Im iranischen Teil Kurdistans werden die Menschen mit dem Kampf gegen das Coronavirus vom iranischen Staat allein gelassen. Sie nutzen dies als Chance und organisieren sich in Stadtteilkomitees. – Ein Bericht von Shoresh Karimi

Die Welt steckt durch das Coronavirus in einer großen Krise. Das tödliche Virus, das Tausende von Menschen getötet und das Leben von Millionen Menschen bedroht, hat die Verwaltung des Irans stark beeinträchtigt und viele Routinetätigkeiten praktisch gestört. Das Virus hat dabei auch die Ineffizienz des globalen kapitalistischen Systems aufgezeigt.

Der Iran ist nicht nur von dieser Pandemie betroffen, sondern ist zu einem der Hauptzentren für die Ausbreitung dieser Krankheit geworden. Die Zahl der Todesfälle ist sehr hoch. Der islamistische Staat Iran ist jedoch wie bei anderen Ereignissen auch betrügerisch und weigert sich, realitätsnahe Nachrichten zu liefern. Darüber hinaus gibt es keine freien Medien, die präzise Informationen zu dem Virus und den Todeszahlen veröffentlichen.

Die Führer des Regimes versuchen, die Öffentlichkeit zu täuschen und ihre Maßnahmen zu rechtfertigen, indem sie Verschwörungstheorien verbreiten. So soll das Virus von Feinden des Irans in das Land gebracht und verbreitet worden sein.

Stadtteilkomitees gegen Corona

Wenn das Regime den Menschen in einer so schwierigen Situation nicht helfen kann oder will, ist es natürlich, dass die Menschen nicht aufgeben und zusehen, wie diese Tragödie weiterhin vor allem die ärmsten und schwächsten Menschen tötet.

Dementsprechend haben sich vor allem in vielen Teilen der kurdischen Gebiete im Iran die Menschen selber organisiert. Sie nehmen gemeinsam mit sozialistischen Organisationen den Kampf gegen die Ausbreitung des Virus selber in die Hand.

In der Stadt Marivan wurde beispielsweise ein Komitee mit dem Namen „Volkskomitee der Stadtviertel gegen Corona“ ins Leben gerufent. Angesichts des Mangels an staatlichen Einrichtungen und Ausrüstungen zur Bewältigung dieser Pandemie hat diese Selbsthilfeorganisation die Aufgabe übernommen, die EinwohnerInnen in Marivan zu schützen.

Die Aktivität dieser Organisation, die sich aus sozialen AktivistInnen zusammensetzt, besteht darin, öffentliche Straßen, Gassen und Räume zu desinfizieren, Spenden zu sammeln und Desinfektionslösungen vorzubereiten und in den armen Gegenden zu verteilen.

In derselben Stadt haben sich auch andere Menschen zusammen getan und damit begonnen, spezielle Nylon-Schutzbekleidung und Masken zur Bekämpfung des Coronavirus herzustellen und diese an ArbeiterInnen in der Stadt zu verteilen.

Auch in der kurdischen Stadt Sanandaj wurden freiwillige Komitees gebildet, die „Unterstützer des Lebens“ genannt werden. Um die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern, werden hier die Straßen, Parks und Viertel der Stadt jede Nacht von den Komitees desinfiziert.

In vielen anderen Städten und Dörfern des iranischen Teils Kurdistans wurden solche Komitees mit dem gleichen Ziel gebildet. In dieser turbulenten und chaotischen Situation sind sie die Hoffnungsträger der Bevölkerung, während der iranische Staat die Menschen allein lässt.

Selbstorganisation statt staatlicher Strukturen

Seit dem Ausbruch der Pandemie haben sich diese Komitees immer weiter verbreitet und eine ganze Reihe an Institutionen geschaffen, um eine Gegenmacht von unten aufzubauen.

Dazu haben sie unter anderem ein Zentrum für die Beratungen und Entscheidungsfindungen errichtet. In einem weiteren Komitee werden die jungen Menschen versammelt und verteilt, die sich als Freiwillige melden. Zudem werden möglichst alle EinwohnerInnen mit Informationen über das Internet versorgt und Gruppen geschaffen, welche die Menschen bei Fragen beraten können.

Ein gemeinsamer Rat hat die Entscheidungsfindung übernommen. Er wird von dm Großteil der BewohnerInnen respektiert, und seine Entscheidungen werden von ihnen umgesetzt. Dieser Rat stellt zudem für die besonders bedürftigen und armen Familien die notwendige Ernährung sicher und organisiert die Bereitstellung spezieller Desinfektionskleidung für die Freiwilligen.

Das Virus ist nicht die einzige Gefahr

Es ist klar, dass die Verhütung, Bekämpfung und Eindämmung solcher Katastrophen eine der grundlegenden Aufgaben jeder Regierung sind. Das islamisch-kapitalistische Regime im Iran schätzt jedoch nicht nur das Leben seiner Bevölkerung nicht, sondern hat sich in seinen mehr als 40 Jahren an der Macht als noch weitaus schrecklicher und gefährlicher erwiesen als das tödliche Coronavirus.

Das Regime hat noch vor einigen Monaten tausende Menschen erschossen. Als Reaktion auf die Proteste der ArbeiterInnen, der StudentInnen, der Arbeitslosen, der LehrerInnen und der Frauen, die angesichts der Armut, der Arbeitslosigkeit, der Ungerechtigkeit, der Ungleichheit und der Unterdrückung in dem islamischen Staat auf die Straße gingen, reagierten sie mit direktem Feuer und töteten brutal tausende Menschen. Von einem solchen Regime können wir nicht erwarten, dass es die Menschen rettet.

Wenn während der Proteste im letzten Jahr die Jugendlichen der Vororte gegen die bewaffneten Kräfte des Regimes Barrikaden bauten und dieses reaktionäre Regime stürzten wollten, so können wir heute dieselben Jugendlichen in den Vororten sehen – aber heute kämpfen sie an einer anderen Front – an der Barrikade zur Verteidigung des Lebens und der Gesundheit der Gesellschaft. Das iranische Regime hingegen ist und bleibt auf der anderen Seite der Barrikade.


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