Interview über die neu gegründete “Antifaschistische Aktion Süd” – ein Zusammenschluss von verschiedenen antifaschistischen Organisationen in Süddeutschland. Im Interview legen sie ihre Beweggründe für das zukünftige Agieren als eine Organisation und ihr Verständnis antifaschistischer Politik dar.

Im Februar 2022 habt ihr die Gründung der „Antifaschistischen Aktion Süd“ bekannt gegeben. Warum und mit welchem Ziel schließt ihr euch gerade jetzt als gemeinsame Organisation zusammen?

Die Frage nach dem „Warum gerade jetzt“ ist schnell beantwortet: Wir waren schlicht und ergreifend soweit, den Schritt zu gehen. Einige von uns arbeiten bereits seit über zehn Jahren zusammen, andere wiederum sind erst in der letzten Zeit dazu gestoßen. Eine gemeinsame Organisierungsperspektive war immer Thema, aber in erster Linie haben wir im Alltag gegen die Nazis und Rechtspopulist:innen gekämpft und das in die Wege geleitet, was notwendig war: Kundgebungen und Proteste auf die Beine stellen, Menschen in Aktion bringen, antifaschistische Bildungs- und Gedenkarbeit organisieren, usw. In den letzten Jahren haben wir dann unsere Bemühungen um eine gemeinsame Perspektive intensiviert und haben im Spätjahr 2021 mit acht Antifa-Gruppen aus dem Süden der Republik eine gemeinsame Organisation gegründet. Wir denken, dass wir die Faschist:innen und die Reaktion nur so wirklich flächendeckend und nachhaltig zurückdrängen können. Aber: Eine Organisation auf die Beine zu stellen ist nichts, was mal eben nebenher funktioniert. Der inhaltliche Einigungsprozess und die praktische bzw. methodische Angleichung haben viel Zeit, Arbeit und Nerven gekostet.

Die Aufgabe der Antifaschistischen Aktion Süd sehen wir im Kampf gegen Faschist:innen, ihre Strukturen, sowie in der Abwendung jedweder reaktionärer Zuspitzung der Verhältnisse. Dass das ein hoher (und erst mal abstrakter) Anspruch ist, ist uns völlig klar. Wir wollen nicht so vermessen sein und sagen, dass wir damit so unglaublich viel weiter wären als andere. Aber: Wir haben uns auf den Weg gemacht und haben einiges an Erfahrung im Gepäck. Ob wir unseren Ansprüchen letztlich gerecht werden, wird die Zeit zeigen. Fakt ist, dass hier im Süden seit einigen Jahren an vielen Stellen eine klassenkämpferische, konsequente und breit aufgestellte antifaschistische Bewegung stetig wächst. An dieser Entwicklung waren wir beteiligt und daran wollen wir anknüpfen.

Wir organisieren uns in acht Ortsgruppen über drei Bundesländer hinweg. Das ist einerseits eine Herausforderung, allein zwischen München und Landau liegen z.B. über 300 Straßenkilometer, andererseits aber auch eine Chance. Unser Anspruch ist es, angepasst an die lokalen Besonderheiten, in allen Orten eine schlagkräftige und integrative antifaschistische Arbeit auf die Beine zu stellen. Als überregionale Struktur können wir die lokalen Erfahrungen auswerten, übertragen, anpassen oder korrigieren. Zudem sind wir in der Lage, Kräfte zu bündeln und auch mal abseits der großen Städte zu intervenieren. Das ist gerade im Bereich Antifaschismus bitter notwendig. Von einer reinen Vernetzung unterscheidet uns unter anderem das gemeinsame analytische Fundament und die Verbindlichkeit der gemeinsamen Organisierung. Uns ist die lokale Verankerung, eine alltägliche Praxis im Kleinen und die organisatorische Kontinuität wichtig – sie ist Basis für eine funktionierende, überregionale Arbeit. Auch deswegen war unser Zusammenwachsen ein Prozess von mehreren Jahren. Wir wollten nicht einfach das nächste linke Organisations-Luftschloss zimmern, dass wenig später in sich zusammen fällt oder nur in jährlichen Großmobilisierungen greifbar wird.

Obwohl der Gründungszeitpunkt nicht bewusst gewählt wurde – wir wissen natürlich um das 90-jährige Jubiläum der Gründung der Antifaschistischen Aktion diesen Sommer – passt der Schritt doch ganz gut in die Zeit. Wir bemerken schon seit einiger Zeit einen Rückzug der radikalen Linken vom Themenfeld „Antifaschismus“, das sie noch Anfang der 2010er Jahre so dominiert hat. Viele scheinen frustriert oder ideenlos. Es ist eben nicht mehr so einfach wie damals. Anstatt der klassischen „Glatzendemo“ stehen wir einer Überzahl „empörter Bürger:innen“ unter teilweise klugem Einfluss einer faschistoiden Partei gegenüber. Und natürlich kennen wir diese Momente selbst: Nur allzu oft sind wir in den letzten Jahren an unseren selbst gesetzten Ansprüchen gescheitert, waren die Rechten am Ende stärker, haben uns die Cops eingemacht. Auch einige der Gruppen, mit denen wir über die Zeit zusammen gearbeitet haben, gibt es heute nicht mehr. Dennoch: Der Rückzug ist der falsche Weg. Wir denken, neben Frustration trägt auch der Mangel an politischen Konzepten und praktischen Ansätzen dazu bei. Wir haben die „Antifa-Debatte“ vor einigen Jahren aufmerksam verfolgt, auch wenn am Ende eigentlich nur Auflösungserklärungen dabei raus kamen.

Damals haben wir es verpasst uns zu Wort zu melden. Mit unserer Gründung wollen wir deswegen auch ein neue Debatte über Zielsetzungen und Konzeption antifaschistischer Politik im Hier und Jetzt anstoßen. Die Antifaschistische Aktion Süd ist unser konkreter Versuch in Zeiten stärker werdender Rechter eine politische und strukturelle Antwort von Links zu formulieren. Fakt ist ja: Wir müssen diesen Kampf führen, ob wir wollen oder nicht. Die Bundesrepublik schlittert in eine seit langem nicht da gewesene Wirtschaftskrise und die Rechten stehen in den Startlöchern. Ohne einen konsequenten Abwehrkampf wird die antikapitalistische Linke in den kommenden Jahren kein Land sehen – weder auf der Straße, noch anderswo.

In eurer Gründungserklärung sprecht ihr von sich verändernden ökonomischen und sozialen Verhältnissen denen ihr mit eurem Zusammenschluss entgegenwirken wollt. Wie analysiert ihr diese Verhältnisse und den Stand der faschistischen Bewegung heute?

Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg, Klimakrise, industrieller Wandel… nach einigen Jahren der „gefühlten“ Stagnation kommt gerade eine immense Bewegung in das weltpolitische Geschehen – mit spürbaren Folgen, auch in der BRD. Der Kapitalismus schlittert in eine tiefgreifende Krise mit weitreichenden und ganz konkreten Auswirkungen. Für viele Menschen geht die „Stabilität“ und der „relative“ Wohlstand der letzten Jahrzehnte verloren. Die neue Unsicherheit geht einher mit dem Abwenden von „traditionellen“ bürgerlichen Kräften – die z.T. für die Entwicklungen verantwortlich gemacht werden – und der Suche nach neuer Orientierung.

In einer Phase, in der linke Ideen auf fruchtbaren Boden fallen könnten, fehlt es aber an einer wahrnehmbaren, antikapitalistischen Bewegung. Dass die Linke dem wachsenden gesellschaftlichen Unmut nur vereinzelt politische Orientierung und organisatorische Angebote machen kann, beginnt uns jetzt schon auf die Füße zu fallen. Denn die Rechten und Faschist:innen stehen trotz aller Richtungsstreitigkeiten nicht schlecht da. Mit dem Projekt AfD und allen damit verwobenen Strukturen haben sie mittlerweile eine organisatorische Stärke entwickelt und viel politische Erfahrung gesammelt. Zudem sind sie aus der gesellschaftlichen Nische und Isolation der späten 90er und 2000er ausgebrochen.

Dabei ist die AfD ohne Zweifel die wichtigste Kraft im rechten Lager. Sie ist in den meisten relevanten Regionen und Städten mit Strukturen präsent und auf allen Ebenen Teil des parlamentarischen Apparats – vom Bundestag bis zum Gemeinderat. Als Teil des bürgerlichen Politbetriebs steht ihnen somit auch sehr viel Geld zur Verfügung. Gleichzeitig sucht der dominante Teil der Partei den Schulterschluss zur Straße und inszeniert sich dort nicht ganz ohne Erfolg als „Protestpartei“. Auf die Erfahrungen von „Pegida“ und „Querdenken“, aber auch kleineren Geschichten, wie den „Diesel-Protesten“ in Stuttgart, wird die Partei in Zukunft zurückgreifen können. Wir beobachten die innerparteilichen Kämpfe in der AfD sehr genau. Auch wenn diese noch nicht vollends abgeschlossen sind, lässt sich dennoch eine klare Tendenz erkennen: Die offen faschistischen Kräfte machen die AfD mehr und mehr zu ihren Projekt. Darüber können auch einzelne kosmetische Maßnahmen, wie z.B. der Ausschluss von Andreas Kalbitz, nicht hinweg täuschen.

Mit dem Aufstieg der AfD sind die Kräfte rechts von ihr aber keineswegs verschwunden. Hier im Süden der Republik hat es vor allem der „III. Weg“ geschafft versprengte Kameradschaftsreste zu einer faschistischen Partei zusammenzubringen und strategische Ziele anzugehen. Zwar haben sie es in den letzten Jahren nicht geschafft personell besonders zu wachsen, ihre offen militante Praxis aber stellt ein immenses Gefahrenpotenzial für Andersdenkende und migrantisch gelesene Menschen dar.

Auch die Neuaufstellung der „Identitären Bewegung“, weg von der „nationalen NGO“ mit professionellen Fotoserien in den sozialen Medien hin zu verdeckteren Strukturen und dem Selbstbewusstsein innerhalb der „Querdenken-Bewegung“ auch auf die Straße zu gehen, haben wir auf dem Radar. Ebenfalls vom Rechtsruck profitieren Rechte in den Behörden, die schon immer Anziehungspunkt für besonders reaktionäre Menschen waren: Polizei, Armee, Abschiebebehörden und der Inlandsgeheimdienst. Mit höherem Selbstvertrauen nutzen sie ihre Stellen zunehmend auch für die eigenen politischen Interessen. Weniger öffentlich wahrnehmbar hat sich in den letzten Jahren die Reichsbürger:innen-Szene beträchtlich ausweiten können. Und begünstigt durch die wachsende Anzahl rechter Prepper:innen ist auch die Gefahr von faschistischem Terror weiter gestiegen. Heißt: So schnell wird die faschistische Bewegung also nicht mehr in der politischen Bedeutungslosigkeit versinken.

Nimmt man dann beides zusammen – also die Schwäche der antikapitalistischen Linken und die auf vielen Ebenen aufstrebenden Rechten – dann ist davon auszugehen, dass die Rechte das Potenzial hat einen Teil des gesellschaftlichen Unmuts, der in nächster Zeit aufkommen wird, in reaktionäre Bahnen zu lenken und selbst weiter zu wachsen. Denn die soziale Frage wird durch die Krisenentwicklungen wieder stärker ins Zentrum der politischen Auseinandersetzung rücken. Schon jetzt sprechen die ersten AfD-Funktionär:innen vom „Proletariat“ und machen Stimmung gegen Teuerungen und hohe Lebenshaltungskosten.

In die Hände spielt ihnen dabei sicherlich auch die Entfernung der Gewerkschaften von fortschrittlichen und kämpferischen Positionen, sowie die Integration von Teilen der letzten Protestbewegungen in den Apparat. Von nicht wenigen Menschen wird die neue Regierung auch deswegen fälschlicherweise als eine linke verstanden. Alles in allem aber kein Grund den Kopf in den Sand zu stecken – wohl aber wichtige Erkenntnisse, aus denen wir Konsequenzen für den konkreten Kampf ziehen müssen. Antifaschismus darf nicht an der moralischen Skandalisierung der Rechten stehen bleiben, sondern muss immer in den Kontext progressiver Antworten auf die gesellschaftlichen Missstände gesetzt werden. Sonst bleibt er zahnlos.

Ihr stellt euch selbst in die Tradition der Antifaschistischen Aktion der 1920er und die der Antifa-Bewegung der 1980er Jahre. Was versteht ihr heute unter antifaschistischer Arbeit und wie wird diese in der kommenden Zeit aussehen?

Wir haben unser Handwerkszeug in der antifaschistischen Bewegung gelernt, wie sie sich seit den 1980er Jahren entwickelt hat. Mit all ihren Stärken und auch den Leerstellen. Heißt, wir organisieren Gegenprotest bei rechten oder faschistischen Aufmärschen, kümmern uns um verlässliche Recherchearbeit, vertreiben Faschos aus ihren Treffpunkten, beteiligen uns an Bündnissen gegen Rechts, versuchen eine antifaschistische Jugendkultur zu prägen, kümmern uns um eine antifaschistische Gedenkkultur bzw. Bildungsarbeit und versuchen die Handlungsfähigkeit der Faschist:innen vor Ort so weit wie möglich einzuschränken. All das ist über die Jahre in der Bewegung entwickelt worden und gehört nach wie vor zu den wichtigen Grundpfeiler unserer alltäglichen Politik.

Aber mit dem Wandel der faschistischen Bewegung, weg von radikalen aber zersplitterten Kleinstkameradschaften, hin zu einer gesellschaftlich relevanten Kraft und flächendeckender parlamentarischer Präsenz, muss auch die antifaschistische Arbeit weiter gedacht und entwickelt werden. So drängt sich z.B. die Frage nach einem antifaschistischen Selbstverständnis unserer Klasse wieder in den Vordergrund und auf unserem Aufgabenzettel weiter nach oben. Während es noch vor einigen Jahrzehnten eine tief verwurzelte und weit verbreitete Haltung gegen Rechts gab, müssen wir heute davon ausgehen, dass auch viele Lohnabhängige für die einfachen Antworten und die Hetze der Faschist:innen empfänglich sind. Das ist insofern brandgefährlich, als dass die Rechten mit ihren positiven Erfahrungen vergangener Massenproteste in kommende soziale Protestbewegungen gegen z.B. hohe Spritpreise oder die steigenden Lebenshaltungskosten intervenieren werden. In der kommenden Zeit wird es also auch darum gehen, die spontanen Bewegungen auf der Straße antifaschistisch zu prägen bzw. rechte Kräfte aus ihnen heraus zu drängen. Damit nähern wir uns politisch, und in der Perspektive auch praktisch, wieder mehr einem Antifaschismus an, der auf die massenhafte Arbeit in der lohnabhängigen Klasse abzielt – so wie in den späten 1920ern und frühen 1930ern.

Generell ist der antifaschistische Abwehrkampf für uns nicht die Aufgabe einer kleinen, abgeschotteten Szene oder einer einzelnen politischen Strömung. Wenn wir tatsächlich erfolgreich sein wollen, muss es uns gelingen, möglichst viele Menschen in den Kampf gegen Rechts miteinzubeziehen – ohne dabei die analytischen Grundpfeiler über Bord zu werfen. Gleichzeitig ist der Kampf gegen die Faschist:innen einer, der weiterhin auf unterschiedlichen Ebenen und mit unterschiedlichen Mitteln geführt werden muss – politisch, aber auch praktisch. Hier im Süden mag es nach wie vor so sein, dass die rechten „Hotspots“ an einer Hand abzählbar sind. Aber wir wissen, dass das nicht so bleiben muss und sich die Frage nach einem breiten antifaschistischen Selbstschutz von unten mehr und mehr auch hier stellt.

Nicht in der eigenen Subkultur verlieren und einen proletarischen Klassenstandpunkt vertreten, dass benennt ihr als eigene Ansprüche. Wie seht ihr euer Verhältnis zu anderen antifaschistischen und revolutionären Gruppen und Organisationen?

Wir machen uns natürlich keine Illusionen: Ohne Überwindung des Kapitalismus kein Ende der faschistischen Gefahr. Deswegen versteht sich die Antifaschistische Aktion Süd auch als Teil der antikapitalistischen Linken – ohne dass wir bei uns über die richtige Revolutionsstrategie streiten. Das muss an anderer Stelle passieren. Wie genau der Kapitalismus auf den Müllhaufen der Geschichte befördert wird, ist für unseren unmittelbaren antifaschistischen Kampf aktuell nicht wesentlich. Wichtig ist, den Faschismus überhaupt als eine Form der bürgerlichen Herrschaft zu begreifen und entsprechend zu bekämpfen. Antifaschismus ist dabei solch ein vielschichtiges und zentrales Themenfeld, dass wir die unbedingte Notwendigkeit für eine eigenständige antifaschistische Praxis und antifaschistische Strukturen sehen. Dafür ist ein Mindestmaß an inhaltlicher Klarheit, gemeinsamen theoretischen Grundlagen und ein Zusammenwachsen praktischer Strategien notwendig, nicht aber eine umfassende Einigkeit über mögliche Gesellschaftsmodelle in der post-kapitalistischen Zeit. Auf den Punkt gebracht: Niemand muss Kommunist:in sein, um gegen Nazis zu kämpfen, aber Kommunist:innen sind natürlicher Bestandteil unserer Organisation.

Unser Verhältnis zur revolutionären Linken ist nicht nur deswegen organisch. Historisch gesehen war die Linke immer einer der ersten Angriffspunkte der faschistischen Bewegung. Das setzt sich heute so fort: Dort, wo die Faschist:innen stark sind, dort schwindet der Raum für linke und revolutionäre Politik. Das bezieht sich auf Städte und Regionen, aber auch auf politische Bewegungen. Der antifaschistische Abwehrkampf hat deswegen immer auch zum Ziel, Platz für die revolutionäre Linke zu erkämpfen und gegen Rechts zu verteidigen. Das angesprochene Verhältnis gibt es aber natürlich auch in die andere Richtung. Ohne greifbare revolutionäre Perspektive bleibt auch unser antifaschistischer Kampf beschränkt und auf lange Sicht einer gegen Windmühlen.

Stichpunkt Subkultur: Während es mit dem militanten Antifaschismus der 80er oder dem Ansatz des revolutionären Antifaschismus der AA/BO tatsächlich politische Konzepte gab, stellt „Antifa“ heute vor allem eine Worthülse dar, die beliebig gefüllt wird. Während die einen darunter jegliche Form radikal linker Politik subsumieren und einen Lifestyle ganz in schwarz pflegen, bedienen sich andere, z.B. aus der liberalen Twitter-Bubble, dem Logo der Antifaschistischen Aktion und hinterlegen es mit willkürlichen Versatzstücken bürgerlicher Ideologie: Von Wappen reaktionärer Königshäuser, bis hin zur Fahne der Ukraine. Diese Verwässerung und teilweise Umdeutung des Begriffs Antifaschismus ist ein Problem. Wir wollen uns der Herausforderung stellen, einerseits dem Begriff seine ursprüngliche Bedeutung wieder zurück zu geben und andererseits einen Weg einzuschlagen, an dessen Ende tatsächlich eine auf unterschiedlichen Ebenen handlungsfähige und wirkmächtige Front gegen die Faschist:innen und ihre Strukturen steht. Konkret wären das Schritte, wie zum Beispiel: Das eigene Engagement nicht als Abgrenzung zum Rest der Gesellschaft oder als moralischen Zeigefinger zu verstehen, tatsächlich zu versuchen mit der alltäglichen Praxis eine gesellschaftliche Bedeutung zu erlangen, die eigenen Demonstrationen und Aktionen wirklich integrativ gestalten, Menschen außerhalb der eigenen Kreise zu organisieren und eine militante Haltung nicht als Selbstzweck zu sehen.

Wir wollen aber nicht vermessen sein: Natürlich sind wir nicht die einzigen, die kämpfen. Anderen Kräften, die es ernst meinen mit dem Kampf gegen Rechts, stehen wir aufgeschlossen und solidarisch gegenüber. Exemplarisch sei hier die VVN-BdA genannt (Glückwunsch an dieser Stelle zum 75sten!), die einzige bundesweite Kraft, welche die antifaschistische Arbeit in das Zentrum ihrer Tätigkeit gestellt hat. Auch wenn wir in vielem, teilweise fundamental, anderer Meinung sind, so kämpfen wir trotzdem seit Jahren an vielen Stellen und Orten Seite an Seite. Auch mit vielen anderen antifaschistischen Gruppen außerhalb unserer Organisation arbeiten wir erfolgreich zusammen. In dem Bemühen um eine breite Front vieler Kräfte, sind wir offen und interessiert an einer praktischen Zusammenarbeit mit allen Akteur:innen, die konsequent antifaschistisch kämpfen. Was am Ende zählt ist schließlich die konkrete Praxis und ob es gelingt, den politischen Gegner effektiv zu bekämpfen und zurückzudrängen. In diesem Sinne wollen wir unseren Kampf nicht vereinzelt, sondern zusammen mit anderen Gruppen, Initiativen und Menschen führen, durch gemeinsames Handeln mit unseren Bündnispartner:innen enger zusammenwachsen und voneinander lernen.

In der antifaschistischen Arbeit ist die Repression des Staates ein dauerhafter Begleiter. Auch und gerade in Süddeutschland ist dies in den vergangenen Jahr immer wieder deutlich geworden. Wie geht ihr damit um?

Die Formulierung „dauerhafter Begleiter“ trifft den Nagel auf den Kopf. Die gesamte außerparlamentarische Linke ist hier im Süden mit wenig zimperlichen Behörden konfrontiert. Die antifaschistischen Kräfte trifft es dabei besonders stark. Selbst auf dem flachen Land rückt die Staatsmacht mit BFE- und USK-Trupps an. Rechte Kundgebungen sind oft genug weiträumig mit Gittern, Hunden, Pferden, unerschöpflichen Vorräten an Pfefferspray, Wasserwerfern und zunehmend Drohnen gesichert. Mittel, die nicht selten zum Angriff auf den Gegenprotest eingesetzt werden und zahllose Festnahmen und Verletzungen mit sich bringen.

Der Repression auf der Straße folgt die der Gerichte auf dem Fuße. In Baden-Württemberg sitzen gerade zwei Genossen unter anderem wegen antifaschistischer Aktionen hinter Gittern (solidarische Grüße an dieser Stelle an Dy und Findus!), weiteren droht Haft.

Erst vor Kurzem gab es hier wieder eine koordinierte Welle an Hausdurchsuchungen in mehreren Städten. Einem Teil der Durchsuchten wurde vorgeworfen, im Anschluss an eine Bündnisdemo gegen „Querdenken“ in Konstanz im Oktober 2020, mit einer Spontandemonstration zu einem IB-Funktionär gezogen zu sein. Vor dem Wohnhaus des Nazis sollen circa 60 Antifaschist:innen eine unangemeldete Kundgebung abgehalten und danach das Haus mit etwas Farbe verschönert haben. (Auch hier: Solidarische Grüße an alle Betroffenen, ihr seid nicht alleine!)

Was wir feststellen können ist, dass sich die Form der Repression ändert. Zwar geht es den Behörden hier im Süden – anders als etwa in Sachsen – immer noch darum Einzelne für konkrete Vorwürfe hart zu bestrafen, aber das Auftreten der Ermittlungsbehörden ändert sich und wird martialischer. Wo noch vor einigen Jahren irgendwann Anklageschriften per Post eingetrudelt sind, werden jetzt reihenweise Türen eingetreten und Aktivist:innen zur Zwangs-DNA-Abnahme ins Krankenhaus geschleppt. Gleichzeitig reichen banale Vorwürfe, wie die Aktion in Konstanz, aus, um jahrelange Ermittlungen mit großem Aufwand zu rechtfertigen. Die Angriffe werden gezielter und qualitativer.

Ob wir wollen oder nicht, Repression ist immer dann ein Teil unserer politischen Arbeit, wenn wir tatsächlich etwas an den Verhältnissen ändern wollen. Wir tun aber gut daran uns von ihr nicht treiben zu lassen, sondern unsere Praxis anzupassen und weiter zu entwickeln. Die Zustände in der BRD – und damit auch die Auseinandersetzungen mit den Faschist:innen – werden sich in Zukunft unvermeidlich weiter zuspitzen. Fragen wie Knast, Jobverlust, etc. werden sich auch für breitere Kreise aufdrängen. Fragen, mit denen wir uns am besten präventiv und umfassend auseinandersetzen sollten – und zwar nicht nur die antifaschistischen Aktivist:innen, sondern die gesamte linke Bewegung.

Schon jetzt müssen wir die politischen Dimensionen der Repression begreifen. Natürlich zielen die Angriffe auf Vereinzelung und Einschüchterung, gleichzeitig soll aber auch der kämpferische Teil der Anti-Rechts-Bewegung isoliert werden. Der zunehmende Repressionsdruck und die Polizeistrategien sind in weiten Teilen eine unmittelbare Reaktion auf einen konsequenten und gleichzeitig verankerten Widerstand gegen Rechts. Diese wäre nicht notwendig, würde der Widerstand den Faschist:innen nicht tatsächlich schaden und den Behörden nicht zu schaffen machen.

Der Repression können wir nur durch nachhaltige Organisierung etwas entgegensetzen. Es gilt praktische Solidaritätsarbeit zu organisieren und konsequenten Antifaschismus politisch zu verteidigen. Zu beidem wollen wir als überregionale antifaschistische Organisation unseren Beitrag leisten. Schlussendlich gilt: Mehr werden, besser werden, weitermachen!