Interview mit Nadja Kárász über Ausbeutung, Sexismus, Lohn- und Arbeitsbedingungen in der Gastronomie

Seit wann arbeitest du in der Gastronomie und wie kam es dazu?

Als Schülerin hab ich nie besonders viel Taschengeld bekommen. Meine Mutter hat in jungen Jahren ihre Ausbildung abgebrochen und hat als Alleinerziehende Gelegenheitsjobs gehabt, also ist Putzen gegangen usw. Da ist nie besonders viel übrig geblieben, was man den Kindern hätte zustecken können. Deshalb hab ich angefangen, in der Gastro zu arbeiten.

Erstmal im Freibad, Bierzapfen. Da war ich noch in der Realschule. Dann gab’s da noch eine Shisha-Bar, die dem Vater von einem Klassenkameraden gehörte. Da hab ich dann angefangen, für 5 € die Stunde. Da war ich 16. Das ging aber nicht besonders lange.

Und der nächste Job war dann ein Club, dort arbeite ich heute noch. Nach meiner Ausbildung zur Friseurin habe ich noch die Fachhochschulreife gemacht und wollte von Zuhause ausziehen. Ich habe Bafög bekommen, und um noch ein bisschen mehr Geld zu haben, habe ich dort an der Garderobe angefangen. Nebenher hab ich noch in einer Kneipe gearbeitet, weil ich in dem Club nicht so viele Schichten bekommen habe, damit es zum Überleben reicht. Da hab ich dann auch wieder für 5€ die Stunde gearbeitet, bar auf die Hand, also schwarz.

5 € die Stunde? Ist das die Regel?

In dem Club waren es am Anfang 7,50 € die Stunde plus Umsatzbeteiligung, und das ist auch so geblieben bis der Mindestlohn kam. Dann fiel die Umsatzbeteiligung weg und wir haben auf Trinkgeld umgestellt. Davor ist das Trinkgeld alles in die Kasse gewandert und dann wurde pro Nase pro Stunde prozentual aufgeteilt. Pro Monat waren das dann so zwischen 600-700 € Lohn für zum Teil 3 Nächte pro Woche, aber sehr unregelmäßig. Meiner Erfahrung nach und was ich so von Leuten auch aus anderen Städten mitbekomme, ist das eigentlich immer ähnlich.

Ich habe den Eindruck, dass es mit der Schwarzarbeit in den letzten Jahren weniger geworden ist. Aber als ich eingestiegen bin, war das schon üblich. Es gab seitdem öfters Zollkontrollen und das Risiko wurde für die Chefs höher. In einer großen Disko, die auch bekannt ist, sind natürlich häufiger Kontrollen, als in irgendeiner kleinen Eckkneipe. In der kleinen Eckkneipe werden die Leute immer noch schwarz arbeiten, für 5 € die Stunde.

Wie sind denn die Arbeitszeiten?

Mit dem Mindestlohn kam bei uns auch die Regelung, nur noch 10 Stunden am Stück arbeiten zu dürfen. Das war für viele Läden ein großes Problem, weil die Schichten normalerweise viel länger gehen. Als ich angefangen habe in dem Club, gab es noch keine Früh- und Spätschicht. Man hat, wenn es ein Konzert gab, um 19 Uhr angefangen und dann bis morgens um 8 oder 9 Uhr durchgearbeitet. Offiziell Pause macht niemand. Höchstens ab und zu mal aufs Klo oder eine rauchen. Ich kenne das eigentlich nur so, dass es so lange Schichten sind. Jetzt hat sich das vielleicht ein kleines bisschen geändert. Aber in den meisten Betrieben wird da nicht großartig drauf geachtet. Man schreibt es auf dem Papier dann anders.

Man muss auch viel spontan arbeiten. Es ist oft so, dass man kurzfristig angerufen und gefragt wird, ob man in einer halben Stunde da sein kann. Früher haben wir immer erst Anfang der Woche den Schichtplan bekommen und der war jede Woche anders. Und dann kamen noch zusätzlich Anrufe. Es wird von einem erwartet, dass man immer auf dem Sprung und immer bereit ist „den Kollegen zu helfen“.

Die Chefs stellen ungern ausreichend Personen in den Laden. Die meisten Chefs fahren erst mal auf Sparflamme, haben wenig Personal im Laden, um weniger Ausgaben zu haben. Das ist für das Personal natürlich eine unangenehmere Arbeit. Man muss viel schneller rennen, hat nicht mehr die Zeit, sich angemessen um jeden Gast zu kümmern. Es ist schnell einfach nur noch Abarbeiten, Abfertigen. Service bleibt auf der Strecke.

Wie bist du denn angestellt? Hast du einen Arbeitsvertrag?

Mit einem Arbeitsvertrag hat es erst geklappt, als eine Kollegin, mit der ich mich gut verstanden habe, im Büro angefangen hat. Und dann die Chefs gedrängt hat. Weil ich eigentlich schon Vollzeit gearbeitet habe, ohne entsprechende Absicherung. Ich hatte keine Krankenversicherung und war nur auf Minijob-Basis angestellt. Es hat mehr als 2 Jahre gedauert, bis ich fest angestellt worden bin. Davor habe ich einfach kein Geld verdient, wenn ich krank war. Zum einen fehlt dann das, was man in den Stunden verdient hätte, und natürlich auch das Trinkgeld, mit dem man fest rechnen muss.

Was Urlaub angeht, ist es ähnlich. Es kam mir am Anfang gar nicht so blöd vor. Wenn ich irgendwo hingehen wollte und Geld hatte, konnte ich auch gehen. Ich hab einfach gesagt, ich bin dann und dann nicht da und dann hat das gepasst. Ich musste keinen Urlaubsantrag stellen. Andererseits hab ich natürlich auch kein Geld verdient in der Zeit. Also kein bezahlter Urlaub.

Das hat sich dann geändert, als ich einen festen Vertrag bekommen habe. Das liegt aber vor allem auch an der Kollegin, die sich im Büro für mich eingesetzt hat. Die hat sich darum gekümmert, dass das alles korrekt abläuft. Die ist jetzt seit ein paar Monaten nicht mehr da und man merkt schon, dass es alles wieder ein bisschen bergab geht. Es interessiert sich einfach niemand mehr dafür, ob man entsprechend Urlaubstage nimmt und dann auch dafür bezahlt wird.

Du bist Barkeeperin? Was gehört denn alles zu deiner Arbeit dazu?

Ich fühl mich wie ein Mädchen für alles. Es wird von mir erwartet, dass ich den Laden im Blick habe und mich um alles kümmere, was so anfällt. Also nicht nur hinter der Bar stehen und die Gäste bedienen. Ich muss mich auch um die Gerätschaften kümmern, dass die laufen, wie z.B. die Eismaschine. Ich schaue, dass die Toiletten benutzbar sind. Die Musikanlage, die Lichtanlage. So was kommt dann auch noch alles dazu. Es fällt auch viel Drecksarbeit an, die niemand gerne erledigt, die aber von irgendjemandem erledigt werden muss. So was wie putzen, Altglas wegbringen.

Und auch mit der Sicherheit am Arbeitsplatz ist es sehr schwierig. Ich musste eine Zeit lang tagsüber housekeeping machen. Und dazu gehörte auch, die Diskokugeln und Lichttraversen abzustauben, und wir hatten keine intakte Leiter im Laden. Das heißt, ich musste immer mit so einer Leiter, der mittendrin drei Stufen gefehlt haben, in 4 Metern Höhe die Decke abstauben. Ich musste diese Arbeit machen und dann stand nicht mal geeignetes Arbeitsmaterial zur Verfügung.

Oder wenn man beim Müll wegbringen lauter Müllsäcke mit Scherben drin hat und dann keine richtigen Arbeitshandschuhe, oder Toiletten putzen muss ohne Putzhandschuhe. Durch die Scherben hat man oft kleine Schnittwunden an den Händen und ist einem Infektionsrisiko ausgesetzt. Und natürlich auch, wenn man immer bei lauter Musik arbeitet, sollte man auch dementsprechend Gehörschutz bereitgestellt bekommen. Aber das ist auch nicht passiert.

Wie ist es als junge Frau in der Gastronomie zu arbeiten?

Mein Chef in der Shisha-Bar hat einmal zu mir gesagt: „Wenn du nicht so ein hübsches Mädel wärst, dann würde ich dich sofort rausschmeißen.“ Ich hab mich extrem vor den Kopf gestoßen gefühlt, als er das gesagt hat. Weil ich der Meinung war, dass ich gute Arbeit leiste und er hat meine Arbeit komplett als wertlos dargestellt.

Auch in dem Laden, in dem ich jetzt arbeite, ist es so, dass wenn neue Leute eingestellt werden sollen, extrem darauf geachtet wird, dass die auch gut aussehen, vor allem bei Frauen. Männer müssen vor allem kräftig sein und schnell arbeiten können. Aber bei Frauen kommt es extrem aufs Aussehen an. Wenn eine Frau nicht so gut ankommt bei den Gästen, rein äußerlich, dann hat sie den Job auch meistens nicht so lang. Die Chefs versprechen sich davon mehr Umsatz, also dass es Gäste anlockt, und das funktioniert ja auch. Das ist natürlich bitter, wenn einem bewusst wird, dass man als Gäste-Magnet eingesetzt wird.

Denkst du, dass Veränderungen für die Arbeitsbedingungen möglich sind?

Ich habe schon öfters darüber nachgedacht, dass es schon was bringen würde, wenn sich die Angestellten einfach mal zusammentun und miteinander über ihre Probleme reden würden und dementsprechend auch Forderungen stellen. Wenn man einfach mal streiken würde…

Ich kenne aber niemanden, der in der Gastro arbeitet und in der Gewerkschaft ist. Ist auch schwierig, weil es ein kleiner Rahmen ist. Und das hat auch damit zu tun, dass so viele Leute nur nebenher in der Gastro arbeiten, vor allem Schüler, Studenten, Auszubildende. Leute, die keine finanzielle Unterstützung von ihren Eltern bekommen können. Für die ist es nur ein vorübergehendes Ding. Wenige haben ernsthaft vor, lange in der Gastronomie zu arbeiten.