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Samstag, Februar 24, 2024
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    Das Gedenken lebendig halten!

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    Die Befreiung von Leningrad 1944 und Auschwitz 1945 – Der 27. Januar ist ein bedeutsamer Tag in der Erinnerung an die Verbrechen des deutschen Faschismus und des antifaschistischen Widerstands. Doch welche Bedeutung haben diese Gedenktage für uns noch heute und was nehmen wir an Erkenntnis mit? – Ein Kommentar von Mario Zimmermann

    Beim Putzen von Stolpersteinen, auf vielen Gedenktafeln, im Schulunterricht und in Museen – Auschwitz begegnet einem überall. Die Konzentrationslager Auschwitz I, II und III sind fest mit dem Andenken an die Verbrechen des deutschen Faschismus verbunden. Über 1,1 Millionen Menschen – der Großteil jüdische Menschen – wurden in dem Auschwitz-Komplex mit seinen über mehr als 50 Außenlagern ermordet. Die verschiedenen Lagerteile waren an Landwirtschafts- und Industriebetriebe angeschlossen. Dort wurden die Häftlinge bis zur Auszehrung und zum Tod ausgebeutet für die Profite der deutschen Monopole und die Versorgung der Kriegsfront mit Material. Mit Auschwitz III in Monowitz wurde das bereits das erste Lager direkt von einem Industriemonopol, dem Chemie-Unternehmen “IG Farben”, geplant, finanziert und errichtet.

    Nur 7.000 Häftlinge konnten am 27. Januar 1945 von der Roten Armee befreit werden, als der Lagerkomplex eingenommen wurde. Die zurückgelassenen Häftlinge galten als zu schwach, um die Todesmärsche Richtung Westen zu überstehen. Auf diesen Todesmärschen wurden noch weitere zig-tausend Menschen kurz vor Kriegsende von den Faschist:innen umgebracht.

    Blockade von Leningrad

    Zu dem Gedenktag gehört ein weiteres Kapitel faschistischer Verbrechen: Fast 900 Tage dauerte die Blockade von Leningrad (heute St. Petersburg) im Zuge des Überfalls auf die Sowjetunion an. In Leningrad lebten zu der Zeit ca. 3 Millionen Menschen. Im Lauf der Blockade sind über 1,1 Millionen Sowjetbürger:innen gestorben. Durch die vollständige Unterbrechung aller Versorgungswege in die Stadt konnten weder Essen noch Heizmittel in die Stadt gelangen.

    Die Blockade führte schnell zu einer katastrophalen Verschlechterung der Lebensbedingungen in der Stadt. Menschen fielen vor Erschöpfung auf der Straße um, oder sie starben still in ihren Wohnungen. Brigaden von jungen Komsomolz:innen (Kommunistische Jugendliche) durchsuchten Wohnungen auf der Suche nach Waisen in der Hoffnung, sie noch zu retten.

    Erst mit dem geeinten Kampf der westlichen Alliierten und der Roten Armee gelang es, dem Morden der Faschist:innen ein Ende zu setzen. Die Zahl der im Kampf Gefallenen beläuft sich auf mehrere Millionen, die ihr Leben gaben, um der SS und Wehrmacht den Todesstoß zu versetzen. Unter der Führung von Josef Stalin gelang es der Roten Armee schließlich die Blockade von Leningrad aufzubrechen. Mit erbitterten Kämpfen im Zuge des Vormarschs auf Berlin gelang es, die Konzentrationslager zu befreien.

    Was das „Nie wieder“ der Bundesregierung wert ist

    Beim Staatsgedenken geben sich Politiker:innen jedes Jahr geläutert. In glattgebügelten Ansprachen und Postings spricht Markus Söder beispielsweise davon, dass jeder in Deutschland „sicher und selbstbestimmt leben können” und man gegen Rechtspopulismus aufstehen müsse. „Nie wieder Ausgrenzung und Entrechtung, nie wieder Rassenideologie und Entmenschlichung, nie wieder Diktatur“, betonte auchr Bundeskanzler Olaf Scholz in seiner Ansprache.

    Die schön klingenden Worte sollen uns die derzeitige Politik der Bundesregierung vergessen lassen und uns mitnehmen in eine Fantasiewelt ohne Asyrechtsverschärfungen, ohne Waffenexporte an Kriegstreiber, ohne faschistische Terrornetzwerk in Polizei, ohne Bundeswehr und Geheimdienste oder Einschränkungen der Versammlungsfreiheit. Wie genau gegen „Ausgrenzung und Entrechtung“ vorgegangen werden soll: die Antworten bleiben uns die Politiker:innen schuldig.

    Der Faschismus bekommt neuen Aufwind in Deutschland und Europa. Wirtschaftskrise, Inflation, rassistische Hetze von Politik und Medien, Hetze gegen Arbeitslose nutzen den Faschist:innen von AfD, Identitärer Bewegung und Dritter Weg gleichermaßen. Brandanschläge auf Geflüchtetenunterkünfte und Angriffe auf Migrant:innen, Antifaschist:innen und LGBTI+Menschen sind noch stärker an der Tagesordnung.

    Die Parteien der sogenannten ‘demokratischen Mitte’ reagieren mit der Organisation von Massendemonstrationen gegen die AfD, setzen aber gleichzeitig die geforderte Abschottungspolitik um.

    Antifaschistisch gedenken und kämpfen

    Fernab von Medientrubel und Scheinwerferlicht zeigen Antifaschist:innen aller Generationen, wie lebendiges Gedenken ausschauen kann: Bei dutzenden Mahnwachen und Demonstrationen wurden am Samstag Gedichte verlesen, Lieder gesungen, Blumen abgelegt und sich auf schärfere Auseinandersetzungen mit dem erstarkenden Faschismus eingestimmt. Dabei wurde auch deutschen Widerstandskämpfer:innen – viele von ihnen im übrigen Kommunist:innen – gedacht.

    Die Vereinigung Verfolgter des Naziregimes – Bund Deutscher Antifaschisten und Antifaschistinnen (VVN-BDA) spielt bei der Organisation solcher Gedenken eine zentrale Rolle. Der 1947 gegründete Verband wurde von Überlebenden des Holocaust aufgebaut und hat das rote Dreieck als Symbol für politisch Verfolgte als Verbandszeichen. Er organisiert Zeitzeug:inneninterviews, dokumentiert die Geschichte des Widerstands, greift aktiv in die antifaschistischen Kämpfe mit ein und ist dabei anschlussfähig für breite Teile der Bevölkerung.

    Die Überlebenden und VVN-BDA-Mitglieder Ester Bejarano und Peter Gingold betonten in ihrem „Appell an die Jugend“ zum 50. Jahrestag der Gründung des VVN-BDA die Verantwortung der Jugend im Kampf gegen Faschismus, Krieg und Unterdrückung:

    „Wir hoffen auf Euch. Auf eine Jugend, die das alles nicht stillschweigend hinnehmen wird! Wir bauen auf eine Jugend, die sich zu wehren weiß, die nicht kapituliert, die sich nicht dem Zeitgeist anpasst, die ihm zu trotzen versteht, und deren Gerechtigkeitsempfinden nicht verloren gegangen ist.“

    Viele jugendliche Antifaschist:innen folgen dem Ruf bereits. Dabei zeigen sie, dass das Gedenken mit den aktuellen Kämpfen der Arbeiter:innenklasse und unterdrückten Nationen zusammenhängt. In Leipzig wurde z.B. eine palästina-solidarische Demonstration im Gedenken an die Opfer des Holocaust durchgeführt. Ihre Botschaft: Nie wieder – überall! In Berlin richtete sich eine Gedenkdemonstration in Berlin-Pankow direkt gegen die Akteur:innen des Dritten Wegs und zog durch das Viertel, in dem die Faschist:innen versuchen, Fuß zu fassen. Bei Zwischenstopps vor ehemaligen Aufenthaltsorten von kommunistischen Widerstandskämpfer:innen wurden deren Geschichten erzählt und den überwiegend jugendlichen Demoteilnehmer:innen näher gebracht. In ihren kämpferischen Parolen machten die jugendlichen Antifaschist:innen deutlich: “Nazis morden, der Staat schiebt ab – das ist das gleiche Rassisten-Pack!”

    Ob in den Schulen, Universitäten, Betrieben oder Stadtvierteln – das Gedenken an Auschwitz und die Blockade von Leningrad lebendig zu halten, geht uns alle an. Die Verantwortung aufzunehmen im Kampf gegen Faschismus, Krieg und Unterdrückung darf nicht an Gedenktagen halt machen und muss zu einem solidarischen Schulterschluss dieser Kämpfe führen. So wird das Gedenken an die Verbrechen der deutschen Faschist:innen im gemeinsamen Kampf wachsen und fortwährend erneuert werden können.

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