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Dienstag, Juni 18, 2024
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    Tarifstreik an Uniklinik: „Wir müssen selber Partei ergreifen und für ein besseres Leben kämpfen“

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    Am 3. Juni hat ver.di zu einem Warnstreik in den Universitätskliniken in Baden-Württemberg aufgerufen. Nach dem Streik in Freiburg haben wir von Perspektive Online mit Younis, der an der Uniklinik beschäftigt ist, gesprochen.

    Warum streikt ihr heute?

    Die Beschäftigten des Universitätsklinikums streiken heute, weil auf die Forderungen in den vorherigen Verhandlungen nicht genug eingegangen wurde. Die Situation der Personalausstattung, des Lohns und der Arbeitszeit muss deutlich verbessert werden. Vor allem für Azubis und Studierende, die frisch aus dem Studium kommen, ist es schwer, mit mangelnder Anleitung die herausfordernden Aufgaben zu übernehmen.

    Es braucht an diesen Stellen starke Verbesserungen, um mehr Menschen langzeitig in dem Berufsfeld halten zu können. Denn es gibt viele Kolleg:innen, die durch Krankheit, Überlastung, Resignation und Burnout frühzeitig aus dem Beruf ausscheiden. Auch gibt es hunderttausende fertig ausgebildete Fachkräfte, die aufgrund der oftmals katastrophalen Arbeitsbedingungen nicht in den Beruf gehen. Deswegen sind wir heute auf der Straße.

    Was sind eure konkreten Forderungen, um mit diesen Problemen umzugehen?

    Die Forderungen von der Gewerkschaft ver.di sind eine Erhöhung der Entgelte um 11 Prozent, aber mindestens 500 Euro mehr im Monat für die Beschäftigten, sowie 250 Euro für Auszubildende. Dazu kommt die Festlegung von Mindestpersonalausstattungen für alle Betriebe und die Vereinbarung eines Verfahrens zur Feststellung von Belastungssituationen und entsprechende Regelungen zum Belastungsausgleich – zum Beispiel einen freien Tag für drei unterbelegte Schichten. Außerdem soll es eine individuelle Wahlmöglichkeit beim Abschluss des Tarifvertrags geben, also ob mehr Geld oder mehr Zeit die Priorität ist.

    Das sind jetzt aber erst mal die anfänglichen Forderungen. Diese können sich in den Verhandlungen verändern.

    Der Arbeitgeberverband der Universitätskliniken sagt, dass an den Arbeitsbedingungen der Fachkräftemangel und nicht die Unternehmer:innen schuld sind. Was denkst du dazu?

    Das ist eine typische Position von den Chef:innen der Unternehmen, die damit die Last des Fachkräftemangels auf die Schultern der aktuellen Angestellten abwälzen. Die Fachkräfte wachsen natürlich nicht auf Bäumen und es muss Geld investiert werden, das nicht in den Taschen dieser Leute landen darf.

    Dazu gehört auch Freistellung von Personal, um Studierende und Azubis vernünftig anleiten zu können. Sie sollen an die Kompetenzen herangeführt werden, sie sollen daran wachsen und nicht überfordert werden. Denn der Fachkräftemangel liegt nicht daran, dass junge Leute nicht arbeiten wollen, sondern viele junge Leute werden durch die schlechten Arbeitsbedingungen abgeschreckt. Die eben genannten Forderungen können dem teilweise entgegenwirken.

    Die Forderungen von ver.di reichen bei der aktuellen Inflation nicht für echte Lohnsteigerungen aus. Wie ist die Stimmung in der Belegschaft dazu und was denkst du, wie echte Verbesserungen erkämpft werden können?

    Es ist unterschiedlich von Station zu Station und zwischen den einzelnen Arbeitsbereichen, da die Menschen unterschiedlichen Arbeitsbelastung ausgesetzt sind und es daher auch eine unterschiedliche Wahrnehmungen der Forderungen gibt. Viele Kolleg:innen haben nicht den „Durchblick“ mit was für Hintergrundprozessen diese Dinge zusammenhängen, z.b. die Landes- und Bundespolitik, aber auch internationale Entwicklungen.

    Es gibt aber allgemein die Tendenz zur Einsicht, dass sich grundlegend sehr viel verändern muss, um die Schließung wichtiger Stationsbereiche zu verhindern. Das wäre ein schwerer Schlag für die Allgemeinbevölkerung. Dem Widerspruch zwischen der Gewährleistung der Maximalversorgung, nach der Gesundheitsreform von Lauterbach und der gleichzeitigen profitorientierten Arbeitsweise des Uniklinikums sind sich die Leute sehr bewusst. Sie wollen auch Verantwortung für ihre eigene Zukunft übernehmen und gehen für sich als eigene Partei auf die Straße.

    Welche Rolle nimmt ver.di bei den Kämpfen ein?

    Aktuell gibt es noch keine starke Streikbewegung, die durchgehend, permanent das Unternehmen unter Druck setzen kann, auch wenn das auf der Kundgebung eben anders formuliert wurde. In diesem Moment ist ver.di nicht beteiligt am aktiven Verhindern von aufkeimendem Protestpotenzial. Aber es gibt – das beobachte ich und auch viele andere Kolleg:innen – eine passive Form von Nicht-Ausweiten des Streikpotenzials, trotz vorhandener Ressourcen. Es werden nicht alle Leute erreicht und das kann natürlich auch aufgrund der Einstellung der Leute, die da drin (a.d.R.: in der Gewerkschaft) arbeiten, sein.

    Um das Potential ganz auszuschöpfen, müsste man – bis in jeden Randbereich – alle Beschäftigten ansprechen. So bleibt es vor allem denen vorbehalten, die Langzeitmitglied sind oder sogar den Gewerkschaftssekretär:innen, die irgendwelche Posten haben und dann mal mit raus auf die Straße gehen.

    Aber wir werden sehen, wie es sich in den kommenden Wochen und Monaten entwickelt. Ich glaube aber, wenn die Streiklust der Beschäftigten zunimmt, wird man doch deutlich mehr sehen, dass sie manche selbst mitgebrachte Plakate oder Forderungen verbieten oder auch unterbinden, dass sich solidarisierende Organisationen Flyer verteilen können. Damit werden sie versuchen, die Bündelung der Kampfkraft niedrig zu halten.

    Wie kann man es schaffen, die Potenziale in der Belegschaft zu entfalten?

    Man muss versuchen, sich mit aktiven Menschen in- und außerhalb der Gewerkschaft zu vernetzen und zu zeigen, dass ein Zusammenhang mit anderen sozialen Bewegungen besteht. Das gelingt aber nur, wenn man langfristig Organisationen schafft, wo sich Menschen auch erst mal niederschwellig austauschen können und ihnen aber ermöglicht wird, ihr volles Potenzial zu nutzen.

    Abschließend kann ich nur sagen, dass sich weder durch Stellvertreter:innen oder die Wahl von irgendwelchen Parteien etwas an unseren Lebensbedingungen verbessern wird. Wir müssen selber Partei ergreifen und für ein besseres Leben, das wir wollen, auf die Straße gehen und kämpfen. Es wird sich zeigen, wer als ehrlichste Kraft mit uns kämpfen kann. In erster Linie sind das aber wir selbst und unsere Kolleg:innen und nicht die, die unsere Forderungen ständig zurückhalten.

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