Vom Mainstream werden „VerschwörungstheoretikerInnen“ gerne belächelt. „Aluhüte“ werden sie dann genannt. Erst wenn ihre Ideen massenwirksam vertreten werden, wie etwa von Xavier Naidoo, dann sind sie nicht mehr die lustigen, sondern plötzlich die gefährlichen Irren. Weiter geht die Kritik von bürgerlichen JournalistInnen und PolitikerInnen dann aber auch nicht.

Mit dem Entstehen von Herrschaft, Macht, Politik, Staat und Eigentum in der Geschichte der Menschheit entstand auch die „politische Verschwörung“ als eine Form des Kampfes um Macht und Herrschaft. So fiel bereits vor 2000 Jahren der römische Diktator Cäsar einer Verschwörung republikanischer Senatoren zum Opfer. Diese Form des Machtwechsels war bei Weitem kein Einzelfall in den frühen menschlichen Zivilisationen und dort, wo es Verschwörungen gibt, da gibt es auch Menschen, die sich über sie Gedanken machen und versuchen, sie vorauszuahnen oder aufzudecken.

Auch heute gibt es genug Beispiele für politische Verschwörungen. So kann man sicherlich von einer Verschwörung beim VW-Abgas-Skandal reden, bei dem eine eingeweihte Gruppe von einer – ansonsten geheimen, weil illegalen – Manipulationssoftware zur Senkung der ermittelbaren Schadstoff-Werte wusste. Wie weit diese Verschwörung reichte, kam erst nach und nach heraus, und es wird bestimmt noch mehr heraus kommen. Gemessen an 107.000 vorzeitig durch Stickoxide Verstorbenen im Jahr 2015  gar nicht mal so eine kleine Nummer. Der von der CIA inszenierte Putsch gegen den iranischen Präsidenten Mossadegh 1953 wäre ein weiteres staatspolitisches Beispiel allein der letzten 100 Jahre von wahrscheinlich unzähligen. Wer eine solche Verschwörung aufdecken möchte, der muss sich vorher gewissermaßen eine Theorie zusammenlegen und versuchen, diese zu be- oder widerlegen. Es gibt also durchaus „berechtigte“ Verschwörungstheorien.

Nun muss allerdings eine lange Reihe „aber“ folgen. Zum Ersten muss gesagt werden, dass diese Art „Verschwörungstheorie“ nicht die ist, die überwiegend gemeint ist, wenn von VerschwörungstheoretikerInnen die Rede ist. Gesprochen wird dann meist von jenen, die an „Chemtrails“, den Menschen heimlich eingepflanzte Ortungschips, oder gar an die Welt kontrollierende „Echsenmenschen“ glauben. Solche Menschen wollen überall die Machenschaften einer VerschwörerInnengruppe sehen. Hinter jedem gesellschaftlichen Missstand steckt der böse Plan von im Dunkeln agierenden, alles beherrschenden VerschwörerInnen. Diese sind dann abwechslungsweise die Bilderberger, die Rothschilds, die Illuminaten oder gleich die Juden. Kriege sind für diese Verschwörungsgläubigen dann auch nicht die Weiterführung der Politik konkurrierender kapitalistischer Staaten, die um Macht, Einfluss, Absatz oder Kapital-Wachstum streiten. Kriege sind für sie beispielsweise das Ergebnis eines perfiden Plans der Rothschild-Familie, die schon am Krieg an sich verdienen. Auch hinter Hunger, AIDS, Armut, Terror und allem Möglichen verbirgt sich für diese Menschen eine geheime Verschwörung.

Während Verschwörungsgläubige sich selbst gerne als „Erkennende“ oder „AufklärerInnen“ betrachten, tun sie in Wahrheit das genaue Gegenteil. Mit ihrer wahnhaften Suche nach Verschwörungen verdecken sie die dem Kapitalismus innewohnenden Dynamiken. Ihrer Logik zufolge müssten wir in der besten aller möglichen Welten leben, wenn nicht diese verflixten VerschwörerInnen am Werk wären. Daraus ergibt sich dann auch, dass sie keine gesellschaftlichen Alternativen anzubieten haben. Um die Gesellschaft bewusst zu verändern und menschliche Verhältnisse einzurichten, muss erst mal verstanden werden, wie die heutige Gesellschaft funktioniert und warum sie nicht in der Lage ist, unsere Bedürfnisse zu befriedigen.

Aufklärerisch wäre es also, wenn dem Kapitalismus sein Schleier der „Natürlichkeit“ entrissen werden würde. Es wäre zu zeigen, dass er selbst geschichtlich als Produkt von Klassenkämpfen entstand und seinerseits ebenso abgeschafft werden kann. Zu zeigen wäre, dass Armut, Arbeitslosigkeit, Krieg und Umweltverschmutzung nicht davon zeugen, dass sich einige Wenige nicht an die Spielregeln einer ansonsten tadellosen Gesellschaftsordnung halten, sondern all diese Erscheinungen Ergebnis der kapitalistischen Spielregeln sind. Aufklärerisch wäre es zu zeigen, dass es diese Spielregeln sind, die auf der einen Seite unerträgliche Armut und auf der anderen unvorstellbaren Reichtum schaffen. Egal, was Verschwörungsgläubige von sich selbst denken: sie halten sich selbst und jene, die sie erreichen, im Denken und Handeln innerhalb der kapitalistischen Ordnung gefangen. Hinzu kommt, dass ihre Ideologie Gewalt erzeugen kann, denn wer hinter allem Schlechten nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse sieht, sondern eine Gruppe von Sündern, der ist vielleicht auch bereit, gegen diese Gruppe mit Gewalt vorzugehen. Hat nicht der größte historische „Verschwörungswahn“ auch zur Tötung von über 6 Millionen Jüdinnen und Juden in Europa geführt?

Allein deshalb ist es unangebracht, den unkritischen Verschwörungslauben zu verharmlosen, indem man sich nur darüber lustig macht. Bürgerlichen KritikerInnen von Verschwörungsgläubigen fällt aber wahrscheinlich schon deshalb nichts Besseres ein, weil sie sich im Grunde auf demselben ideologischen Bodensatz bewegen. Unsere jetzige Gesellschaft wird ideologisch gerechtfertigt durch die demokratische Staatsform mit ihren Prinzipien von Gleichheit und Freiheit für alle BürgerInnen. Diese Prinzipien sollen die Gesellschaft als gerecht darstellen. Dabei ist es genau diese formale Gleichheit real ungleicher Menschen, welche die kapitalistische Herrschaft ausmacht. Für alle Menschen in unserem Staat gilt das Recht auf Privateigentum und das Recht auf staatlichen Schutz dieses Eigentums. Für den einen umfasst dieses Privateigentum aber der Inhalt der eigenen Wohnung und für einen anderen jedoch den Werksbesitz von BMW. Es haben auch alle das gleiche Recht, ihre Meinung in Wort und Schrift kundzutun und dennoch sind es real nur eine handvoll Medienkonzerne, die mit ihrer Meinung Millionen erreichen. So wie die LobbyistInnen großer Banken hat auch jeder andere Mensch das Recht, PolitikerInnen in Richtung seiner Interessen zu beeinflussen, nur interessiert dieses Interesse im Zweifel niemanden.

Wenn alle nach denselben Regeln zu spielen haben und diese als gerecht wahrgenommen werden, aber am Ende des Spiels immer Dieselben gewinnen und immer Dieselben verlieren, dann kann man zu dem Schluss kommen, dass jemand das Spiel manipuliert hat oder ganz gehörig bescheißt. Es ist logisch, dass ein solcher Umstand nur von denen reklamiert wird, die ständig verlieren. Darum findet Verschwörungsglauben in seinen unterschiedlichsten Ausprägungen auch so viel Gehör in migrantischen Communities und breiten Schichten der ArbeiterInnenklasse. Darum auch der arrogante Spott selbstverliebter JournalistInnen und Kulturschaffenden aus der oberen Mittelschicht.

Wenn wir die Gesellschaft ergründen wollen, dann müssen wir nicht nach den geheimen Mächten im Hintergrund Ausschau halten, sondern verstehen, welche ökonomischen, politischen, rechtlichen und ideologischen Faktoren wem, wie, und welche Macht verleiht. Wenn wir das erkannt haben, dann kann sich auch unsere widerständige Praxis nicht darauf beschränken, Verschwörungen zu enttarnen.
Wir werden dann die gesellschaftlichen Verhältnisse, welche so eingerichtet sind, dass wir nur verlieren können, im Ganzen in Frage stellen und angreifen müssen.