In Äthiopien kommt es zu einem neuen inneren Konflikt zwischen der Zentralregierung und verschiedenen Milizen der vielen Ethnien des Landes. Die Kämpfe stehen in einer Reihe von kriegerischen Konflikten um die Vorherrschaft in der Region.
Seit einer Woche häufen sich Meldungen, dass es wieder vermehrt zu Kämpfen zwischen dem äthiopischen Staat und zahlreichen Milizen der ethnischen Minderheiten in dem Land am östlich gelegenen Horn von Afrika kommt. Auch wenn noch nicht von einem erneuten Ausbrechen des Bürgerkriegs gesprochen wird, so scheint es, als sei das Erreichen der nächsten Eskalationsstufe nur eine Frage der Zeit.
Vor einigen Tagen verkündeten mehrere Milizen die Bildung eines breiten Bündnisses von bewaffneten Gruppen der verschiedenen ethnischen Minderheiten des Landes zur Ethiopian Peoples Forces Coalition for Survival, (EPFCS, dt. Koalition der äthiopischen Volkskräfte zum Überleben). Zu dieser Koalition gehören mit der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF), der Nationalen Amhara-Fano-Bewegung (AFNM) und der Oromo-Befreiungsarmee (OLA) die größten Milizen des Landes, dazu Gruppen vieler weiterer ethnischer Minderheiten Äthiopiens.
Sie alle eint das Ziel, den amtierenden Premierminister Abiy Ahmed zu stürzen. Dieses Ziel schafft sogar trotz teils langer Verfeindungen untereinander Einigkeit. So herrscht zum Beispiel Streit zwischen der TPLF und der AFNM darüber, welcher Minderheit gewisse Regionen im Land zustehen.
Die TPLF besetzte in den letzten Tagen verschiedene strategische Positionen in der Region, wie zum Beispiel Flughäfen. Außerdem führte sie wohl einen Angriff in die benachbarte Region Afar durch, mit dem Ziel, eine der wichtigsten Transportstraßen zwischen der Hauptstadt Äthiopiens und dem Nachbarland Dschibuti zu erobern. Aber auch die anderen Milizen des neuen Bündnisses haben ihre Angriffe auf die äthiopische Armee verstärkt.
Die TPLF spricht jetzt davon, dass sie einen „Verteidigungskrieg“ gegen die Regierung in Addis Abeba führt. Denn erst vor vier Jahren kam es zu einem instabilen Frieden zwischen TPLF und dem Staat, nachdem in der Region Tigray zwei Jahre lang ein brutaler Bürgerkrieg zwischen beiden Seiten geherrscht hatte. Seinen Anfang nahm der Konflikt aber schon vor einigen Jahrzehnten.
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Äthiopiens Weg in den Bürgerkrieg
Schon in den siebziger Jahren begann die TPLF ihren bewaffneten Kampf gegen die damalige Militärregierung. Nachdem diese nach Jahren des Kriegs gestürzt wurde, übernahm die TPLF die Rolle der führenden Partei in der neuen Regierungskoalition. Für circa drei Jahrzehnte dominierte sie so die Staatspolitik – und das, obwohl die Tigray nur circa sechs Prozent der Bevölkerung des Landes ausmachen.
Im Jahr 2018 wurde dann Abiy Ahmed Premierminister und ersetzte die von der TPLF geführte Regierungskoalition mit seiner eigenen Wohlstandspartei. Zwei Jahre später kam es dann zum Bürgerkrieg in der Region Tigray. Dieser entwickelte sich zu einer humanitären Krise mit hunderttausenden Toten, Millionen Vertriebenen und der fast vollständigen Isolierung der Region Tigray.
Der Krieg wurde schließlich im Jahr 2022 durch den Pretoria-Vertrag beendet, aber der Konflikt blieb bestehen. Seit dem Jahr 2024 eskalierten beide Seiten die Situation immer weiter, und Anfang 2025 putschte die TPLF die durch den Pretoria-Vertrag eingesetzte Übergangsregierung in Tigray. Seit November 2025 kommt es wieder zu militärischen Auseinandersetzungen, die von Mal zu Mal größer werden.
Im Vergleich zum letzten Krieg hat sich besonders die Bündniskonstellation verändert: Während im Jahr 2020 die AFNM noch auf der Seite der Regierung kämpfte, steht sie ihr jetzt entgegen, und auch das Nachbarland Eritrea unterstützt die Regierung in Addis Abeba nicht mehr weiter. Im Gegenteil: Äthiopiens Regierung wirft Eritrea, der sudanesischen Armee und Ägypten vor, die Milizen zu unterstützen. Diese weisen die Vorwürfe zurück. Hier kommt Äthiopiens Rolle in der Region und in überregionalen Bündnissen ins Spiel.
Westasien und Horn von Afrika – Kampf um die Vorherrschaft
Seit Jahren sind die Regionen rund um das Horn von Afrika und Westasien von bewaffneten Konflikten geprägt. Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs im Sudan, dem Sturz des Assad-Regimes in Syrien und der weiteren Eskalation zwischen dem Iran und Israel infolge des Gaza-Kriegs scheinen sich neue Bündnis-Achsen und Interessenblöcke zu bilden, in die Äthiopiens interne Konflikte und seine Expansionsvorhaben einzuordnen sind.
Auf der einen Seite steht die Achse zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) mit ihrem vermutlichen Vorhaben, die Aufteilung der Regionen unter den Blöcken grundsätzlich neu zu ordnen, um sich als dominierende Kraft durchzusetzen. Sie scheinen dafür auch bereit zu sein, bestehende staatliche Grenzen anzufechten und die Zersplitterung zu fördern.
Die VAE unterstützen dafür zum Beispiel die Rapid Support Forces (RSF) im Sudan, die dort einen brutalen Bürgerkrieg gegen die Militärregierung führen. Und Israel erkannte erst vor einigen Monaten die Separatistenrepublik Somaliland an. Hier wird faktisch die staatliche Integrität Somalias angefochten.
Äthiopien mit Machtambitionen
Genau diese Vorhaben spielen der äthiopischen Regierung unter Abiy Ahmed in die Karten: Der Premierminister macht keinen Hehl daraus, dass er Äthiopien an die politische Spitze des Horns von Afrika führen will. Um aber zur Regionalmacht zu werden, bräuchte Äthiopien seiner Meinung nach einen direkten Zugang zum Meer, am besten zum Roten Meer und zur strategisch wichtigen Seestraße Bab al-Mandab.
Zwei Optionen sind hierfür denkbar: ein Deal mit den Separatisten in Somaliland oder einen mit Eritrea. Eritrea hat daran kein Interesse, und während Somaliland durchaus dazu bereit wäre, Land für einen Hafen an Äthiopien zu verpachten, widerspricht Somalia, zu dem Somaliland offiziell gehört.
Somaliland verlangt wiederum im Gegenzug für den Zugang zum Roten Meer Äthiopiens Anerkennung als unabhängigen Staat. Wenn Abiy also seine Vorhaben durchziehen will, dann ginge das nur mit militärischen Mitteln – entweder gegen Eritrea oder Somalia. Und mit diesen droht Abiy auch regelmäßig.
Region zwischen verhärteten Fronten
Die geostrategischen Züge der Israel-VAE-Achse in der Region kämen Äthiopien nicht nur bei diesen Vorhaben zugute. Denn seitdem Äthiopien am Blauen Nil einen Staudamm gebaut hat, kommt im Sudan und in Ägypten bedeutend weniger Wasser an als zuvor. Hieraus entstand ein weiterer Konflikt zwischen Äthiopien und seinen Nachbarstaaten, wobei beide durch den Bürgerkrieg im Sudan von Äthiopien abgelenkt sind. Denn neben den VAE unterstützt angeblich auch die äthiopische Regierung in Addis Abeba die sudanesische RSF.
Dieser Achse steht zudem ein anderer, recht neuer Interessenblock gegenüber. Die Türkei und Saudi-Arabien stehen zusammen mit Pakistan im Mekka-Verteidigungspakt auf der anderen Seite – im gleichen Block mit Ägypten und Somalia.
„Mekka-Pakt“: Was versprechen sich die Mitgliedsstaaten aus dem neuen Bündnis?
Trotz des Kriegs in Westasien und der Rückschläge, die der Iran einstecken musste, bleibt außerdem noch die „Achse des Widerstands“ eine Kraft in den regionalen Konflikten. So würde ein starkes Äthiopien zum Beispiel mit einem unabhängigen Somaliland einen guten Verbündeten Israels gegen die Huthi im Jemen darstellen, besonders seitdem die von den VAE unterstützten Separatisten im Südjemen zurückgeschlagen wurden.
Die Rolle des Bürgerkriegs in Äthiopien im regionalen Machtkampf
Während die Eskalationen im eigenen Land den Aufstiegsvorhaben der Regierung im Weg stehen, birgt der Konflikt für die Gegner Äthiopiens sicherlich einige Chancen, einen Rivalen, beziehungsweise den Verbündeten des verfeindeten Blocks, auszustechen.
Gleichzeitig droht die Situation weiter zu eskalieren: Ein direkteres Eingreifen – zum Beispiel Eritreas – würde den Konflikt auf ein regionales Level heben und so das Horn von Afrika einem überregionalen Flächenbrand noch näher bringen. Denn schon heute stehen sich nicht nur am Horn von Afrika die drei Achsen gegenüber: Vom Sudan über den Jemen bis Südsyrien, dem Libanon und dem östlichen Mittelmeer verlaufen verschiedene Fronten, die alle weiteres Eskalationspotenzial haben.

