Ein Kommentar von Lisa Alex

Die Frau als Unterdrückte oder Minderwertige wird oft auf längst vergangene Zeiten datiert oder als Problem anderer Länder erklärt. Es gibt tatsächlich viele Verbesserungen zu früheren Zeiten. Wir dürfen wählen, können unser Leben ohne Heirat verbringen, dürfen ohne Erlaubnis unseres Ehemannes einen Beruf ausüben oder Auto fahren. Diese Verbesserungen, die uns mehr Selbstständigkeit geben, sind uns aber keinesfalls geschenkt worden. Unsere Mütter, Großmütter und Urgroßmütter haben dafür harte Kämpfe geführt – und dennoch sind wir heute nicht frei von unseren Fesseln.

Arbeiterinnen werden wie auch ihre Klassenbrüder von den Kapitalisten ausgebeutet. Die Bedingungen für Frauen sind an ihrem Arbeitsplatz oft noch härter als die ihrer männlichen Kollegen. Sie werden nicht selten geringer bezahlt, sind Diskriminierung und Vorurteilen ausgesetzt. So werden ihnen körperliche Arbeiten nicht zugetraut, was sie von bestimmten Tätigkeiten von vornherein ausschließt.

Etwa ein Viertel aller Frauen muss zudem Erfahrungen mit sexueller Belästigung bei der Arbeit machen.

Nach der bezahlten Arbeit wartet dann zuhause noch der Haushalt auf sie. Putzen, kochen, waschen, aber auch die Kinder betreuen oder Angehörige pflegen gehören nach wie vor zu den Aufgaben, die überwiegend Frauen erledigen. Männer leisten in diesem Bereich etwa 60% weniger an Arbeit.

Bei der Kindererziehung spielt das Vorhandensein von Kitas oder anderen Betreuungseinrichtungen eine große Rolle. Erst kürzlich wurde bekannt, dass es immer noch eine Betreuungslücke von 300.000 Plätzen für Kinder ab dem Alter von einem Jahr gibt. Das trifft Alleinerziehende, die immerhin 20% der Familien ausmachen, besonders hart. 90% der Alleinerziehenden sind Frauen.

Durch Kindererziehung oder Pflege von Angehörigen, oder schlichtweg, weil sie keine andere Arbeit finden, sind mehr Frauen überhaupt nicht oder in Teilzeit beschäftigt. 2016 waren 6,8 Millionen Frauen in einer Teilzeitbeschäftigung – dagegen nur 1,7 Millionen Männer. Dadurch, und weil typische Frauenberufe schlechter bezahlt werden, machen Frauen auch den Großteil der Geringverdiener aus.

Typische „Frauenberufe“ sind Altenpflegerin, Erzieherin oder andere Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen. Männerdomänen dagegen sind das Bauwesen, die Produktion oder auch die Energieversorgung. Teilweise machen sie dort fast 90% der Beschäftigten aus.

Die geringere Bezahlung führt dazu, dass Frauen finanziell von ihren Partnern, ihrer Familie oder staatlicher Unterstützung abhängig sind. Außerdem sind sie deshalb umso mehr von Altersarmut bedroht. Ökonomische Unabhängigkeit ist aber die Grundvoraussetzung, um frei und selbstbestimmt zu sein.

Von klein auf werden Menschen, je nach ihrem Geschlecht, unterschiedlich erzogen. Jungen werden dazu erzogen stark zu sein und sich durchzusetzen. Mädchen dagegen wird Verletzlichkeit und Zurückhaltung beigebracht. Frauen werden so von Kindesalter an zu den „Männern Unterlegenen“ gemacht.

Hinzu kommen alltägliche Gewalterfahrungen, mit denen Frauen klein gehalten werden. Diese Gewalt fängt bei anmachenden oder erniedrigenden Sprüchen an. Aber auch die Belästigung auf der Straße oder in der Kneipe gehören dazu. Von psychischer Gewalt, wie Einschüchterung oder Drohungen, sind etwa 42% der Frauen betroffen.

Nicht zuletzt findet Gewalt aber im vermeintlichen Schutzraum der Familie oder Partnerschaft statt. Etwa jede vierte Frau hat mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexualisierte Gewalt durch ihren (Ex-)Partner erfahren, 2015 wurden 131 Frauen von ihren (Ex-)Partnern ermordet.

Wir sind heute nicht frei von unseren Fesseln. Wir sind nach wie vor sowohl als Arbeiterinnen, als auch als Frauen unterdrückt. Jede von uns erfährt Unterdrückung, auch wenn wir sie individuell unterschiedlich erleben. Das darf aber kein Grund sein, dass wir den Kopf in den Sand stecken. Denn unsere Mütter, Großmütter und Urgroßmütter haben gezeigt – es lohnt sich zu kämpfen!