Samstagnacht, eine junge Frau wird angefahren, noch aus dem Auto heraus wird sie angepöbelt, einige Jugendliche werden Zeuge des Vorfalls, die Frau stirbt kurz darauf…. – Ein Kommentar von Anja Hentschel

Was wie der Beginn eines Hollywoodstreifens mit verzwickter Hintergrundgeschichte klingt, ist in meiner Heimatstadt tatsächlich passiert. Und zwar letzte Woche.

In Cottbus lässt es sich leben. Das finde nicht nur ich, sondern das sehen Menschen aus aller Welt so. Obwohl wir in einer relativ kleinen Stadt leben, die immer wieder um den Status als Großstadt fürchten muss, ist es hier bunt. Auf kleinem Raum kann man ziemlich viel erleben. Ich liebe genau das an Cottbus. Man kennt sich hier, aber es gibt doch immer wieder neue Gesichter und spannende Begegnungen.

Da ist aber eine Sache, die mich noch viel mehr bewegt. Eine Sache, die mich traurig und wütend zugleich macht. Cottbus ist verseucht! Und da rede ich nicht von all den Geflüchteten oder internationalen Studenten. Ich rede nicht von Muslimen oder Menschen, die halt anders aussehen oder eben gerade erst Deutsch lernen. Ich rede von all den Alltagsrassisten, Hobbyfaschisten, Nazischlägern und rechten Hetzern!

Ok, wie komm ich darauf? Die junge Frau, 22 Jahre alt, in etwa meinem Alter, kam aus Ägypten. Und sie wurde nicht einfach nur beleidigt, sondern sie wurde wegen ihrer Herkunft beleidigt. Als wäre es nicht ekelhaft genug, das Opfer eines Unfalls anzupöbeln. Nein, man kann da tatsächlich noch eine Schippe drauflegen. Diese Idioten widern mich an.

Seien wir doch mal ehrlich, auch so was ist in Cottbus an der Tagesordnung. Ständig passiert hier so etwas. Erst vor etwa 1 ½ Jahren wurden ausländische Studierende über das Gelände der Uni gejagt und mussten sich verschanzen. Jede Woche werden geflohene Menschen verprügelt. Ist doch auch egal, ob es sich dabei um Jugendliche handelt. Hauptsache drauf. Am Bahnhof tauchen Hakenkreuze auf. Ach, und Plakate mit dem Wunsch danach, dass Hitler doch wiederkommen möge. Man vermisse ihn hier so sehr. Wenn linke Fußballfans in die Stadt kommen, dann kann man schon mal damit provozieren, dass man sie vergasen möchte. Ist doch nur ein kleiner Nazi-Scherz. Haha, was habe ich gelacht. Alternative Jugendclubs werden mal aus Lust und Laune heraus angegriffen und dann kann man einer jungen Frau dort doch auch gleich noch eine mitgeben. Was treibt sie sich da auch rum. Selbst schuld. Freitagabends in der Innenstadt können schon mal 120 Nazis oder Patrioten oder wie auch immer sie sich nennen mit Pyro und Hassparolen über die Sprem (Spremberger Straße, Anm. der Red.) spazieren. Alles für die Verteidigung unserer Heimat. Ja klar, wenn das so ist.

Also bitte, was geht hier ab?! Das ist doch einfach nur noch krank. Ich liebe Cottbus wirklich sehr, es ist auch meine Heimat. Aber ich nehme das nicht als Vorwand, um meinen Menschenhass zu rechtfertigen. Es kotzt mich an. Das hier ist auch meine Stadt, aber sobald ich irgendwo hinkomme, werde ich gefragt. „Ach, aber in Cottbus, da habt ihr ja schon ein Naziproblem oder?!“

Ja, verdammt nochmal! Wir haben tatsächlich ein Naziproblem. Und noch immer wird ständig weggeschaut. Es wird stillschweigend ertragen. Man überlässt die Straßen kampflos all diesen Idioten. Die Polizei kommt „leider“ wieder 5 Minuten zu spät. Der Fußballverein spricht Erscheinungsverbote aus, die doch niemanden interessieren. Was soll das?

Klar, es gibt auch ein paar Antifaschisten. Die gehen dann halt auch zweimal im Jahr auf die Straße. Aber Leute, das reicht doch einfach nicht. Ich für meinen Teil hab keinen Bock darauf, mir von irgendwelchen Faschisten sagen zu lassen, was ich zu tun und zu lassen habe. Ich hab keinen Bock drauf, dass ich meine Freunde aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Italien, Albanien oder sonst wo morgen im Krankenhaus besuchen darf. Ich hab keinen Bock drauf, dass meine Stadt überall mit faschistischen Symbolen und Hassparolen geschmückt ist. Und ich hab vor allem keinen Bock mehr darauf, dass das hier scheinbar kaum jemanden interessiert. Auf die Bullen verlass ich mich schon lange nicht mehr, aber auf meine Freunde, Nachbarn, Bekannten und alle restlichen Cottbusser, auf die verlass ich mich schon. Hier muss sich endlich was tun! Cottbus ist zu schön, um es kampflos solchen menschenverachtenden Faschisten zu überlassen.

Und ich frage jeden von euch: müssen erst noch mehr Menschen ihr Leben lassen, damit sich hier jemand den Nazis in den Weg stellt? Für meinen Geschmack war das schon ein Menschenleben zu viel.