Zur Präsentation der neuen KiGGS-Studie – ein Kommentar von Anton Dent

Am 15. März wurde die „Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“ (KiGGS) des Robert Koch-Instituts präsentiert. Die Daten der jüngsten Studie stammen aus den Jahren 2014 bis 2017. Für die KiGGS-Erhebung wurden mehr als 25.000 Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 17 Jahren und Eltern befragt. KiGGS beinhaltet wiederholt durchgeführte, repräsentative Querschnittserhebungen.

Der Studie nach sind 15,4 % der Kinder und Jugendlichen übergewichtig und 5,9 % fettleibig. Zwar habe sich der Trend zur Übergewichtigkeit seit der letzten Erhebung nicht erhöht, sei aber immer noch besorgniserregend hoch. Übergewichtigkeit und Fettleibigkeit haben für die Betroffenen erhebliche gesundheitliche Risiken. So stehen ein erhöhter BMI (Body Mass Index) mit Herzkreislauferkrankungen, Stoffwechselstörungen und Typ 2 Diabetes in engem Zusammenhang. Als wichtige Ursache von Übergewicht und Fettleibigkeit gilt der Konsum von zuckerhaltigen Erfrischungsgetränken, der in der KiGGS Studie ebenfalls untersucht wurde. 13,7 der Mädchen und 17,6 % der Jungen trinken 1-3 mal am Tag solche Getränke.

Ebenfalls gesundheitlich relevant ist der hohe Bewegungsmangel der Jugendlichen. Nur 22,4 % der Mädchen und 29,4 % der Jungen erreichen die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlene Tagesaktivität von 60 Minuten. Die körperliche Aktivität der Heranwachsenden ist im Vergleich zu früheren Untersuchungen sogar gesunken.

Gesundheit als Klassenfrage

Bei allen untersuchten Bereichen konnte ein starker Zusammenhang zwischen dem sozialen Status und den gesundheitsgefährdenden Faktoren festgestellt werden. So ist der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit Übergewicht aus Familien mit niedrigem sozialem Status wesentlich höher als bei jenen aus Familien mit mittlerem oder hohem sozialem Status. Kinder aus ärmeren Familien bewegen sich deutlich weniger, trinken häufiger zuckerhaltige Getränke und rauchen häufiger. Beim Thema Rauchen in der Schwangerschaft wird der Zusammenhang zur Klassenzugehörigkeit besonders deutlich. Der Anteil der Mütter mit einem Kind zwischen 0 und 6 Jahren, die während der Schwangerschaft geraucht haben, ist insgesamt auf 10,9 % gesunken. Doch liegt der Anteil der in der Schwangerschaft rauchenden Frauen mit niedrigem sozialem Status bei 27,2 %, während er bei Frauen mit hohem sozialen Status bei 1,6 % liegt.

Die Ergebnisse zeigen, das Kinder aus proletarischem Elternhaus ein viel größeres Risiko haben, im späteren Leben schwere gesundheitliche Probleme zu bekommen, die verbunden sind mit einer niedrigeren Lebenserwartung.

Dicke Profite mit dicken Kindern

Dass politische Interventionen einen Effekt haben, zeigt das Sinken der Anzahl an rauchenden Kinder und Jugendlichen. Während zwischen 2003 und 2006 noch 21,4 % der Befragten geraucht haben, sind es nun „nur“ noch 7,2 %. In diesem Zeitraum sind die Besteuerung von Tabakwaren stark gestiegen, die Regelung von Werbung verschärft und Schockbilder auf Zigarettenpackungen platziert worden. Auf der anderen Seite kann man den Eindruck gewinnen, als sei Weihnachten eine Marketing-Veranstaltung von Coca-Cola.

Die Lebensmittelindustrie wehrt sich schon seit Jahren erfolgreich gegen die Verpflichtung einer eindeutigen und gut leserlichen Inhaltsangabe auf ihren Produkten. Zucker zum Beispiel versteckt man unter Bezeichnungen wie Glukosesirup, Fruktose, Maltosesirup, Invertzucker, Milchzucker, Malzextrakt, Süßmolkepulver, Karamellzucker- Sirup etc. Sie haben kein Interesse daran, dass man auf dem ersten Blick erkennen kann, dass in einer Capri Sonne 12 Zuckerwürfel enthalten sind, in eine Flasche Ketschup um die 60 oder 11 in einem Becher Fruchtjoghurt. Zucker ist günstig, sorgt für erhöhtes Verlangen und führt so zu mehr Konsum, was den Hersteller freut. Studien zum Konsumverhalten von Kindern zeigen, dass diese besonders anfällig für Werbung sind und nach entsprechenden Werbe-Clips häufiger zu extrem zuckrigen oder fettigen Snacks und Getränken greifen.

Die Lebensmittelindustrie ist hochgradig monopolisiert und hat dadurch starken Einfluss auf die Politik, welche notwendige Schritte zur Bekämpfung von Übergewicht und Fettleibigkeit unterlässt. Profitinteresse und gesundheitliche Ernährung stehen im Widerspruch zueinander und sind somit ein gesellschaftlicher Konflikt. Die Tatsache, dass von den negativen Folgen falscher Ernährung vor allem Kinder aus proletarischen Familien betroffen sind, macht das Ganze zu einer Klassenfrage. Die von der Industrie und den Neoliberalen verbreitete Ideologie, nach der die KonsumentInnen selbst für ihre schlechte Ernährung verantwortlich seien, gehört zurückgedrängt. Nicht das Umdefinieren von Schönheitsnormen, sondern der Kampf gegen die Lebensmittelindustrie gehört in den Mittelpunkt klassenkämpferischer Politik.

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