Die Zerstörung unserer Umwelt und damit unserer Lebensgrundlage ist nichts Neues sondern altbekannt. Als weiteres trauriges Beispiel: Wie der Ölkonzern Shell in einer Region in Afrika für eine humanitäre Katastrophe sorgt. – Ein Kommentar von Nick Bolters

In einem eigentlich sehr artenreichen und biologisch wertvollen Ökosystem in Nigeria liegt das Niger-Delta.

Das Niger-Delta ist eines der größten Feuchtgebiete der Erde, das ebenso wie die hier existierenden Mangroven-Wälder zahlreiche vor dem Aussterben bedrohte Arten, wie z.B. das Zwergflusspferd oder das Sumpfkrokodil, beherbergt.

In diesem Delta leben etwa 31 Millionen Menschen auf einer Fläche von ca. 1000 Quadratkilometern. Unter ihnen befindet sich auch die Volksgruppe der Ogoni, zu der ca. eine halbe Million Menschen gehören. Sie leben dort als SelbstversorgerInnen, ernähren sich vom Fischen und bestellen ihre Felder an dem bis vor wenigen Jahren noch so fruchtbaren Ufer.

Doch die Lebensgrundlage der lokalen Bevölkerung wird seit Jahren akut bedroht. Dieses Ökosystem, das für Mensch und Natur lebensnotwendig ist, wurde bereits und wird weiterhin nachhaltig geschädigt. Denn: Durch das gesamte Niger-Delta ziehen sich seit 1950 zahlreiche Öl-Pipelines, die zum größten Teil dem britischen Konzern Shell gehören, der in der ehemaligen britischen Kolonie Nigeria bis heute Sonderrechte besitzt und diese in seinem Profitinteresse ausnutzt, um Öl zu fördern.

Ölförderung und Bevölkerung

2,5 Millionen Barrel Öl werden täglich in Nigeria zu Tage gebracht. Nigeria ist somit der achtgrößte Erdölexporteur der Welt, und das Land hat seit 1960 in etwa 60 Milliarden Euro durch die Ölförderung verdient. Doch von diesem Geld kommt nichts bei der lokalen Bevölkerung an. Im Gegenteil, die einheimische Bevölkerung im Niger-Delta leidet massiv unter der existenzvernichtenden Ölförderung .

„Am Anfang waren wir alle glücklich über die Ölfunde und hatten große Erwartungen. Doch was hat der Reichtum unter der Erde am Ende gebracht? Verluste, Verluste und nochmal Verluste,“ sagt Emmanuel Kokorifa, Dorfvorsteher der Ogoni zu diesem Umstand. Denn trotz anfangs großer Hoffnungen der ohnehin schon armen Bevölkerung stellten die Ölfunde sich für sie letztendlich als Fluch heraus und das Öl als schwarze Pest.

So sind in den letzten fünfzig Jahren aufgrund mangelnder Sicherheitsstandards durch Unternehmen wie Shell nach Expertenschätzungen mehr als zwei Millionen Tonnen Rohöl in das Ökosystem des Niger-Deltas gelangt. Diese laufen ununterbrochen aus Lecks in den Öl-Pipelines aus, verschmutzen die Natur und zerstören die Lebensgrundlagen der Menschen.

Das auslaufende Öl legt sich auf die Äcker und fließt in die Seitenarme des Nigers. Insgesamt sind im gesamten Delta bereits mindestens 2000 Orte vom Öl verseucht. Als Folge sterben die Fische in den verseuchten Gebieten, die aber die wichtigste Nahrungs- und Einnahmequelle für die Menschen darstellen. Einige Laichgründe in der Region sind inzwischen schon nachhaltig geschädigt. Die Menschen sind gezwungen, das mit Öl verschmutzte Wasser zu trinken, den mit Öl kontaminierten Fisch zu essen und die von Öl und Gas verseuchte Luft einzuatmen, was zu schwerwiegenden gesundheitlichen Problemen bis hin zum Tode führen kann.

Kolonialmacht, Staat und Widerstand

Die betroffenen Regionen werden in Nigeria schlichtweg nicht vom Öl gesäubert, obwohl dies gesetzlich vorgeschrieben ist. So verlangen die nigerianischen Ölgesetze nach solchen Unfällen eine „schnelle und effektive Reinigung“ der kontaminierten Orte, die von den betreibenden Ölfirmen ausgeführt werden muss. Der Konzern Shell betreibt die meisten Ölanlagen in der Region und ist damit zuständig für die Reinigung und auch die Entschädigung der Betroffenen bei Störfällen an seinen Anlagen. In den meisten Fällen bleibt beides jedoch aus. Der nigerianische Staat sieht sich hierbei offenbar nicht in der Verantwortung, die geltenden Gesetze und Umweltstandards auch durchzusetzen, was damit zusammenhängt, dass er maßgeblich auf die Einnahmen der Ölförderung angewiesen ist und somit unter massivem Druck des ehemaligen britischen Kolonialherrn steht. 85 Prozent des Staatshaushalts in Nigeria werden mit Öleinnahmen bestritten. Angesichts dieser riesigen Menge an Geld hat der Staat also nur wenig Interesse daran, Menschenrechte zu verteidigen.

Das haben auch die Menschen im Niger-Delta erkannt. Allein gelassen von der Regierung, wurde bereits 1989 die „Bewegung für das Überleben des Ogoni-Volkes“ unter der Leitung des Schriftstellers Ken Saro Wiwa gegründet, die mit gewaltfreien Aktionen politische und kulturelle Autonomie für die Ogoni, für die Sanierung der beschädigten Gebiete sowie für die Beteiligung der Ogoni an den Erdöleinnahmen forderte. Es wurden Proteste organisiert, die ihren Höhepunkt in einer Demonstration 1993 fanden, an der sich etwa 300.000 Menschen beteiligten. Unter Einsatz eines massiven Militäraufgebots ging die Regierung damals gegen die AktivistInnen vor, wobei es zu eklatanten Menschenrechtsverletzungen, unter anderem zu Tötungen, Vergewaltigungen, Folterungen und dem Niederbrennen ganzer Dörfer kam.

Die Anführer der „Bewegung für das Überleben des Ogoni-Volkes“, darunter auch Ken Saro Wiwa, wurden daraufhin verhaftet und angeklagt. Ein eigens hierfür eingerichtetes Tribunal verurteilte Ken Saro Wiwa und acht weitere Mitglieder der Bewegung zum Tode. Alle neun wurden am 10. November 1995 öffentlich erhängt.

War das Ölunternehmen Shell in diesen Prozess verstrickt?

„Die Dokumente zeigen, dass Shell die nigerianische Regierung wiederholt dazu ermutigt hat, die Proteste niederzuschlagen, obwohl das Unternehmen über die grauenhaften Folgen seiner Einmischung Bescheid wusste,“ sagt Audrey Gaughran, Direktorin für globale Themen bei Amnesty International diesbezüglich. Zusätzlich bezahlte Shell unter anderem die Militärtransporter und Militärkommandanten für diese Aktionen.

Der Widerstand der Ogoni wurde so zunächst also unterdrückt – der Grund für die Unruhen blieb jedoch bestehen.

Der Widerstand geht weiter!

So gründete sich 1999 die erste bewaffnete Rebellengruppe in der betroffenen Region. Um Schadensersatz und die Beteiligung an der Kontrolle des Erdöls zu erzwingen, wurden und werden von diesen Rebellen zunehmend Ölpipelines zerstört, blockiert, Erdöl gestohlen und Ölarbeiter gekidnappt. Dieses Vorgehen der Aufständischen im Nigerdelta rührt vor allem von ihrer eigenen Perspektivlosigkeit, da sie – vom Staat allein gelassen – auf einem Stück Land zu leben gezwungen sind, das jeden Tag unbewohnbarer wird und nichts zu bieten hat – außer Armut.

Die Vergeltungsmaßnahmen der Regierung gegen die Rebellen sind regelmäßig mit übermäßiger Gewalt auch gegenüber Unbeteiligten verbunden. Statt dafür zu sorgen, dass Menschenrechte geschützt werden, sorgt der nigerianische Staat also dafür, dass groß angelegte Militärinterventionen gegen Menschen ausgeführt werden, deren fundamentalste Rechte verletzt wurden und werden.

Was heißt das?

Dieses Beispiel zeigt auf erschreckende Weise, wie der Kapitalismus funktioniert. So werden in Nigeria Menschenrechte und Umweltschutz hinter die Profitinteressen von Konzernen und Regierung gestellt, und Menschen, die dagegen ankämpfen, werden aufs Schärfste kriminalisiert und auf Druck der „ehemaligen“ Koloniemächte bekämpft und ermordet.

Dieses skrupellose und menschenverachtende Vorgehen von Großkonzernen wie Shell ist weltweit zu verzeichnen: Für den größtmöglichen Profit zerstört die kapitalistische Wirtschaftsweise nicht nur ganze Regionen und jahrtausendealte Kulturen und Lebensweisen wie die der Ogoni und begeht somit einen regelrechten Völkermord. Sie zerstört auch die gesamte Grundlage menschlicher Existenz.