Fast alle AsiatInnen sind – wie überhaupt die allermeisten Menschen – gesund und nicht vom Corona-Virus betroffen. Dennoch: Gerade wenn sie tausende Kilometer entfernt, etwa in Deutschland leben, müssen sich viele AsiatInnen mit der Krankheit auseinandersetzen. Der Grund ist unverhohlener Rassismus. – Ein Kommentar von Olga Wolf

Eine Bekannte fehlte neulich einen Tag lang auf ihrer Arbeit, krankheitsbedingt. Als sie zurückkam, konnte sie das nicht etwa ankündigen mit der freudigen Botschaft, dass sie wieder gesund sei. „Ich bin Koreanerin, ich war schon seit Jahren nicht mehr in Korea und ich habe nicht das Virus!“, lautete sinngemäß ihre Nachricht.

Sie musste sich so ausdrücken, denn was sie als junge Koreanerin in Deutschland erlebt, seit das Corona-Virus bekannt wurde, ist rassistische Ausgrenzung. Wenn sie in der Bahn husten müsse, würden sich Mitreisende wegsetzen. Zur Erkältungszeit, wohlgemerkt, wo Husten schon zum guten Ton gehört.

Das „chinesische“ Virus?

Deutsche Medien sprechen meist vom Corona-Virus. Die Ausnahme stellt der Spiegel dar, der „Made in China“ titelte. In europäischen Nachbarländern ist das anders, in Frankreich ist beispielsweise vom „virus chinois“ die Rede – vom chinesischen Virus.

Das macht einen gewaltigen Unterschied, denn die Worte, die wir benutzen, erzeugen Bilder im Kopf. Die google-Suchanfragen für „Coronavirus Bier“ gingen in den letzten Tagen steil. NutzerInnen assoziierten den Virus mit der gleichnamigen Biermarke. Wenn die Verbindung zu einer Biermarke so schnell gezogen wird, können wir uns schnell ausmalen, welche drastischen Konsequenzen es haben kann, die Krankheit mit einer Nationalität zu verbinden.

Hält EuropäerInnen den Spiegel vor

Etwas anderes ist auffällig: Menschen in Deutschland sind unglaublich ignorant, wie die Welt jenseits von Deutschland aussieht. Das ist gar nicht überraschend, man nennt das „Eurozentrismus“.

Zur Verdeutlichung: Eine Koreanerin zu fragen, ob sie vom Corona-Virus betroffen ist, ist absurd. Es wäre, als würde in Portugal die Grippe ausbrechen und ich würde meine FreundInnen in Bayern anrufen, ob es ihnen gut geht. Dennoch richtet sich die rassistische Ausgrenzung nicht nur gegen Menschen aus der chinesischen Region um Wuhan, sondern gegen alle, die nach europäischem Urteil so aussehen, als könnten sie entfernte Verwandte irgendwo auf dem asiatischen Kontinent haben.

„Alle, die Witze über Asiat*innen machen, bekommen eine Schelle“

Nhi Le ist Moderatorin und Journalistin, sie spricht unter Anderem über Feminismus und Antirassismus. Für die Witze, mit denen manche versuchen, ihren Rassismus zu verdecken, fand sie sehr deutliche Worte. „Alle, die Witze über Asiat*innen und Coronavirus machen, bekommen eine Schelle. Don’t even try to wrap your racism into a joke. [Versuch nicht mal, deinen Rassismus in einem Witz zu verpacken].“

https://twitter.com/dang_vht/status/1222053380375437313

Eine Redakteurin des heute-journals, T. Dang, klärte über twitter ebenfalls auf. Sie machte auch die rassistischen Reaktionen auf ihren Tweet öffentlich. „Wer bist du mir das vorschreiben zu wollen? Kannst mir erstmal auf entspannt die Fußnägel Schneiden“, schrieb ein Nutzer mit dem Usernamen Armer_Schlucker.

#IchBinKeinVirus

In Frankreich berichten unter dem Hashtag #JeNeSuisPasUnVirus tausende AsiatInnen über die Anfeindungen, die sie erleben. Mitmenschen setzen sich weg, setzen Atemmasken auf, stellen ignorante und unangemessene Fragen. Viele tragen ihren Rassismus aber noch viel offener zur Schau, etwa mit Beleidigungen im Netz oder auf der Straße.

Mit dem Hashtag wehren sie sich dagegen, dass mit blinder Panik und Unwissenheit rassistische Hetze gerechtfertigt wird. Diesen Text möchte ich mit dem Statement der Bloggerin Pocket Hazel beenden, die als Vietnamdeutsche über Corona und Rassismus spricht: „Es ist nicht ok, eure Angst und Panik in Diskriminierung umzuwandeln gegen asiatische Menschen. Informiert euch, um eure Angst zu minimieren.[…]Zur Frage, wie ihr euch jetzt verhalten solltet: Sei kein Arschloch.“


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