Wieso heute keine Verlängerung, sondern die Verkürzung des Arbeitstags notwendig ist.

Der 8-Stunden Arbeitstag gilt heute zwar noch per Gesetz, doch ist dieses Gesetz mittlerweile durchlöchert durch zahlreiche Ausnahmeregelungen. So gehört für viele ArbeiterInnen ein 10-Stunden Arbeitstag zur Realität. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – auch beschönigend die „5 Wirtschaftsweisen“ genannt – bezeichnet den 8-Stundentag in seinem aktuellen Jahresbericht als „nicht mehr zeitgemäß“ und empfiehlt eine Flexibilisierung.

Tatsächlich ist der gesetzliche 8-Stunden Tag nicht mehr zeitgemäß, er ist mittlerweile fast 100 Jahre alt. Seitdem sind nicht nur die Zahl der erwerbstätig Beschäftigten, sondern auch die Produktivität der Arbeit durch den Einsatz modernster Produktionsanlagen gewaltig gestiegen. Der Arbeitstag hätte also längst zu Gunsten von mehr Freizeit drastisch verringert werden müssen.

Der bürgerliche Ökonom John Maynhard Keynes beschrieb im Jahr 1928 in seinem Aufsatz „Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder“ seine Vorstellung davon, wie im Jahr 2030 gewirtschaftet werden würde. Unter anderem finden wir in dieser Schrift die Vorstellung von einer 15 Stunden-Woche beziehungsweise eines 3 Stunden-Tages: Dies würde absolut ausreichen für die Produktion zur Befriedigung der Lebensbedürfnisse. Was Keynes damals jedoch nicht weiter verfolgt hat, ist, dass dies nur im Kampf gegen den Kapitalismus durchgesetzt werden kann – bis hin zur Errichtung eines Sozialismus.

Der gesetzliche 8-Stundentag in Deutschland zum Beispiel war das Ergebnis der Novemberrevolution 1918. Die Kapitalisten konnten in diesen Jahren ihre Macht nur deshalb erhalten, weil sie neben der gewaltsamen Niederschlagung der Revolutionäre, der ArbeiterInnenklasse weitreichende Zugeständnisse machten. Nun, 99 Jahre später, wäre es also mehr als überfällig, abermals eine Verkürzung der Arbeitszeit zu erkämpfen. Stattdessen blasen aber die neoliberalen Eliten dieses Landes von der anderern Seite zum Angriff gegen das Arbeitszeitgesetz.

In ihrem aktuellen Vorstoß geht es darum, das Arbeitszeitgesetz zu ‚flexibilisieren‘. Die maximale Stundenzahl solle künftig auf die Woche angelegt sein und nicht auf den Tag. Unternehmen könnten somit je nach Bedarf die ArbeiterInnen an dem einem Tag 6 Stunden und zum Ausgleich am anderen Tag 10 Stunden arbeiten lassen. In der über globale Produktionsketten vernetzten und digitalisierten Just-in-Time Produktion wäre eine solche Gesetzesänderung von höchstem Interesse für die UnternehmerInnen. Für die ArbeiterInnen aber würde das bedeuten, das gesamte Leben noch mehr nach den Bedürfnissen des Unternehmensprofits ausrichten zu müssen –  auf Kosten der eigenen Notwendigkeiten. Denn die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt führt dazu, sich den Anforderungen des Kapitals nicht entziehen zu können.

Auch die Mindestruhezeit zwischen 2 Arbeitstagen soll von 11 auf 9 Stunden gekürzt werden, wobei natürlich der Arbeitsweg zur Ruhezeit gezählt wird. Es besteht zu befürchten, dass solche Änderungen, die auf der Tagesordnung der Jamaika-Sondierungsgespräche stehen, erst den Anfang zu einer stetigen Aushöhlung des Arbeitszeit-Gesetzes darstellen.

Die 5 Wirtschaftsweisen führen als Argumente für ihre Position den globalen Wettbewerb und die Anforderungen einer digitalisierten Produktion an. Hiermit dichten sie diesen Klassenkampf ‚von Oben‘ zu einer ’nationalen‘ Sache um. Sie behaupten, dass die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands im Interesse aller sei. Mit solch einer Politik und Propaganda treiben sie vermutlich zukünftig noch mehr Menschen in die Arme der Faschisten, wenn die Armen und Ausgebeuteten den technischen Fortschritt, die Wissenschaft und Globalisierung nicht mehr als Segen, sondern eher als Fluch begreifen.

Automatisierung und Digitalisierung machen die menschliche Arbeitskraft immer überflüssiger und bereiten den Boden für eine radikale Arbeitszeitverkürzung. Unter der Regie des Kapitals jedoch fällt jeder weitere Modernisierungsschub zum Nachteil für das Proletariat aus. Die Flucht in irrationale und anti-moderne Ideologien sind die Folgen dieser Entwicklung.

Hinter der Weisheit ‚unserer‘ Wirtschaftsweisen steckt nichts anderes als die Profitlogik des Kapitals. Sie sind keine unabhängigen BeraterInnen und WissenschaftlerInnen, sondern PredigerInnen einer extremen Ideologie des ‚freien Marktes‘. Sie sind Teil eines Netzwerks neoliberaler Thinktanks und der intellektuellen Elite der Kapitalistenklasse. Mit 3 von 5 Mitgliedern, die in direkter Verbindung zum Netzwerk der „Mont Pèlerin Gesellschaft“ stehen, sind sie die ideologischen Erben von Hayek und Friedman, den Gründervätern des Neoliberalismus.