Den Begriff „Kapitalismus“ lesen und hören wir in den letzten Jahren wieder häufiger.

Wir denken dabei an Wirtschaftskrisen, gierige Banken, absurd hohe Managergehälter und die Verarmung der Mehrheit der Menschen. Auch Politiker und Medien sprechen von „Raubtier-“ oder „Casinokapitalismus“. All das ist richtig. Es macht aber Sinn, einmal der Frage nachzugehen, was genau Kapitalismus eigentlich ist. Und warum es richtig ist, zu sagen, dass ArbeiterInnen im Kapitalismus ausgebeutet werden.

43 Millionen Menschen in Deutschland waren im Frühjahr 2016 erwerbstätig. Wer arbeiten geht und nicht selbständig ist, heißt im deutschen Arbeits- und Steuerrecht auch „Arbeitnehmer“. Die Firmen, also Fabriken, Banken, Supermärkte, Callcenter usw. bezeichnet der offizielle Sprachgebrauch dagegen als „Arbeitgeber“.

Wenn man einen Moment darüber nachdenkt, stellt man jedoch fest, dass man im Sprachgebrauch diese Begriffe falsch herum benutzt: Denn es ist ja die beschäftigte Person, die ihre Arbeit „gibt“. Sie schließt einen Vertrag mit einer Firma ab, indem sie dieser ihre Arbeitskraft für z.B. 8 Stunden am Tag verkauft. Sie verpflichtet sich also, sich in diesem Zeitraum dem System der Firma zu unterwerfen und die Arbeit zu leisten, die ihre Chefs von ihr verlangen. Sie „gibt“ also Arbeit. Der Chef oder die Firma „nehmen“ sie wiederum. Denn ihnen gehören ja die Produkte, welche die Beschäftigten erzeugt haben. Und sie verkaufen diese, um Gewinn zu machen.

Es gibt in dieser Gesellschaft auf der einen Seite diejenigen (wenigen) Menschen, denen die Produktionsmittel – die Fabriken, Maschinen, Rohstoffe usw. – gehören. Diese Produktionsmittel bezeichnet man zusammen mit dem Geld, das in den Arbeitslohn investiert wird, als Kapital und seine Besitzer als Kapitalisten. Das Kapital soll Gewinn abwerfen.

Auf der anderen Seite gibt es die große Mehrheit der Menschen, die kein solches Kapital besitzen, sondern darauf angewiesen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um an Lebensmittel zu kommen. Das ist die ArbeiterInnenklasse.

Aber warum ist es richtig, zu sagen, dass die Kapitalisten die ArbeiterInnenklasse ausbeuten?

Für gewöhnlich denkt man, der Lohn für einen Arbeitstag sei die Gegenleistung für die Arbeit dieses Tages. In Wirklichkeit ist es anders: Denn die Produkte, die ein/e ArbeiterIn an einem Tag herstellt, sind immer deutlich mehr wert als das, was er oder sie als Lohn erhält. Für den Lohn ist nämlich nur ausschlaggebend, wie viel die Arbeitskraft der Beschäftigten wert ist. Was benötigt man aber, um einen Menschen und seinen Nachwuchs arbeitsfähig zu machen? Eine Wohnung, Lebensmittel, medizinische Versorgung usw. Die Kosten hierfür bestimmen den Wert der Arbeitskraft und damit den Lohn.

Was folgt daraus? Jede/r Beschäftigte arbeitet im Kapitalismus nur einen geringen Teil des Arbeitstages für sich selbst und den größten Teil völlig unentgeltlich für die Firma! Und nur aus dieser Mehrarbeit schöpfen Firmen ihren Gewinn. Das ist das Grundprinzip der kapitalistischen Ausbeutung. Einen „gerechten“ Lohn kann es also im Kapitalismus gar nicht geben.

Was passiert nach der Arbeit? Der Staat zieht Steuern und Sozialabgaben vom Lohn ab. Bei Normal- und Geringverdienern ist das in Deutschland heute häufig knapp die Hälfte! Dazu kommen indirekte Steuern wie Mehrwert-, Tabak- oder Benzinsteuer. Von dem, was übrig bleibt, müssen die ArbeiterInnen ihre Miete bezahlen, denn auch die meisten Häuser gehören den Kapitalisten. Je nach Wohnort kann die Miete noch einmal die Hälfte des Nettolohns ausmachen. Bis der erste Euro für Lebensmittel, Kleidung oder Freizeit verfügbar ist, kassieren noch Versicherungen, Banken, Verkehrsbetriebe, usw.

Kapitalismus beginnt also nicht erst da, wo Banken mit faulen Krediten zocken. Vielmehr stammen auch ihre ursprünglichen Gewinne aus der Mehrarbeit der Beschäftigten.

Kapitalismus heißt also: Es gibt auf der einen Seite der Gesellschaft die ArbeiterInnenklasse, die sämtlichen Reichtum produziert – und für die am Ende der geringste Teil von diesem Reichtum abfällt! Und es gibt auf der anderen Seite die Kapitalisten, die nur davon leben, dass ihnen ohnehin schon alles gehört. Um das zu ändern, müssen wir uns als überwiegende Mehrheit der Gesellschaft zusammenschließen und für unsere Interessen gemeinsam kämpfen.