Polizeigewalt: „Wenn euer Freund raus ist, soll er euch erzählen, wie die Polizei Hagen ist“ – erschreckende Audio-Datei veröffentlicht

Es sind verstörende Aufnahmen, die bei einer brutalen Polizeikontrolle Anfang Januar direkt vor einer Polizeiwache in #Hagen entstanden: ein Polizist schreit einen eingeschüchterten Jugendlichen vulgär an, später bricht der junge Mann aufgrund der Polizeigewalt gegen seinen 16-jährigen Bruder in Tränen aus. Im Interview mit Perspektive Online spricht ein Betroffener, Ali Alrifai, nun über das brutale Vorgehen der Polizei und seinen Wunsch nach Gerechtigkeit.

Die Aufnahmen sind nichts für schwache Nerven. Man hört wie ein Mann furchteinflößend und aggressiv Ali Alrifai anschreit: „Fahr los jetzt. Oder wollt ihr was klären. Komm raus hier Alter! Willst du Kollegen ficken, oder was. Hör zu! Verpiss dich hier! Komm nie wieder, Junge! Komm nie wieder hierhin!“

Dabei wird ihm noch mit Gewalt gedroht: „Gleich wirst du auch mal geschlagen, wenn du nicht die Fresse hältst.“ Und: „Du hast jetzt eine Minute Zeit. Wenn ich dich noch einmal wiedersehe, bist du der Nächste.“

Später hört man, wie Ali bittet, dass die Polizisten seinen Bruder in Ruhe lassen sollen. Er ist erst 16 Jahre alt. Ein Polizist kommentiert: „Jeder ist seines Glückes Schmied, sagt man so schön.“

Wir sprachen mit Ali Alrifai über die traumatisierenden Ereignisse dieser Nacht.

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In der kurzen Audiodatei hört man, wie ein Polizist sehr aggressiv droht und herumschreit. Wo ist das passiert und wie kam es dazu?

Die Aufnahme entstand direkt vor der Polizeiwache Hoheleye in Hagen am Freitagabend, den 7. Januar. Ich war dort mit meinen beiden Brüdern, um mich über das Verhalten der Polizei am Vorabend zu beschweren.

Zuvor am Donnerstag wurde ich von den Polizisten auf der Wache diskriminiert und geschlagen, während ich in der Polizeizelle war. Für mich war das, was sie mir angetan haben, Folter und ungerecht. Nachdem ich mit meinen Brüdern gesprochen hatte, wollten wir uns über das Verhalten dieser Polizisten beschweren. Ich hätte nie gedacht, dass die Polizei dermaßen aggressiv reagieren würde, schließlich sind wir hier in Deutschland.

Was ist am Abend vorher passiert? Wie kam es zu der Verkehrskontrolle und zu dem Bluttest?

Ich war abends mit einem Freund in Hagen unterwegs. Dann haben uns zwei Polizisten angehalten. Ich blieb die ganze Zeit kooperativ, doch dann haben sie mir in die Augen geleuchtet und behauptet, es hätte keine Pupillenreaktion gegeben, also sei ich auf Drogen. Dann habe ich einen Urintest gemacht, und die Polizisten behaupteten, ich hätte Amphetamine genommen. Das kann aber nicht sein, da ich nichts mit Drogen zu tun habe. Daraufhin haben sie mich gezwungen, mit ihnen auf die Polizeiwache Hoheleye zu gehen, um einen Bluttest zu machen.

Als ich auf die Wache kam, wurde es erst richtig schlimm. Als ich in der Zelle ankam, behandelten sie mich wie einen Kriminellen. Sie demütigten mich, kontrollierten meine Sachen und ich musste sogar die Tür auf lassen, als ich zur Toilette ging. Nur weil ich schwarze Haare habe, bin ich kein Drogenhändler. Ich bin nach Deutschland gekommen, bin hier zur Schule gegangen und arbeite hart. Ich habe Respekt verdient.

Als sie mir das Blut dann entnommen hatten, ging die Demütigung noch weiter. Meine Sachen lagen ja auf dem Zellenboden. Einer der Polizisten hob mein Portemonnaie auf, nur um es mir dann vor meine Füße zu werfen. Das soll unser Freund und Helfer sein? Ich wollte nur noch nachhause.

Sind die Polizisten auch direkt gewalttätig geworden?

Diese Polizisten verhalten sich wie legalisierte Kriminelle. Hätte ich das alles nicht selbst erlebt, ich hätte es niemals glauben können.

Nach dieser Aktion habe ich dem Polizisten gesagt, dass so ein Verhalten unmöglich ist. Darauf warfen sie mich zu Boden und einer stieg mit seinem Knie auf meinen Kopf und meinen Nacken. Dabei schrie er „Wer bist du? Was willst du machen?“. Ich rief nach Hilfe und hatte solche Schmerzen. Bald konnte ich nicht mehr atmen und ich sagte es den Polizisten. Während dieser gewalttätigen Misshandlung stand ich unter Schock, ich habe gezittert und geweint. Selbst wenn ich mich hätte wehren wollen, hätte ich es nicht gekonnt. Ich war ihnen komplett ausgeliefert.

Währenddessen warteten mein Freund und mein Bruder draußen vor der Wache auf mich. Auch sie wurden dann von Polizisten angesprochen. Die Polizisten sagten: „Wenn euer Freund raus ist, soll er euch erzählen, wie die Polizei Hagen ist“.

Diese Polizisten verhalten sich wie legalisierte Kriminelle. Hätte ich das alles nicht selbst erlebt, ich hätte es niemals glauben können.

Die Polizei Hagen hat sich mittlerweile auch zu der Nacht geäußert. Was denkst du zu der Darstellung der Polizei?

Als ich das gelesen habe, war ich wirklich schockiert. Ich habe die Polizisten nicht angegriffen und ich habe auch nichts mit Amphetaminen zu tun. Was sie mir vorwerfen, ist unglaublich. Mir wurde Unrecht getan und dann schreiben sie auch noch so etwas über mich. Das war unfassbar.

Man kann auf den Audioaufnahmen auch hören, wie jemand vor Schmerzen schreit. Was genau ist da bei der Polizeiwache passiert?

Am Tag darauf wollten wir uns über dieses Verhalten der Polizisten beschweren. Wir dachten, dass es auf der Polizeiwache bestimmt auch gute Polizisten gibt, die uns helfen können. Als ich dann mit meinen Brüdern in die Wache kam, wurden wir sehr schnell wieder raus geschickt. Ein Polizist gab uns 10 Sekunden, um die Wache zu verlassen. Mein älterer Bruder Oadi Alrifai wollte aber trotzdem die Beschwerde einreichen. Er spricht auch nicht so gut deutsch und verstand den Polizisten nicht richtig. Kurz darauf nahmen sie ihn fest und brachten ihn in eine Zelle.

Also startete ich eine Audioaufnahme mit meinen Handy und legte es in meine Jackentasche.

Ich und mein jüngerer Bruder hatten damit nicht gerechnet. Dann gingen wir zum Auto und wollten wegfahren. Plötzlich kommen etwa 6-8 Menschen aus der Wache. Ich hatte ein ungutes Gefühl im Magen, schließlich bin ich am Vorabend dort in der selben Wache misshandelt worden. Also startete ich eine Audioaufnahme mit meinen Handy und legte es in meine Jackentasche.

Hier beginnt also die Audioaufnahme, die du auch veröffentlicht hast. Wie verhielten sich die Polizisten anschließend?

Sofort leuchteten mir die Polizisten mit ihren Taschenlampen in meine Augen. Sie wurden laut und schrien mich an. Wieder stand ich unter Schock, ich hatte die Geschehnisse des letzten Abends noch nicht verarbeiten können und jetzt passierte wieder so etwas. Ich zitterte am ganzen Körper.

Dann ist mein kleiner Bruder ausgestiegen. Er fragte die Polizisten: „Warum schreien sie so?“. Diese schubsten ihn dann und befahlen ihm einzusteigen. Während dieser Zeit schrien sie mich weiter an. Sie wollten uns in Angst und Schrecken versetzen. Das hört man auch auf den Audioaufnahmen. Einer sagte zu uns: „Kommt nie wieder hier hin!“.

Mein Bruder wollte einsteigen und fragte die Polizisten, warum sie ihn schubsen und weiter blenden. Dann beschlossen sie, ihn auch noch festzunehmen. Erst dachten wir, er würde jetzt ganz normal in die Wache genommen werden, doch sie misshandelten auch ihn schwer. Einer der Polizisten schlug auf sein Auge. Dann wurde er auf den Boden gedrückt, es wurde auf sein Rücken eingeschlagen und ein Polizist trat ihn mit seinem Knie ins Gesicht. Darauf wurde er gefesselt und in eine Zelle geworfen.

Zwei Polizisten waren bei mir, ich habe sie gebeten ihn in Ruhe zu lassen. Er ist erst 16 Jahre alt!

Wie geht es euch jetzt körperlich und psychisch?

Mein Bruder hat überall Schmerzen. Er hat Wunden im Gesicht und Verletzungen am Rücken. Dazu kommt noch, dass ihm diese Situation psychisch riesige Schäden verursacht hat. Jedes Mal, wenn er eine Polizeistreife sieht, hat er nun Angst. Das Sicherheitsgefühl ist nicht mehr da.

Jedes mal, wenn er eine Polizeistreife sieht, hat er nun Angst.

So geht es auch mir, schon der erste Abend hatte katastrophale Wirkungen auf meine Psyche. Ich hatte Angst, dass sie vielleicht zu mir nachhause kommen würden, um mir noch Schlimmeres anzutun. Dabei bin ich froh, dass ich diese Aufnahme habe, denn ich kann diese Sache nicht ruhen lassen, bis mir Gerechtigkeit widerfährt.

Aus welchem Grund habt ihr euch entschlossen, damit in die Öffentlichkeit zu gehen?

Viele haben zu mir gesagt, ich solle mich nicht mit der Polizei anlegen, doch ich kann bei solch einem Unrecht nicht schweigen. Was sie meinen Brüdern und mir angetan haben, ist unfassbar. Ich denke einfach nur, wenn jeder seinen Mund hält, dann werden solche Sachen wieder und wieder passieren. Zum Glück habe ich die Audio-Aufnahme. Ich will, dass jeder in diesem Land mitbekommt, was für ein Unrecht geschehen ist. Ich möchte, dass Deutschland sieht, dass Polizisten, die so etwas machen, eine Strafe bekommen. Ich möchte Gerechtigkeit.

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Mittlerweile hat die Polizei Wuppertal die Ermittlungen in diesem Fall übernommen – “aus Neutralitätsgründen”. Erst kürzlich starb der junge Grieche Giorgos Zantiotis im Polizeigewahrsam in Wuppertal. Die Ermittlungen zu Zantiotis Tod wurden bis zur Einstellung des Ermittlungsverfahrens von der Polizei Hagen geleitet.


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