Beim CSD 2016 in Köln erlebt der junge Sven W. heftige Polizeigewalt, er wird verletzt und ohne Kleidung aus dem Präsidium entlassen. Die Täter der Polizei kehren die Geschichte um, wollen ihn zum Täter machen. Aber er gibt im Kampf um Gerechtigkeit gegen die homofeindliche Polizeigewalt nicht auf. – Bericht und Kommentar von Olga Wolf

Im Sommer 2016 nahm Sven W. wie 950.000 Menschen am Christopher Street Day in Köln teil. Er fuhr auf dem Wagen mit dem Motto „Positiv Handeln“ der Aidshilfe NRW. In einer Pause wurde Sven in einen Streit verwickelt, als die Polizei eintrifft, ist der Agressor schon längst fort. Zu diesem Zeitpunkt sitzt Sven ruhig da, dennoch übt ein Polizist an ihm einen Blendschlag aus. Sein Kopf schlägt gegen die Wand und er ist für mehrere Minuten außer Gefecht gesetzt. Ein „Schmerzreiz“ in Oberarm und Brustbereich durch einen weiteren Polizisten wecken den jungen Kölner auf, bevor er festgenommen wird.

Vor dem Polizeiauto treten und prügeln mindestens neun Polizisten auf Sven ein. Einer der Beamten beleidigt ihn als „dumme Schwuchtel“ und macht damit seine Homofeindlichkeit offensichtlich.

Misshandlung in Polizeigewahrsam in Köln-Kalk

Insgesamt verbringt Sven W. sieben Stunden in Polizeigewahrsam. Diese Zeit muss er in Unterwäsche und T-Shirt verbringen. Außerdem nehmen die Polizisten ihm Blut ab, ohne die dafür notwendige Erlaubnis einzuholen. Er muss regelmäßig Medikamente einnehmen, in Gewahrsam werden diese ihm erst auf Nachfrage zugänglich gemacht. Dabei wird Sven erneut von einem Beamten getreten und beschimpft.

Als der junge Mann kurz nach Mitternacht entlassen wird, ist seine Kleidung durchnässt. Seine Eltern fahren ihn in die nächste Notfallambulanz, wo zahlreiche Verletzungen durch die Polizei festgestellt werden. Von „Striemen und Schürfungen“ am gesamten Körper und einer Schädelprellung ist die Rede.

Skandalöse Anzeigen und Gerichtsverfahren

Sven machte die brutalen Erlebnisse auf facebook öffentlich in der Hoffnung, ZeugInnen zu finden. In dieser Zeit wird gegen ihn Anklage erhoben wegen „Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte“ und „falscher Verdächtigung“. Diese soll sich wohl auf seine facebook-Posts beziehen. Nach zwei Jahren der Unsicherheit spricht das Landgericht ihn unter Tränen frei, Svens Fall sei beschämend.

Doch die Staatsanwaltschaft ist davon nach wie vor unbeeindruckt. Sven W. soll nach der heftigen Gewalt durch Beamte und Jahren voller nervenaufreibender Gerichtstermine immer noch keine Ruhe haben.

CSD-Verein zeigt sich unsolidarisch

Die OrganisatorInnen des CSD haben zunächst ihre Chance verpasst, sich mit Sven als Teil der queeren Community zu solidarisieren. Als Aktive für die Rechte von Mitgliedern der LGBT-Gemeinschaft sollten sie wohl wissen, wie häufig rechte und Polizeigewalt auch an schwulen Männern vorkommt.

Doch stattdessen befand der Verein, dass das Ansehen der Pride Parade Schaden nehmen könnte, würde Sven seine Erlebnisse öffentlich machen. Statt mit dem Betroffenen, der nun schon seit Jahren gegen die homofeindliche Polizeigewalt vorgeht, solidarisierten sie sich mit der Polizei. Der neue Vorstand des KLuST e.V., der die ColognePride organisiert, hat sich nun von dieser Haltung distanziert und versichert Sven volle Solidarität.

Langfristige Belastung

Die körperlichen Wunden, welche die homofeindlichen Beamten ihm zugefügt haben, sind verheilt. Doch auch die Ungewissheit in den Gerichtsprozessen und der Fakt, dass er als Täter dargestellt wird, zehren an seinen Kräften. „Leider will die Staatsanwaltschaft den Fall wieder aufrollen, das belastet mich, da ich wegen der Geschichte sowieso traumatisiert bin, enorm.“ Auch durch einen Zusammenbruch und depressive Stimmungen ist seine finanzielle Situation schwierig.

Solidarität gegen Polizeigewalt!

Sven ist leider einer von vielen, die homofeindliche Gewalt in Deutschland erleben mussten. Er ist einer von wenigen, die die Kraft hatten, jahrelang vor Gericht für Gerechtigkeit zu streiten. Heute kann er einen großen Teil der LGBT-Gemeinschaft hinter sich wissen.

Die Geschichte der queeren Personen ist gekennzeichnet von Widerstand gegen Polizeiwillkür und staatliche Diskriminierung. Schon der CSD geht auf die Stonewall Riots zurück, bei denen sich BesucherInnen einer queeren Bar – vor allem Menschen mit wenig Geld aus der ArbeiterInnenklasse – gegen Polizeirepression wehrten.

Noch heute steht Sven vor der Herausforderung, gleichzeitig für seine Rechte zu kämpfen und die enormen Kosten der Gerichtsverhandlungen zu tragen. Er hat zu diesem Zweck ein Spendenkonto eingerichtet, um die Prozesskosten stemmen zu können.