Interview mit Beritan Tolhidan und Baz Sor über den Aufbau einer „Internatioanlistischen Kommune Rojava“.

Am vergangenen Sonntag habt ihr bei einer Pressekonferenz in der nordsyrischen Stadt Kamischli die Gründung der „Internationalistischen Kommune Rojava“ bekannt gegeben. Was kann man sich genau darunter vorstellen? Wie würdet ihr die Idee, die hinter eurem Projekt steht, beschreiben?

Beritan Tolhidan: Die Internationalistische Kommune ist die erste Akademie für InternationalistInnen in Rojava, die nicht militärisch sein wird. Gleichzeitig wird es eine Art Koordinationszentrum sein, ein Anlaufpunkt für InternationalistInnen, die neu nach Rojava kommen. Es gibt viele FreundInnen, die schon länger in in Rojava in verschiedenen Bereichen arbeiten: in Kunst und Kultur, im Wirtschaftskomitee, in der Jugendarbeit, in der Frauenbewegung. Was bisher fehlte, war eine gemeinsame Struktur, um den Austausch und die Diskussionen aus den verschiedenen Bereichen zusammenzuführen. Die Kommune soll dafür eine Plattform bieten. Neben der Koordinierung bauen wir dabei auch die erste permanente zivile Akademie auf. Wenn die Aufbauphase abgeschlossen ist, sollen neu Ankommende dort ausführliche „perwerde, Bildung, bekommen können.

Baz Sor: Außerhalb Rojavas ist bisher kaum bekannt, dass es die Möglichkeit für InternationalistInnen gibt, sich auch im zivilen Bereich einzubringen. Natürlich auch, weil die militärisch bedrohliche Situation lange Zeit andere Formen der Beteiligung notwendig gemacht hat. Aber mit den großen Fortschritten, die die Revolution hier macht, ist es auch immer notwendiger, die Erfolge nach außen zu vermitteln, Verbindungen zu Freiheitsliebenden und Suchenden in aller Welt aufzubauen.

Was sind die Ziele eures Projekts?

Beritan Tolhidan: Kurz gesagt, wir wollen dazu beitragen, einen neuen, nachhaltigen Internationalismus voranzubringen. Die Revolution von Rojava, die FreundInnen, die sie mit ihrer Arbeit und ihrem Kampf ermöglicht haben, haben sich hier immer internationalistisch begriffen – es ging immer darum, ein freies Zusammenleben aller zu ermöglichen, sich gemeinsam zu organisieren und so eine Alternative zum System der kapitalistischen Moderne aufzubauen. Die Form des Internationalismus, die wir uns vorstellen, soll diese Philosophie und diese Praxis, die Basisdemokratie und die Befreiung vom Patriarchat und Staat lebt, mit anderen Gesellschaften verbinden.

Ihr habt mehrmals das Wort „perwerde“ verwendet. Was können wir uns darunter vorstellen?

Baz Sor: „Perwerde“, Bildung, hat in der kurdischen Bewegung eine so tiefe Bedeutung, dass wir es kurzerhand in unsere Alltagssprache übernommen haben. Bildung ist in der kurdischen Bewegung die Grundlage für alles. Es bedeutet eine kritische Annäherung an die Geschichte, das Verstehen der Gesellschaft und der Politik. Es ist das erste Mittel zur Entwicklung einer bewussten, kritischen Persönlichkeit. Bildung findet bei uns und in der Bewegung generell in festen Durchläufen statt, in fester Besetzung. Das heißt, eine Gruppe wird drei Monate gemeinsam lernen, Inputs hören, diskutieren und in dieser Zeit natürlich auch alle Aufgaben des gemeinsamen Lebens kollektiv bestreiten. Neben politischer, philosophischer und soziologischer Bildung macht Sprachunterricht einen wichtigen Teil aus.

In welchem Verhältnis steht eure internationalistische Kommune zu den Selbstverwaltungs- und Selbstverteidigungsstrukturen in Rojava?

Beritan Tolhidan: Wir arbeiten mit der „Jugendbewegung Rojava“ YCR (Einheit der Jugend Rojavas) und der „Bewegung der jungen Frauen“ YJC (Einheit der jungen Frauen) zusammen. Über die Jugend sind wir auch mit der Selbstverwaltung verbunden. Dabei ist uns die Zusammenarbeit mit den Jugendstrukturen und anderen Teilen der Gesellschaft sehr wichtig. Als InternationlistInnen wollen wir keine HelferInnen von außen sein, sondern Teil der gesellschaftlichen Prozesse. Dafür müssen wir natürlich auch eurozentristische und orientalistische Annäherungen an die kurdische Bewegung und die Gesellschaft in Rojava überwinden. Wir sind nicht hergekommen, um die Kultur der Europäischen Linken zu verbreiten. Stattdessen müssen wir unseren Horizont erweitern und unser Wissen über das Paradigma und die revolutionären Ansätze der kurdischen Bewegung vertiefen. Nur so können wir einen sinnvollen Beitrag leisten und selbst Teil der Revolution in Rojava werden.

Baz Sor: Wir sind organisatorisch nicht mit den militärischen Strukturen verbunden. Für die Organisierung von InternationalistInnen innerhalb von YPG/YPJ (Volks- und Frauenverteidigungseinheiten) gibt es eine eigene Struktur, „YPG-International“. Auch wenn die YPG/YPJ natürlich eine Kraft sind, die aus der Gesellschaft kommen, gibt es eine Trennung von Zivilem und Militärischem.

Beritan Tolhidan: Es ist wichtig zu verstehen, dass Selbstverteidigung mehr ist als physische Selbstverteidigung mit der Waffe in der Hand. Wenn wir über Selbstverteidigung reden, meinen wir damit umfassende gesellschaftliche Selbstverteidigung auf allen Ebenen, vor allem Verteidigung des Bewusstseins. In diesem Sinne sind wir natürlich auch Teil der Selbstverteidigung, auch wenn wir nicht zur YPG oder YPJ gehören.

Welche Aufgaben seht ihr für euch und das Projekt in Zeiten, in denen Rojava bzw. die „Nordsyrische Föderation“ nach wie vor einer immensen militärischen Bedrohung ausgesetzt ist?

Beritan Tolhidan: Physische Selbstverteidigung gegen die Feinde der Revolution ist wichtig, aber damit Rojava überlebt, müssen wir auch den Aufbau der Gesellschaft vorantreiben. Eine Revolution bedeutet nicht nur bewaffneten Kampf, „nicht nur Waffen und Explosionen“ wie der gefallene Freund Rustem Cudi gesagt hat. Den Wiederaufbau der Gesellschaft zu unterstützen und an der ideologischen Selbstverteidigung zu arbeiten ist genau so wichtig für das Überleben der Revolution wie ihre militärische Verteidigung. Denn die Angriffe gegen Rojava sind nicht bloß physische Angriffe. Der türkische Staat versucht in Kobane, Drogen in der Gesellschaft zu verbreiten. Die KDP hält an ihrem Embargo fest und die USA versuchen, die militärische Zusammenarbeit zu nutzen, um neoliberale, kapitalistische Lebensweisen und den Gedanken der Abhängigkeit in die Gesellschaft zu tragen. Zudem versucht sich das Assad-Regime, bei den feudal denkenden Teilen der Gesellschaft einzuschmeicheln.

Wie wollt ihr den Austausch zwischen der internationalen revolutionären Bewegung und den in den vergangenen Jahren in der Revolution in Rojava gemachten Erfahrungen organisieren? Was sind hierbei die für euch wichtigsten Punkte?

Baz Sor: Die Voraussetzung für einen Austausch ist zuerst einmal zu verstehen, wie die Revolution hier funktioniert. Wie funktioniert die Gesellschaft? Was sind Probleme der Gesellschaft, wie geht die Bewegung sie an? Die Aufgaben und Probleme, mit denen wir hier in der Revolution konfrontiert sind, sind teilweise denen sehr ähnlich, die wir aus unseren Zusammenhängen zu Hause kennen.

Beritan Tolhidan: Die Grundvoraussetzung, um die Revolution zu verstehen zu können, ist Bildung. Deswegen müssen wir uns jetzt erstmal darum kümmern, dass die Akademie steht und wir mehr Leute herbringen können. Während manche auf lange Zeit in den revolutionären Strukturen hier weiterarbeiten werden, werden andere auch nach einiger Zeit zurückkehren und ihre Erfahrungen von hier in die Bewegungen ihrer Herkunftsländer tragen. Gleichzeitig versuchen wir natürlich, so viel wie möglich von dem, was wir lernen, durch Veröffentlichungen in der Welt zu verbreiten. Wichtig ist, dass wir sehen, dass Austausch eben keine Einbahnstraße ist und wir, wenn wir wollen, dass die Revolution sich ausbreitet, voneinander lernen müssen und nicht versuchen, uns lediglich zu belehren.

 

Weitere Infos unter: internationalistcommune.com und Facebook