschichte bei 12,2 Prozent.

Die Zahl junger Menschen unterscheidet sich auch regional stark: So war die Altersgruppe von 15 bis 24 Jahren in den Stadtstaaten Bremen mit 11,1 Prozent, Hamburg mit 10,5 Prozent und im Bundesland Baden-Württemberg 10,4 Prozent überdurchschnittlich stark vertreten. Im Gegensatz dazu lag der Anteil junger Menschen in Brandenburg mit nur 8,8 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt mit je 9,1 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt.

Mit seinem Anteil junger Menschen befand Deutschland sich laut EU-Statistikbehörde Eurostat zu Jahresbeginn 2025 mit 10,0 Prozent leicht unter dem EU-Durchschnitt. Dieser beträgt 10,7 Prozent. Der höchste Anteil an jungen Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren in der Europäischen Union zeigte sich in Irland mit 12,7 Prozent, gefolgt von Dänemark und den Niederlanden mit je 12,2 Prozent. Der geringste Anteil junger Menschen innerhalb der EU lag in Malta mit 9,4 Prozent und Bulgarien mit 9,5 Prozent.

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