Die Auswirkungen von Nacht- und Schichtarbeit zerstören die Gesundheit und verringern die Lebenserwartung von Arbeiterinnen und Arbeitern.

In Stockholm erhielten drei Wissenschaftler den renommierten Nobelpreis für Medizin für ihre Forschung zur „inneren Uhr“. Diese innere Uhr kennt jede/r zu Genüge, die/der um 5 Uhr aufstehen muss, um zur Arbeit zu fahren, während man sich innerlich noch im Schlafmodus befindet. Diese innere Uhr ist nicht nur ein diffuses Gefühl, sondern Menschen, Tiere und Pflanzen folgen tatsächlich einem biologischen Rhythmus, unsere Zellen wissen ob Tag oder Nacht ist und wir passen uns damit dem Takt der Erdrotation an. Wie dieses biologische Uhrwerk funktioniert, haben die drei Nobelpreisträger Jeffrey C. Hall, Michael Rosbash und Michael W. Young herausgefunden:

Die Wissenschaftler haben bei Fruchtfliegen ein Gen ausfindig machen können, das den biologischen Rhythmus reguliert. Dieses Gen verschlüsselt ein Protein, das sich während der Nacht in der Zelle anreichert und während Tages abgebaut wird. Dieser Prozess wirkt sich wiederum unmittelbar auf unser Verhalten, die Essgewohnheiten, den Stoffwechsel oder auch Hormonlevel aus. Mit diesem Wissen lassen sich „geeignete oder ungeeignete“ Zeiten bestimmen, wie z.B. die beste Uhrzeit für geistige Arbeit, der Zeitraum unseres geringsten Schmerzempfindens und anderes. Um zu wissen, dass nachts die beste Zeit zum Schlafen ist, muss man kein Biologe sein, doch kann die Forschung uns auch Erkenntnisse darüber liefern, welche Folgen es hat, wenn unser Leben und unsere innere Uhr auf Kriegsfuß stehen.

Liegen biologische und soziale Zeit weit auseinander, etwa wenn wir schon malochen müssen, während der Körper gerade erst dabei ist, sich selbst hochzufahren, dann spricht man in der Chronobiologie vom „sozialen Jetlag“. Besonders negativ betroffen sind demnach ArbeiterInnen in Schichtarbeit mit einem Wechsel von Tag und Nachtschicht und reine NachtarbeiterInnen. Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Verdauungsprobleme, Nervosität, Reizbarkeit, depressive Verstimmungen, sowie Verminderung der Gedächtnis- und Denkleistung können die Folgen sein. Als Stressfaktor hat die Störung des inneren Tag-Nacht Rhythmus auch negative Auswirkungen auf den Blutdruck und die Herzfrequenz. Starkes Übergewicht, Diabetes und einige Krebsarten konnten als Folgen nachgewiesen werden. 10 Jahre Schichtarbeit lassen einen innerlich sechs Jahre zusätzlich altern und wirken sich somit sogar auf die Lebenserwartung der Betroffenen aus.

Über 5 Millionen Frauen und Männer (ca.16 Prozent der Beschäftigten) haben regelmäßig wechselnde Arbeitszeiten, um die 9 Millionen Arbeiter und Arbeiterinnen arbeiten teilweise oder ständig nachts. In einer rational und an den Bedürfnissen der Menschen orientierten Wirtschaftsplanung könnte die Nachtarbeit auf ein notwendiges Minimum reduziert werden. Es könnte dafür Sorge getragen werden, dass Menschen nur eine begrenzte Zeit ihres Lebens nachts arbeiten, Menschen ab einem gewissen Alter oder mit gesundheitlichen Vorbelastungen gar nicht mehr. Diejenigen, die dennoch nachts arbeiten müssten, könnten mit entsprechender zusätzlicher Freizeit entschädigt werden.

Zu all dem ist der Kapitalismus nicht im Stande. Hier arbeiten Menschen nicht nur deshalb nachts, weil manche Tätigkeiten das etwa erfordern, wie beispielsweise im Krankenhaus, sondern auch, weil der Profit-Durst des Kapitals keine Nachtruhe kennt –  oder warum sonst sollte eine Gesellschaft Autos in der Zeit von 22.00 und 06:00 Uhr zusammenbauen müssen? Die rationale Verwendung von Wissenschaft findet lediglich dann statt, wenn  sie der Profitmaximierung dient. So untersuchen einige Unternehmen jetzt etwa den individuellen Chronotypen ihrer MitarbeiterInnen, also, ob er/sie eher ein Tag- oder Nachtmensch ist. Zwar können unterschiedliche Typen Nachtarbeit besser bewältigen als andere, doch handelt es sich bei dabei eigentlich nur um eine Verschiebung von ungefähr 3 Stunden vom Normalrhythmus. Nachtmenschen sind keinesfalls dafür geschaffen, nachts zu schuften. Auch kommt etwa die Verwendung bestimmten Lichts in manchen Betrieben zur  Anwendung, das den Körper unterstützen kann, das Wachbleiben in der Nacht zu ertragen. Doch ändert das alles nichts an der schädlichen Wirkung der Nacht- und Schichtarbeit insgesamt. Vom Kapitalismus ist keine vernünftige und gesunde Arbeitsorganisation zu erwarten.